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Im Atelier von Fred Schierenbeck: V. l. Adelheid Speer, Vilma Pduschek, Elke Wolf, Regina Knappert, Fred Schierenbeck, Holger Köhler und Ilona Neumann. Die Besucher haben Gelegenheit, bei jedem einzelnen Künstler vorbeizuschauen. Fotos: Karin Prignitz - © Karin Prignitz
Im Atelier von Fred Schierenbeck: V. l. Adelheid Speer, Vilma Pduschek, Elke Wolf, Regina Knappert, Fred Schierenbeck, Holger Köhler und Ilona Neumann. Die Besucher haben Gelegenheit, bei jedem einzelnen Künstler vorbeizuschauen. Fotos: Karin Prignitz | © Karin Prignitz

Oerlinghausen Kunst erleben mit allen Sinnen

Sieben Kunstschaffende zeigen ihre Arbeiten einem breiten Publikum. Einige gehen unter die Haut

Karin Prignitz
09.09.2019 | Stand 08.09.2019, 19:33 Uhr

Oerlinghausen. Eintausendsiebzehn Menschen hat Elke Wolf auf ein Bild gebracht. Gruppenweise sind sie durchgestrichen. Alle haben einen roten Punkt, der das Herz symbolisiert. Herzen, die aufgehört haben zu schlagen, weil von 1940 bis 1943 1.017 Patienten als „gänzlich gemeinschafts- und arbeitsunfähig“ in Tötungsanstalten deportiert worden sind. Das Bild nimmt Bezug darauf und ist entstanden für die Ausstellung „Innenwelten“. Die vielen Besucher des dritten Atelierfestes der „KunstWerkstatt“ hatten bereits vorher Gelegenheit, sich einen Eindruck zu verschaffen. „Wir sind vom LWL-Klinikum Gütersloh angesprochen worden“, erzählt Elke Wolf von der Initialzündung. „Vier Ausstellungen wird es anlässlich des 100-jährigen Bestehens vom 13. Oktober bis 15. Dezember geben, wir gestalten die letzte.“ Beim Thema habe es nahe gelegen, einen bildnerischen Ausdruck für psychische Erkrankungen zu finden. Zufällig, sagt Elke Wolf, sei sie auf die Zahl 1.017 und die dazugehörige Geschichte gestoßen. Dass all diese Menschen ihr Leben lassen mussten, sei ihr sehr nahe gegangen. „Die Leinwand wurde immer voller, die Figuren mussten immer näher zusammenrücken.“ Diese Menge, das sei einfach unvorstellbar und kaum auszuhalten gewesen. Für diese Arbeit ist Elke Wolf von ihrer sonst eher humoristischen Ausdrucksweise abgewichen. Regina Knappert wird Bilder beisteuern, auf denen Kreuze und Grabsteine angedeutet sind. In den offenen Ateliers im ehemaligen Pinguin-Gebäude an der Rudolf-Diesel-Straße hatten Vilma Paduschek, Fred Schierenbeck, Holger Köhler und die vier Künstlerinnen der Gruppe Schicht: Regina Knappert, Adelheid Speer, Ilona Neumann und Elke Wolf neben dieser Vorschau noch wesentlich mehr zu zeigen. So gänzlich unterschiedlich wird gearbeitet, dass die Besucher sich in jedem der Räume und in den Fluren auf eine spannende Seh-Reise begeben können, die bis hinunter in den Keller führt. Die Stationen des Lebens hat Adelheid Speer festgehalten. Zerrissenheit, Mitteilungen, Kreativität, Licht und Schatten, „das sind Überlegungen, die letztlich jeder für sich selbst anstellen muss“. Auf dem Außengelände sind Tische und Bänke aufgestellt worden. Der Duft von Bratwürstchen mischt sich mit dem von röstfrischem Kaffee der mobilen „Röst-Station 60“ von Frank Siede und den Weintropfen des „Lolla Rossa“ von Kathrin Steiger-Teuber. Volkslieder eigenwillig arrangiert Für die musikalische Untermalung mit sommerlichen Klängen sind erneut Gitarrist Fernando Corte aus Werther und Keyboarder Kai Knappert zuständig. Sie bringen zwei Musikerinnen mit, die beim Atelierfest ihren allerersten öffentlichen Auftritt haben. Karin Scheithauer und Alina Tinnefeld (Akkordeon, Trommeln, Bass, Gitarre, Gesang) covern Lieder und geben ihnen den eigenen Touch. Folk, Chanson, Swing und alte Volkslieder haben sie „sehr eigenwillig arrangiert“. Ihr Klangexperiment kommt gut an. Die Aufregung ist schnell verflogen. Ebenfalls auf dem Außengelände haben sich als Gäste Schmied Michael Raum und Manfred Bödeker aufgebaut. Während der Bielefelder Fund- und Schrottplatzteile aus aller Herren Länder zu Kunst verarbeitet, zieht Michael Raum symbolisch den Hut. Auch seine eisernen Leitern und Figuren finden großen Anklang. Die „KunstWerkstatt Oerlinghausen“ ist ohnehin ein fester Bestandteil der Kunstszene in Lippe. Vielseitig, kreativ, offen, modern, so präsentieren sich die sieben Mitglieder. Viel Anerkennung erntete die Gruppe „Schicht“ bereits bei ihrer Ausstellung im Frühjahr im Haus Neuland. Dort ging es um das politische Thema: „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.“ Auch diesmal haben interessante Gespräche, Anregungen und ein positiver Gedankenaustausch im Vordergrund gestanden. Die Maxime der „KunstWerkstatt“: Kunst erleben und genießen mit allen Sinnen.

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