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Nummer eins: In diesem Haus, in dem heute die bekannten „Altdeutschen Bierstuben“ sind, eröffnete 1855 die erste Oerlinghauser Zigarrenfabrik ihre Fertigung. - © Repro: Horst Biere/Quelle: Stadtarchiv
Nummer eins: In diesem Haus, in dem heute die bekannten „Altdeutschen Bierstuben“ sind, eröffnete 1855 die erste Oerlinghauser Zigarrenfabrik ihre Fertigung. | © Repro: Horst Biere/Quelle: Stadtarchiv

Oerlinghausen Es begann mit den Tabakarbeitern

Stadtgeschichte: Wie die Polizei versuchte, das „unerwünschte politische Treiben“ der Sozialdemokraten zu Kaisers Zeiten zu stoppen. Die Nazis bliesen zum Sturm auf das „rote Oerlinghausen“

Horst Biere
27.04.2019 | Stand 26.04.2019, 17:06 Uhr

Oerlinghausen. Gendarm Tente irrte sich gewaltig. „In Oerlinghausen hat die Sozialdemokratie kaum Aussichten", schrieb der Ortspolizist seinem Vorgesetzten Amtmann Meien in Schötmar in den 1880er Jahren. Man hatte Flugblätter im Bergdorf gefunden, in denen für einen Arbeiter-Wahlverein geworben wurde. In den „Tabakbuden" der Gemeinde kursierten diese Blättchen. Doch die Behörden waren längst alarmiert, denn in Oerlinghausen gab es seit langem eine starke Arbeiterbewegung. Schon 1861 schlossen sich 21 Mitglieder zu einem ersten Tabakarbeiterverein zusammen. Es war durchaus üblich, dass in den kleinen Zigarrenfabriken heiß diskutiert wurde, was man in den Zeitungen wie dem „Vorwärts" oder der Bielefelder „Volkswacht" gelesen hatte. Der beste Vorleser der „Bude" wurde von seiner Arbeit befreit und durfte – da die Arbeit des Zigarrendrehens weitgehend geräuschlos vor sich ging – Artikel wie die Reichstagsreden von August Bebel oder Hermann Molkenbuhr vortragen. Arbeiterwahlverein war die Keimzelle des heutigen SPD-Ortsvereins Mit ihrer eigenen politischen Bildung hatten die Arbeiter immer mehr Erfolg: Sehr zum Ärger der Obrigkeit gründete Carl Becker, der ein Jahrzehnt später als einer von drei SPD-Vertretern in den lippischen Landtag einzog, im Jahre 1889 einen Arbeiterwahlverein. Das war die Keimzelle des heutigen SPD-Ortsvereins. Im Sternenkrug, der Wirtschaft von Fritz Meyer, fand die Gründungsversammlung vor 130 Jahren statt. Während der Versammlung beobachtete Gendarm Budde aus einem Versteck heraus die gut 60 Teilnehmer. Sein Bericht nach Schötmar ließ Amtmann Meien aufhorchen: „Oerlinghausen scheint ein Herd der Sozialdemokratie zu sein", schrieb der Dorfpolizist nun. Die Obrigkeit war beunruhigt. Man suchte nach gesetzlichen Handhaben, diesem „unerwünschten politischen Treiben" Einhalt zu gebieten. Zwei Jahre später kam die große Chance für Gendarm Budde. Er löste eine Versammlung des Sozialdemokratischen Allgemeinen Arbeitervereins auf, weil 16 Frauen an dieser Veranstaltung teilnahmen. Das war nach damaligem lippischen Vereinsrecht zwar statthaft, doch sah es für den Polizeibeamten nach Gefährdung des Landfriedens aus. Denn Frauen hatten seiner Meinung nach überhaupt nichts in der Politik verloren. Anfang der 1890er Jahre hatte die sozialdemokratische Arbeiterbewegung im Bergdorf bereits rund 100 Mitglieder, von denen fast die Hälfte unter 25 Jahre alt waren. Und die Entwicklung ging im „roten Oerlinghausen" munter weiter, denn nirgends in der Region gab es einen so hohen Arbeiter-, Handwerker- und Tagelöhneranteil wie in Oerlinghausen. Auch die Vereine verzeichneten mehr und mehr sozialdemokratische Mitglieder. Das führte unweigerlich zu Spannungen im kaiserlichen Deutschland. So lehnten es die „Sozis" im Oerlinghauser Turnverein ab, an der Sedanfeier, der Siegesfeier über den französischen Nachbarn und die Verherrlichung des Krieges teilzunehmen. Nach heftigen Auseinandersetzungen wurde der Verein Einigkeit gegründet Nach heftigen Auseinandersetzungen gründeten sie den neuen Arbeiterturnverein „Einigkeit", der im Jahre 1904 in den Arbeiter-Turn- und Sportbund überging. Im Jahre 1906 kam es im Gesangverein „Eintracht" ebenfalls zu politischen Meinungsverschiedenheiten. Die sozialdemokratischen Mitglieder mochten an einer Feier anlässlich der Silberhochzeit des Kaiserpaares wegen der ständigen „Hurra-Lieder" nicht teilnehmen. Es kam zur Spaltung und die ausgetretenen Mitglieder gründeten den Arbeitergesangverein „Solidarität". Der Erste Weltkrieg veränderte vieles, nicht jedoch die Machtverhältnisse im sozialdemokratisch geprägten Oerlinghausen. In der roten Gemeinde hatten auch die braunen Truppen der Nazis einen schweren Stand. Nur ganze zehn Bürger wählten bei den Reichstagswahlen 1928 die Nationalsozialisten. 999 Stimmen dagegen gingen an die SPD. Immerhin noch 1.012 Wähler verzeichnete die SPD in Oerlinghausen bei den letzten freien Reichstagswahlen im März 1933, bei 751 Wählern für die NSDAP und einigen für die bürgerlichen Parteien. Das schlechte Abschneiden seiner Partei konnte auch Adolf Hitler nicht verhindern, der in Lippe mit 16 Auftritten massiv in den Wahlkampf eingriff. Nur nach Oerlinghausen in die „Höhle des Löwen" traute er sich nicht. Im Scherenkrug im benachbarten Asemissen ließ sich Hitler dagegen begeistert feiern. Für diese Veranstaltung im Oerlinghauser Randgebiet waren große Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden. Der engere und weitere Bereich wurde von SA-Leuten hermetisch abgeriegelt. Man verwandelte das Tagungslokal praktisch in eine Festung. Arbeiter und Nazis gingen mit Forken und Stöcken aufeinander los Denn die Nazis waren gewarnt. Oft hatte es in der Bergstadt – vor allem im damaligen Arbeiterviertel rund um den Kastanienkrug – nach provozierenden SA-Aufmärschen handfeste Auseinandersetzungen gegeben. Mit Forken, Dreschflegeln und Stöcken gingen Arbeiter und Nazis aufeinander los. Verletzte waren an der Tagesordnung. Als dann die Machtergreifung Hitlers stattgefunden hatte, trieben die Nazis als erstes den damaligen Bürgermeister August Reuter aus dem Amt. Ferner nahm man über 30 andersdenkende Oerlinghauser in „Schutzhaft". Das erste Nazi-Opfer war übrigens 1933 in Detmold zu beklagen. Der Chefredakteur des SPD-eigenen lippischen Volksblattes, Felix Fechenbach, der als „Nazi-Jüsken" zuvor die Nazis mutig mit spitzer Feder bekämpft hatte, wurde deportiert und getötet. In der Nähe von Warburg – so hieß es später – wurde er „auf der Flucht erschossen".

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