Im Oktober erschienen: Roland Linde, ehrenamtlicher Geschäftsführer der Westfälischen Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung, Hella Sander, Grafikerin Susanne Sprenger-Thieme und Uwe Standera (v. l.) im Hotel Mügge mit dem 74. Band unter dem Titel "Beiträge zur westfälischen Familienforschung". Foto: Karin Prignitz - © Karin Prignitz
Im Oktober erschienen: Roland Linde, ehrenamtlicher Geschäftsführer der Westfälischen Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung, Hella Sander, Grafikerin Susanne Sprenger-Thieme und Uwe Standera (v. l.) im Hotel Mügge mit dem 74. Band unter dem Titel "Beiträge zur westfälischen Familienforschung". Foto: Karin Prignitz | © Karin Prignitz

Oerlinghausen Recherchen im „Sündenpfuhl“

Buchvorstellung: Hella Sander und Uwe Standera haben Interessantes über drei Höfe in Erfahrung gebracht. Ehekrach und Alkohol spielen dabei eine Rolle

Karin Prignitz

Oerlinghausen. „Ich habe nicht geahnt, dass Währentrup so ein Sündenpfuhl war“, sagt Susanne Sprenger-Thieme. Als Graphikerin hat sie den 74. Band mit Beiträgen zur westfälischen Familienforschung gestaltet und dabei viel über das Zusammenleben der Menschen in Ostwestfalen-Lippe in den vergangenen Jahrhunderten gelernt. 89 der insgesamt 528 Seiten beschäftigen sich mit den Höfen Niemann, Ostmann und Stölting. Historiker und Ahnenforscher Uwe Standera hat neun Monate lang gemeinsam mit der Oerlinghauserin Hella Sander daran gearbeitet. Beide hatten zuvor unabhängig voneinander geforscht und sich dann entschlossen, ihre Ergebnisse zusammenzufassen. Vor allem deshalb, „weil die drei Familien nicht nur räumlich eng zusammenlebten“, wie Hella Sander berichtete, „sondern auch familiär mehrfach miteinander verbunden waren“. Die 72-Jährige hat sich um die Geschichte und die Geschichten rund um den im Jahr 1375 erstmals erwähnten Hof Ostmann gekümmert. „Der stand genau hier, wo wir uns jetzt befinden“, berichtete Hella Sander bei der Buchpräsentation im Hotel Mügge in Währentrup. „Zu meiner Überraschung habe ich bei meinen Recherchen festgestellt, dass ich bis zu meinem zehnten Lebensjahr in diesem Haupthaus des Ostmannschen Hofes gewohnt habe.“ 200 Taler Mitgift hat die Schwiegertochter »luxuriös durchgebracht« Dass die Ostmanns eher dem Alkohol als der Arbeit zugesprochen haben, ist bei der Forschung deutlich geworden. In einem Schriftstück, das Hella Sander gefunden hat, heißt es: „Wenn der Colonus Ostmann, der fast täglich ohne Not die Wege zwischen Detmold und Währentrup betritt, auch oftmals sammet seiner Frau einige Tage und Nächte in den Detmoldischen Wirtshäusern hängen bleibet . . .“ Fast keinen Tag seien die beiden nach den Aussagen des Schwiegervaters nüchtern gewesen. Was dazu führte, dass, wenn andere Leute ernteten, auf dem Hof Ostmann erst angefangen wurde zu pflügen und zu säen. Die Schulden wuchsen. Die Schwiegertochter brachte ihre 200 Taler Mitgift „luxuriös durch“. Was auch immer sich der alte Ostmann ausdachte, um an Geld zu kommen, es misslang. Mit dem Bau der Ortsdurchfahrt durch Währentrup und dem Abbruch der Leibzucht auf dem Sandkamp 1978 verschwand der Hof endgültig aus dem Ortsbild. Uwe Standera stieß bei der eigenen Familienforschung auf den Hof Niemann und wurde auf Verbindungen zum Hof Stölting aufmerksam. Auch dort sei es im 16. Jahrhundert hoch hergegangen, fand Standera heraus. Er entdeckte unter anderem Vermerke, in denen von zwei Kriminalverfahren die Rede ist, weil sich „die Eheleute durch die Ehe geprügelt“ hatten. Die Stöltingsche soll ihren Mann betrogen und der den Liebhaber „mit dem Spieß vom Hof gejagt haben“. Weil keine Zeit mehr zum Anziehen blieb, der Gespiele stattdessen durch den Teich schwimmend entkam, fiel der Verdacht auf den Meier zu Wistinghausen. Denn der soll stets schick gekleidet gewesen sein. Er leugnete und wurde trotz aller Versuche des Betrogenen nicht schuldig gesprochen. Viel mehr solcher Geschichten sind im Band nachzulesen. Schon bei der Vorstellung dieser Buchepisoden sei deutlich geworden, sagte Roland Linde, ehrenamtlicher Geschäftsführer der Westfälischen Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung, die die Bänder herausgibt, „worin der Reiz der Familienforschung liegt“. Nicht nur die Daten und Fakten, sondern vor allem die Geschichten dahinter machten es so spannend. Vor allem, „weil sich die Vorfahren oft nicht so vorbildlich und unauffällig verhalten haben“ und es entsprechend viele Akten über diese Verfehlungen gebe, könne das Leben und Zusammenleben der Vorfahren – zumindest Teile davon – lebendig nacherzählt werden. Der 74. Band über die „Familienforschung in Ostwestfalen-Lippe“ ist im Oktober im Verlag Aschendorff erschienen und kostet 39 Euro.

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