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Prost: Martin Sommer (l.) und sein Sohn Tobias haben im "Saal" des "Ratsstübchens" am Stammtisch auf dem Podest Platz genommen. Alles an dieser urigen Kneipe ist winzig und umso gemütlicher. - © Karin Prignitz
Prost: Martin Sommer (l.) und sein Sohn Tobias haben im "Saal" des "Ratsstübchens" am Stammtisch auf dem Podest Platz genommen. Alles an dieser urigen Kneipe ist winzig und umso gemütlicher. | © Karin Prignitz

Oerlinghausen Die winzige Ameisenbar ist Kult

In Oerlinghausen gibt es sie noch, die urige Kneipe. Etwas versteckt liegt sie und hat gleich mehrere Alleinstellungsmerkmale zu bieten

Karin Prignitz
08.09.2019 | Stand 06.09.2019, 17:58 Uhr

Oerlinghausen. Nach der Arbeit noch schnell auf ein Bierchen in die Kneipe. Zu früheren Zeiten gehörte das für viele Menschen ganz selbstverständlich dazu. Denn wo sonst konnten in geselliger Runde Dorfereignisse aus erster Hand ausgetauscht, ein gepflegter Skat gekloppt und geknobelt werden. Längst hat sich diese Tradition verflüchtigt. Die gute alte Kneipe ist zum Auslaufmodell geworden. In Oerlinghausen aber gibt es eine mit besonderem Charme. Das „Ratsstübchen“ an der Rathausstraße feiert in diesen Tagen das 25-jährige Bestehen. Martin Sommer kann sich noch gut an die Einweihungsfeier erinnern, denn an diesem Tag feierte er zugleich seinen Geburtstag. „Zu meinen Gästen gehörte Carl Ludwig Wachsmuth-Melm.“ Der im Jahr 2015 verstorbene Apotheker hatte ihn seinerzeit auf die Idee gebracht, eine kleine Kneipe in Anlehnung an den ehemaligen „Bremerhafen“ zu planen. „Der Laden war direkt mit der Kneipe verbunden“ Im Eisenwarenhandel Bremer am „Bremer-Eck“ war mehr als ein Jahrhundert lang von Schrauben bis zu Haushaltsartikel alles veräußert worden. „Bis 1961 gehörte eine Kneipe dazu“, erzählt Heiner Bremer. Die heiß eigentlich ebenfalls Bremer, erhielt aber schnell den Spitznamen „Bremerhafen“. Die Oerlinghauser seien nach dem Kirchgang gekommen, um sich zuzuprosten, „gleichzeitig wurden Gerätschaften gekauft, die für die Arbeit benötigt wurden“. Heiner Bremer verweist auf eine bauliche Besonderheit: „Der Laden war direkt mit der Kneipe verbunden.“ Als sein Vater Paul-Heinrich Bremer Geschäft und Kneipe aus Altersgründen aufgab, erwarb Martin Sommer das Haus. 1992 wurde es abgerissen, zwei Jahre später ein neues Geschäfts- und Wohnhaus eröffnet. Umgesetzt worden sei diese Maßnahme mit Architekt Peter Göhn und Bauunternehmer Albert Coesfeld. „Im Laufe der Bauphase wurde das Gebäude aufgeteilt in drei Geschäfte und die Kneipe.“ Martin Sommer, der zuvor lange in Berlin gelebt hatte, kannte kleine Eckkneipen und orientierte sich daran. Aus „Bremerhafen“ wurde das „Ratsstübchen“. Doch auch hier setzte sich der Volksmund schon bald durch. „Hier ist überall Oerlinghauser Geschichte festgehalten“ Wegen ihrer urigen Enge wurde die winzige Schankwirtschaft schon bald in „Ameisenbar“ umgetauft. Alles ist dort klein. Selbst der „Saal“ auf einem Podest besteht lediglich aus einem Stammtisch mit Bänken drumherum. Ein solcher Stammtisch gehörte lange zur deutschen Alltagskultur wie das Schützenfest und die Kehrwoche. Doch mittlerweile gibt es den Ort bürgerlicher Befindlichkeiten und klarer Worte seltener. In der Bergstadt hält sich eine solche kleine Kneipe wie das unbeugsame Dorf der Gallier, die unermüdlich Widerstand leisten. „Von hier oben hat man den Überblick“, scherzt Martin Sommer, der mit seinem Sohn Tobias am Stammtisch Platz genommen hat. „Und wenn die Tür aufgeht, blickt man direkt zum Rathaus.“ Damit man das auch im Innern immer vor Augen hat, ließ Sommer eine Tiffany-Einlegearbeit fertigen. Was die Ameisenbar neben ihrer Winzigkeit außerdem unvergleichbar macht, sind die Wandbemalungen. Quasi über Nacht sind sie von einem Maler aus Kassel erschaffen worden. Chronist und Bürgermeister August Reuter hat der Mann, dessen Wohnwagen vor der Tür parkte, verewigt. Reuter schaut in Richtung des alten Bergstädter Wappens, das an die Stadtwerdung erinnert. Erinnerungen an Sascha mit den Stöckelschuhen „Hier ist überall Oerlinghauser Geschichte festgehalten“, sagt Martin Sommer und deutet in die Runde. Sprüche stehen dort, Gebäude sind zu sehen, darunter natürlich das alte „Bremerhafen“ und die Apotheke. Diese Malereien jemals überzustreichen, das kommt natürlich nicht in Frage. Auf den Regalen stehen neben anderen die Embleme von TSV, der Tönsbergwacht, der Vümften und der Thekentaucher. Über der schmalen Wendeltreppe baumeln Schals diverser Fußballmannschaften. Im Außenbereich ist ein Stehtisch platziert. „Wenn es fünfmal klingelt, bedeutet das, das fünf Viertel im Halben gewünscht werden“, erläutert Tobias Sommer. Viertel im Halben? Auch das ist ein Alleinstellungsmerkmal: ein halbvolles Bierglas, „das hat irgendjemand mal eingeführt, dafür ist die Ameisenbar bekannt“. Erster Pächter war Karl-Heinz Birkemeyer, ein Mann, der nicht viele Worte machte. Seine Frau Gisela habe die Gäste, wenn es denn nötig war, auch schon einmal nach Hause gebracht, erzählt Martin Sommer. Zweiter Pächter wurde, ebenfalls zehn Jahre lang, Richard Walbert. Ihm folgte für kurze Zeit Sascha. Ab und zu sei der mit roten Stöckelschuhen durch die Stadt gelaufen. Ein Original eben, „und ausgesprochen beliebt“, betont Martin Sommer. Leider sei Sascha früh verstorben. Ein Foto von ihm steht im Thekenbereich. Heute ist es Andreas Lazaridis, der auch das „Jägerhaus“ betreibt, der hinter dem Zapfhahn steht. Von dort aus bewirtet er beispielsweise den „Di-Do-Stammtisch“, dessen Mitglieder dienstags und donnerstags zu Gast sind. Geöffnet wird außerdem freitags und samstags. Nach wie vor, erzählt Tobi Sommer, „kommen Besucher aus allen Berufssparten vom Handwerker bis zum Anzugträger“. Denn die winzige „Ameisenbar“, die ist eben etwas ganz Besonderes und hat in 25 Jahren nichts von ihrem Charme verloren.

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