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Lange geforscht: In seinem Buch beschreibt Sven Högermann die Geschichte der ehemaligen jüdischen Familien in Oerlinghausen. Dazu dienen ihm Geburts-, Heirats- und Sterberegister. - © Knut Dinter
Lange geforscht: In seinem Buch beschreibt Sven Högermann die Geschichte der ehemaligen jüdischen Familien in Oerlinghausen. Dazu dienen ihm Geburts-, Heirats- und Sterberegister. | © Knut Dinter

Oerlinghausen Helpuper arbeitet jüdische Geschichte auf

Nach umfangreicher Arbeit in Archiven hat Sven Högermann sein Buch über die Geschichte der „Juden in Oerlinghausen“ vorgelegt

Knut Dinter
15.08.2019 | Stand 14.08.2019, 18:19 Uhr

Oerlinghausen. „Juden waren über Jahrhunderte hinweg Bestandteil des Lebens meiner Heimatstadt Oerlinghausen, bis sie dem Rassenwahn der NS-Zeit zum Opfer fielen, auswandern mussten oder umgebracht wurden“, schreibt der Helpuper Sven Högermann. „Diese Zeit darf niemals vergessen werden.“ Mit seinem soeben veröffentlichten Buch möchte er einen Beitrag zur Erforschung der jüdischen Geschichte leisten, an die unermesslichen Verbrechen erinnern und zugleich eine Mahnung an die Leser weitergeben, den Menschen anderer Religionen und Kulturen offen gegenüberzustehen. Historische Themen zu bearbeiten, das ist das Hobby des Verwaltungsangestellten Högermann (40). Die Beschäftigung mit der eigenen Familie regte ihn an, eine Chronik seines Heimatortes zu schreiben, die 2012 erschien. In seinem neuen Werk geht er nun erstmals tiefer in die Geschichte der ehemaligen Familien jüdischen Glaubens in der Bergstadt ein. Aufenthaltsrecht gegen Zahlungen Am Anfang stand Detektivarbeit. In seiner Freizeit suchte Högermann in Archiven nach Quellen. Im 17. Jahrhundert wanderten die ersten Angehörigen jüdischen Glaubens in Lippe ein. Gegen regelmäßige Zahlungen gewährte ihnen der Landesherr ein Aufenthaltsrecht. Unter dem Datum des 13. Juni 1682 findet sich erstmals ein Eintrag für Oerlinghausen. Darin bittet der Glasmacher Herz Heinemann aus Hessen den lippischen Grafen um einen Schutzbrief. Der Ausgang blieb offen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine recht große jüdische Gemeinde. Zeitweilig war sie die zweitgrößte in Lippe. „Ende des 19. Jahrhunderts umfasste sie mehr als 100 Mitglieder“, sagt Högermann fest. Und sie waren akzeptiert. „Es gab keinerlei Vorbehalte oder gar Feindseligkeiten.“ Es gab Eheschließungen mit christlichen Oerlinghausern, der Holzhändler Isaak Lindemeyer war Gemeindevorsteher und Vorsitzender der Schützengesellschaft. Die jüdische Gemeinde betrieb für Mädchen und Jungen eine gemeinsame Religionsschule und wurde von einem auswärtigen Rabbiner betreut. Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der orthodoxen und der liberalen Richtung über die korrekte Glaubensauslegung bleiben nicht aus. Ebenso gab es unterschiedliche Vorstellungen, ob eine eigene Synagoge notwendig sei oder nicht. "Wohlhabend, aber nicht reich" 1761 wird erstmals der jüdische Friedhof erwähnt. „Vermutlich gab es ihn aber schon viel früher“, sagt Högermann. Bereits 1802/03 wurde am Hang des Tönsberges eine Synagoge errichtet, wahrscheinlich aus Holz. Sie wurde 1890 durch ein neues, steinernes Gebäude ersetzt, das 1938 verkauft wurde und deshalb der Zerstörung durch die Nationalsozialisten entging. Den Antisemitismus und die NS-Zeit beschreibt Högermann in einem eigenen Kapitel. Viel Raum widmet der Autor einzelnen jüdischen Familien, deren Lebensweg er nachzeichnet. „Entgegen landläufiger Meinung waren sie zwar wohlhabend, aber nicht reich.“ Unter ihnen finden sich Kaufleute, Ärzte, Landwirte, Holz- und Pferdehändler. Ergänzt wird das Buch durch die transkribierten Geburts-, Heiratsund Sterberegister der Oerlinghauser Juden für die Jahre 1818 bis 1874. Für sein Buch konnte Högermann auf vielfältige Unterstützung setzen. „Bei dem Heimatforscher Werner Höltke, dem Historiker Jürgen Hartmann, dem pensionierten Lehrer Fritz Ostkämper aus Höxter und nicht zuletzt bei meinem Verleger Hans Jacobs möchte ich mich ganz herzlich bedanken“, sagt der Autor. „Das Werk passt gut in unser Verlagsprogramm, nicht zuletzt liegt mir das Thema auch sehr am Herzen“, erklärt Hans Jacobs. "Ich hab mich gefreut" In seinem Lippe Verlag veröffentlicht der promovierte Lagenser Historiker Beiträge zur Regionalgeschichte. „Högermann hat tolle Quellen entdeckt und interessante Fotos gefunden, der Text ist leicht zu lesen. Ich habe mich gefreut, dass ich das Buch verlegen durfte“, sagt Jacobs. „Juden in Oerlinghausen“ von Sven Högermann umfasst 92 Seiten und kostet 17,90 Euro. Es ist zu beziehen im Lippe Verlag in Lage, im Internet sowie in den Oerlinghauser Buchhandlungen Blume und Lesegarten.

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