Geroldstag - © bi
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Oerlinghausen Es begann auf dem Tönsberg

Stadtgeschichte-Spezial: Wie zwei Teenager 1976 an der Jugendherberge einen Jungen kennenlernten, seitdem alljährlich „Geroldstag“ feiern und erst jetzt Gerold wiederfanden

Oerlinghausen. Den 16. Oktober 1976 sollten die beiden Oerlinghauser Teenager Regina Roth und Birgit Fillies nie mehr vergessen. Es war ein warmer Herbstnachmittag und die 13-Jährigen wollten mit dem Hund ein wenig auf dem Tönsberg spazieren gehen. Eine Schulklasse lärmte auf der Straße vor der Jugendherberge. Doch ein gut aussehender, blonder Junge mit Nicki-Pullover fiel beiden sofort ins Auge. Schüchtern blieben Regina und Birgit stehen und wechselten einige Worte mit dem Blondschopf. Gerold heiße er, und aus Stade an der Elbe stamme die ganze Schulklasse, erfuhren sie. Wenn er Lust habe, könne er ja ein wenig mitkommen, schlugen die Mädchen vor. Nur bis zum Wildschweingehege am Berggasthof. Die beiden waren fasziniert von dem lockeren und unbekümmerten 15-Jährigen mit den modisch langen Haaren. Man unterhielt sich angeregt, sprach über Hunde, Popstars, die eigenen Schulklassen, so dies und das. Doch bald ging’s zurück. Gerold zu seiner Klasse in der Jugendherberge, Regina zum Elternhaus am Brachtshof und Birgit nach Lipperreihe. „Das war alles“, sagt Regina Bernhardt, geborene Roth, heute, „das vorläufige Ende der Geschichte.“ Doch die beiden Freundinnen waren total erfüllt von der angenehmen Atmosphäre, vom netten Gerold und von dem lauen Oktobernachmittag auf dem Tönsberg. Die Begegnung mit dem Jungen aus Stade ging beiden nicht mehr aus dem Kopf. Sie unterhielten sich oft über ihn, doch sahen ihn nie wieder. Aber da der Tag so wunderschön war, beschlossen sie, eine Art Feiertag einzurichten. Geroldstag seit 42 Jahren „Der 16. Oktober ist seitdem unser ‚Geroldstag“, sagt Regina Bernhardt, „und das seit 42 Jahren. Wir haben nicht einen Feiertag seither ausgelassen.“ Auch wenn Birgit Fillies heute mit Ehemann und zwei Kindern in Hamm wohnt und Regina Bernhardt in Wernigerode lebt, vier Kinder hat und als Sprachdozentin an der Hochschule Harz arbeitet, so schreiben sich die beiden Freundinnen regelmäßig Glückwunschkarten und erinnern sich so an die tolle Begegnung auf dem Tönsberg. Sogar eine künstlerische Note bekam der Erinnerungstag, denn Birgit Fillies ist Kalligraphin, also Schriftkünstlerin. Sie hat beruflich oftmals handgemalte Werbeplakate und Poster entworfen und befasst sich privat mit künstlerischen Handschriften aus aller Welt. Zu jedem der 42 Erinnerungstage im Oktober zeichnete sie von Hand jeweils unterschiedlich gestaltete „Geroldstag-Glückwunschkarten“. „Mittlerweile müsstest Du eigentlich die größte Geroldstag-Kartensammlung der Welt besitzen“ schrieb Birgit ihrer Freundin Regina noch im Jahre 2015 humorvoll. Doch die außergewöhnliche Beziehung ist damit längst nicht vorbei. Immer mehr entwickelte sie sich zu einer Story, die einem Rosamunde-Pilcher-Filmdrehbuch ähnelt. „Im Dezember 2018 googelte ich aus Spaß ‚Gerold aus Stade‘ und fand einen Zeitungsartikel aus dem Jahre 2015“, erzählt Regina Bernhardt. Darin wurde ein Gerold Plaster genannt, auch eine Handynummer stand in dem drei Jahre alten Artikel aus der Stader Zeitung. „Ich schrieb eine SMS an die Mobilnummer, und . . . es war tatsächlich unser Gerold“, so beschreibt sie den unglaublichen Zufall. Denn es grenzt an ein Wunder, dass Gerold überhaupt von den beiden Oerlinghauserinnen gefunden wurde, da er bereits vor vielen Jahren nach Kanada auswanderte. Mit zwei Koffern in der Hand starteten Gerold und seine deutsche Frau Mareile im Jahre 2002 in Toronto, um dort ein neues Leben zu beginnen. Die Auswandererstory entwickelte sich recht positiv. Das Ehepaar arbeitete sich hoch und lebte schließlich in einer guten Wohngegend am Rande der kanadischen Metropole. Durch einen Todesfall und eine schwere Erkrankung eines Elternteils kehrten sie allerdings nach Deutschland zurück – erst nur zu Besuch, doch dann für immer. Das letzte Kapitel der außergewöhnlichen Dreiecksgeschichte ist noch nicht geschrieben In seiner Heimatstadt Stade zeigte Gerold Plaster im Gemeindehaus im Jahre 2015 einen Foto- und Filmvortrag über ihr Leben in Kanada. Die Geschichte erschien in der Stader Tageszeitung – ein Interview und seine Mobilnummer führten schließlich dazu, dass Regina Bernhard ihn im Internet fand. Doch das letzte Kapitel der außergewöhnlichen Dreiecksgeschichte ist noch nicht geschrieben: „Birgit und ich trafen uns am vorletzten Wochenende an dem Platz, an dem die Jugendherberge mal stand“, verrät Regina Bernhardt. „Leider gibt es das Gebäude ja nicht mehr dort.“ Doch mit Gerold stehen die beiden Freundinnen seither in regelmäßigen Kontakt. In diesem Jahr planen sie ein Treffen und einen Spaziergang zu dritt auf dem Tönsberg. „Wir werden wahrscheinlich nicht bis zum Geroldstag am 16. Oktober warten“, sagt sie lachend.

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