0
Volles Haus: Der Saal des Jägerhauses konnte die vielen Besucher des Vortrags von Werner Höltke (am Tisch sitzend) kaum fassen. - © Horst Biere
Volles Haus: Der Saal des Jägerhauses konnte die vielen Besucher des Vortrags von Werner Höltke (am Tisch sitzend) kaum fassen. | © Horst Biere

Oerlinghausen Zwischen Krieg und Wiederaufbau

Stadtgeschichte: Viele Oerlinghauser Gebäude wurden zerstört. Man war mit Reparaturen beschäftigt, doch das Leben begann, sich zu normalisieren

Horst Biere
11.05.2019 | Stand 10.05.2019, 17:56 Uhr

Oerlinghausen. Viel schlimmer hätte es für die Innenstadt rings um die Kirche nicht kommen können. Während andernorts die Kriegsschäden durch eine kampflose Übergabe an die Alliierten kaum sichtbar waren, hatten die Ostertage 1945 in Oerlinghausen viele Brände und Zerstörungen gebracht. Ein fanatischer Offizier wollte mit jugendlichen Soldaten die amerikanischen Truppen aufhalten – fast alle deutschen Soldaten starben, fünf Oerlinghauser Zivilisten ebenfalls. Doch das Leben ging weiter, der Wiederaufbau begann nach einigen Monaten. In einem Bildervortrag im Jägerhaus führte Heimatforscher Werner Höltke ein großes Publikum wieder einmal in die Nachkriegszeit – diesmal blickte er vom Tönsberg auf die Südseite. Oben wurde noch gebaut, unten schon frisiert Den halben Dachstuhl vom Haus des Friseurs Drewes in der Hauptstraße hatten amerikanische Granaten weggerissen. Doch während im Obergeschoss noch aufgebaut wurde, konnte Wilhelm Drewes im Jahre 1947 seinen Kunden unten im Salon schon wieder die Haare schneiden, erzählte Werner Höltke. Das Gasthaus von Otto Elbracht allerdings, das bis 1945 unmittelbar vor der Kirche stand (heute ist dort ein Parkplatz), war bis auf die Grundmauern abgebrannt. Die Reste hatte man zwei Jahre nach Kriegsende bereits beseitigt. Auch die Dachschäden am Turm der Alexanderkirche waren mit viel Aufwand behoben worden – dort hatten Scharfschützen der Alliierten gesessen und das Feuer der deutschen Truppen auf sich gezogen. Im Kirchenschiff konnte wieder ein Gottesdienst stattfinden, nur die Orgel war noch nicht spielbereit. Gleich nebenan im Elektrogeschäft Geiger waren die Beschädigungen zwar noch sichtbar, an der Ladentür hing aber schon ein Schild „Elektroreparaturen werden ausgeführt“. Die Tönsbergstraße war besonders in Mitleidenschaft gezogen worden. „Dort, wo die Häuser Hansing, Ermgassen und Diekhoff gestanden hatten, sah man 1947 nur noch die Stapel von Ziegelsteinen, die von den Gebäuden übrig geblieben waren“, erinnert sich Werner Höltke. Völlig abgerissen hatte man das Haus des Leinehändlers Tölke, das einstmals größte Oerlinghauser Gebäude an der höchsten Stelle der Tönsbergstraße. Es war total zerschossen worden und dann abgebrannt. Mit Schokolade und Zigaretten reich beschenkt Bei der Trümmerbeseitigung des Hauses Diekhoff an der Tönsbergstraße machten Bauarbeiter eine schlimme Entdeckung. Sie fanden die bereits unkenntlichen Überreste eines amerikanischen Soldaten. „Er war bei den Kämpfen ums Leben gekommen und offenbar anschließend von den Trümmern des Hauses verschüttet worden.“, sagte Werner Höltke. Die Schäden im Obergeschoss der Jugendherberge waren ebenfalls erheblich. Für einige Wochen musste Höltke dem Maurer Fritz Grabbert beim Wiederaufbau zur Hand gehen. Auch der Windmühlenstumpf hatte in seiner exponierten Lage stark unter Beschuss gestanden und wies große Löcher auf. Dagegen waren das Ehrendenkmal auf dem Tönsberg und der Löns-Gedenkstein unbeschadet geblieben. Die Naturfreunde öffneten ihr Haus zwei Jahre nach Kriegsende bereits wieder für Wanderer, und man schenkte Kaffee und Kaffee-Ersatzgetränke aus. In der Nazizeit hatten die braunen Machthaber dort eine Kreisschule der NSDAP betrieben. Auf dem Tönsberg lag in der Nachkriegszeit eine Funkstation der Amerikaner – etwa 300 Meter entfernt von der Gaststätte „Tönsberghöhe“, die von Familie Schulte betrieben wurde. In Schultes Gasthaus gab es in der Nachkriegszeit außer alkoholfreien Getränken auch eine Besonderheit: selbstgebrannten Rübenschnaps. Der war zwar sehr teuer, doch bei den Gästen heiß begehrt. Es hatte sich bei den amerikanischen Soldaten herumgesprochen, dass Wirtin Erna Schulte und ihre Töchter Inge und Jutta sehr gut backen konnten. Mehrmals in der Woche erschien einer der US-Soldaten in der Gaststube, brachte Mehl, Eier und andere Zutaten mit und nahm im Gegenzug leckere Kuchen und Gebäck mit in seine Funkstation. Manchmal lieferte auch der Sohn der Familie, Horst Schulte, die Kuchen bei den Amerikanern ab – er kam jedes Mal reich beschenkt mit Zigaretten und Schokolade zum Gasthof zurück. Ein Schuss aus der Wehrmachts-Waffe löste einen Brand aus Oerlinghauser Jugendliche suchten in der Nachkriegszeit immer wieder Kontakt zu den amerikanischen Soldaten. Oft tauschten sie Wertgegenstände gegen amerikanische Zigaretten ein. Im heißen Sommer 1947, als ein US-Soldat eine deutsche Wehrmachts-Waffe ausprobieren wollte, die er gegen Zigaretten getauscht hatte, kam es fast zu einer Katastrophe. Der Schuss mit Leuchtspurmunition setzte den trockenen Wald in Brand. Die Zelte der Funkstation konnten nur mit Mühe gerettet werden, auch weil viele Jugendliche den Soldaten bei der Brandbekämpfung halfen. In der Sommerzeit zog es die Familien bereits wieder in die beiden Oerlinghauser Bäder. In das relativ neue Freibad am Kalkofen und ins Schopkebad. „Das sehr kaltes Quellwasser in der Schopke war aber nur etwas für die hartgesottenen Schwimmer“, erinnert sich Werner Höltke. Aber an Wochenenden öffnete bereits wieder Martha Kindsgrabs ihre Gaststätte im Schopketal. Wenn der Besucherandrang sehr groß war, unterstützte sie oftmals Heinrich Frevert, der Pächter der Friedhofsmühle.

realisiert durch evolver group