Der Wolf ist in der Senne. - © Pixabay
Der Wolf ist in der Senne. | © Pixabay

Schloß Holte-Stukenbrock / Oerlinghausen Töten oder leben lassen? Der Wolf bleibt ein Streitfall

Vertreter von Landwirtschaft, Naturschutzverband und Politik sagen, wie sie mit dem Wolf umgehen wollen - die Bundesregierung hat dazu einen Gesetzesentwurf vorgelegt

Sigurd Gringel
24.05.2019 | Stand 24.05.2019, 13:45 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. Töten oder leben lassen? Seitdem die Region um den Truppenübungsplatz Ende vergangenen Jahres offiziell als Wolfsgebiet Senne eingestuft wurde, ist das Thema Wolf auch hier so populär wie lange nicht. Der FDP-Bezirksverband griff es daher kurz vor der Europawahl auf und lud in den Stukenbrocker Gasthof „Zur Post" zu einer Podiumsdiskussion ein. Von Paderborn bis Vlotho kamen mehr als 60 Zuhörer, um über ein Wildtier zu sprechen, das im hiesigen Wolfsgebiet fast noch niemand gesehen hat. Und dennoch sei die Angst groß. Das sagte zumindest der jagdpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Karlheinz Busen. Selbst Jäger. Er berief sich auf eine aktuelle deutschlandweite Umfrage, laut derer jeder Vierte angab, Angst vor dem Wolf zu haben. Busen glaubt, den Grad der Urbanität auch als Gradmesser für die Angst vor dem Wolf beziehungsweise der Akzeptanz desgleichen erkannt zu haben. "Die Landbevölkerung hat Angst" „Der Städter interessiert sich überhaupt nicht für den Wolf, die Landbevölkerung hat Angst", spitzte er seine Ansicht zu. Und: „In den Außenbereichen schicken Eltern ihre Kinder nicht mehr allein raus", was ein Zuhörer und bekennender Wolfbefürworter im Publikum mit dem Zwischenruf „Märchenstunde" quittierte. Busen plädierte dafür, den Schutzstatus des besonders geschützten Tieres herunterzusetzen, wolfsfreie Zonen auszuweisen und den Wolf außerhalb von Wolfsgebieten auch zu bejagen. Vor allem im Umfeld von Wohngebieten. „Der Wolf wurde schon in der Nähe von Kindergärten gesichtet", sagte Busen. Schließlich sei der Wolf hier gar nicht heimisch, er habe seinen Lebensraum in Osteuropa. In Europa gebe es mehr als 20.000 Wölfe. Der sogenannte Erhaltungszustand der Population sei erreicht, also müsse man auch den Wolfsbestand nach Bedarf regulieren können, ohne den Wolf gleich auszurotten. "Der Mensch gehört nicht zum Beuteschema" Dem widersprach der Vertreter des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) und Wolfsbeauftragte, Thomas Pusch aus Oerlinghausen. Er sagte, dass der Erhaltungszustand noch nicht erreicht sei, weil die Forscher bislang von getrennten Populationen ausgehen. Die mitteleuropäische Population (Deutschland und Polen) gelte weiterhin als gefährdet. Die Angst vor dem Wolf sei unbegründet, sagte Thomas Pusch. In Deutschland gebe es keinen dokumentierten Fall eines Angriffs auf einen Menschen. „Der Mensch gehört nicht zum Beuteschema." Konflikte in der Zukunft könne er natürlich nicht ausschließen. Pusch beschrieb den Wolf als familiär, der für sich und seinen Nachwuchs Nahrung beschaffe. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass sich im Wolfsgebiet Senne ein Rudel angesiedelt habe, obgleich das Nahrungsangebot dort gut sei. Statt den Wolf zu bejagen, solle man das Wolfsmanagement vorantreiben, also weitere Erfahrungen sammeln und von anderen Regionen lernen und den Herdenschutz optimieren. Den Schäfern zum Beispiel das Material wie Zäune und den Arbeitsaufwand erstatten. Von der Politik erhofft er sich innovative Schutzmöglichkeiten wie digital überwachte Zäune. "Wollen wir alles einzäunen?" Der Hövelhofer Hubertus Beringmeier ist Vorsitzender des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes. Aus seiner Sicht gibt es keinen vernünftigen Schutz für die Nutztiere. „Wollen wir alles einzäunen?" Gerade für Nebenerwerbsbetriebe und Wanderschäfer würde das einen hohen Aufwand bedeuten. Er regte an, dass diejenigen die Versicherungen bezahlen sollen, die den Wolf haben wollen. Auf dem Truppenübungsplatz sei der Wolf kein Problem, „aber wenn er die Nase raushält, wird es gefährlich für uns". Deshalb plädierte auch Beringmeier für einen geregelten Abschuss. Die offene Diskussion nutzten viele Fragesteller, um eigene Statements abzugeben. Zum Schluss meldete sich auch der hiesige Hegeringleiter Wilfried Schmelter zu Wort. „Ich kann gar nicht nachvollziehen, dass 25 Prozent der Befragten Angst vor dem Wolf haben." Obgleich er eine „unterschwellige Angst vor größeren Raubtieren" verstehen könne. Aus Sicht des Jägers forderte er den Abschuss des Wolfes nicht. „Ich habe gar kein Interesse daran, den Wolf zu jagen und zu töten."

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