0
Rückkehr nach 77 Jahren: „Hier muss das Steingrab gewesen sein“, erinnert sich Günter Becker. Gemeinsam mit Museumsleiter Karl Banghard besucht er den Fundort des Steingrabs an der Hanegge. - © KNUT DINTER
Rückkehr nach 77 Jahren: „Hier muss das Steingrab gewesen sein“, erinnert sich Günter Becker. Gemeinsam mit Museumsleiter Karl Banghard besucht er den Fundort des Steingrabs an der Hanegge. | © KNUT DINTER

Oerlinghausen Das Grab auf dem kahlen Berge

Aufwändig bestattet: Auch 77 Jahre nach der Entdeckung ist die Bedeutung einer frühmittelalterlichen Grabanlage an der Hanegge noch nicht restlos aufgeklärt

Knut Dinter
07.02.2019 | Stand 06.02.2019, 19:05 Uhr

Oerlinghausen. Der Artikel „Lippes erstes Hünengrab“ (NW vom 5. Februar) hat bei dem Leopoldshöher Günter Becker Erinnerungen wachgerufen. Vor 77 Jahren war er in Oerlinghausen ebenfalls an einer Ausgrabung beteiligt. „Hier muss es sein“, stellt Becker fest und zeigt auf kleine Findlinge. Hier, auf einer Anhöhe der Hanegge, könnten sie auch per Zufall hergekommen sein. Nichts deutet auf einen besonderen Zweck hin. Und doch liegen die wenigen verbliebenen Steine im Wald am Fundort einer alten Grabstätte. „Ich war damals zwölf Jahre alt“, berichtete der gebürtige Oerlinghauser Becker. „Gemeinsam mit meinem Freund Willi Köster haben wir Jungs dem Lehrer Hermann Diekmann beim Ausgraben geholfen.“ Der Gründer des „Germanengehöfts“ hatte bereits seit den 1920er Jahren zahlreiche Grabungen vorgenommen. Nach Beckers Erinnerung wurde die Grabanlage an der Hanegge im Jahr 1942 untersucht. „Auf dieser Wiese haben wir ganz schön geölt“, sagte er. Suchen unter großen Steinen Unter den Steinen kam ein menschliches Skelett zum Vorschein. Die Überreste wurden in das damals noch existierende Heimatmuseum (heute befindet sich dort das Bürgerhaus) gebracht. Kurz vor Ende des Krieges wurde das Gebäude von amerikanischen Bomben zerstört, die Funde gingen verloren. Karl Banghard, der Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums, kennt den Ort sehr gut. „Diekmann selbst hat es in Veröffentlichungen beschrieben“, sagte er. „Bis in die 1970er Jahre war die Stelle auch noch deutlich zu erkennen, mit neuen Steinen wurde das Grab rekonstruiert.“ Danach verfiel die Anlage. Lange Zeit ließen sich aber keine Angaben zur Datierung machen. Erst als Banghard das benachbarte Gelände (im Besitz der Firma Dr. Oetker) näher untersuchte, konnte er mehrere interessante Artefakte auflesen, die auf das frühe Mittelalter hinwiesen. Sie lassen den Schluss zu, dass auch das Grab um 700 nach unserer Zeitrechnung angelegt wurde. Die Funde werden heute im Lippischen Landesmuseum in Detmold aufbewahrt. Nur wenige frühmittelalterliche Zeugnisse „Das Grab ist insofern spannend, als es hier in der Region nur wenige frühmittelalterliche Zeugnisse gibt“, sagte Banghard. Der Begriff Hanegge bedeute kahler Berg. Für die aufwändige Bestattung sei unter anderem Granit verwendet worden. Die Steine wurden offenbar über einen längeren Weg transportiert, denn Granit kommt in der ostwestfälisch-lippischen Natur nicht vor. Auch die exponierte Lage der Grabanlage sei ungewöhnlich, stellte der Museumsleiter fest. Es könnte sich zugleich um eine Grenzmarkierung gehandelt haben. „In jener Zeit gab es viel Mobilität, das Steingrab könnte auch von einer durchziehenden Gruppe angelegt worden sein“, mutmaßte Banghard.

realisiert durch evolver group