Moderner Flieger: Fluglehrer Holger Schinkel beschreibt den beiden Flugveteranen Heinz Risse (r.) und Bruno Tiemann die neueste Technologie des Segelflugzeugs. Foto: Horst Biere - © Horst Biere
Moderner Flieger: Fluglehrer Holger Schinkel beschreibt den beiden Flugveteranen Heinz Risse (r.) und Bruno Tiemann die neueste Technologie des Segelflugzeugs. Foto: Horst Biere | © Horst Biere

Heinz der Bruchpilot

Stadtgeschichte: Wie Oerlinghauser Jugendliche früher das Segelfliegen lernten. Heinz Risse war dabei und überschlug sich bei seinem ersten Alleinflug auf einem Acker am Bokelfenner Krug

Horst Biere
07.10.2018 | Stand 05.10.2018, 18:25 Uhr

Oerlinghausen Oerlinghausen. Ein ziemlich windiger Tag im Sommer 1942. Deutschland ist im dritten Kriegsjahr. Eine Gruppe von Oerlinghauser Jugendlichen steht aufgeregt am Rand des Segelflugplatzes. Sie sollen heute zu ihrem ersten Alleinflug starten. Theoretisch sind die Jungflieger alle fit in Wetterkunde, Navigation und Segelflugtechnik. Doch praktisch hat bisher immer Fluglehrer Paul Kardinal hinter ihnen im Segelflugzeug gesessen und sie auf ihren Übungsflügen begleitet. Nun also kam erstmals der Einzelflug für jeden Flugschüler. Der damals 15-jährige Heinz Risse war der Erste, der sich auf den Pilotensitz des Flugzeugs schwang. Ein Doppeldecker zog das Segelflugzeug vom Typ Baby quer über den Platz gegen den kräftigen Wind in eine Höhe von 1.000 Meter. „Du fliegst ein paar Rechtecke an der Bergkette entlang. Wenn du auf 300 Metern Höhe bist, dann ziehst du das Baby zum Anflug auf den Platz – das hat mir Paul Kardinal mit auf den Weg gegeben“, daran erinnert sich der heute 91-jährige Risse genau. Dramatische Sekunden Doch es kam ganz anders. Der Wind blies noch stärker und immer böiger. Beim Anflug gegen den Wind verlor Heinz Risse an Geschwindigkeit und Höhe, und die Bäume kamen immer näher. „Ich sah in der Ferne die Gruppe unten schon aufgeregt mit weißen Fahnen winken, aber ich hatte keine Chance, den Segelflugplatz zu erreichen“, berichtet er von den dramatischen Sekunden in der Luft. Letztlich sah er einen Acker in der Nähe des Bokelfenner Krugs. „Ich drehte noch um 180 Grad und flog mit Rückenwind unter einer Stromleitung hindurch. Es gelang, dort aufzusetzen, aber das Bugrad drückte sich hart in den Boden, das Flugzeug machte einen Überschlag, und ich hing angeschnallt kopfüber in der Kanzel. Doch ich war unverletzt“, erzählt der Segelflugpionier noch heute erleichtert über seine Bruchlandung. Schnell sausten die Retter vom Segelflugplatz mit Autos heran und befreiten Heinz Risse aus der misslichen Lage. Die Schäden am Flugzeug waren nicht so schwer. „Nur die Rumpfwände waren beschädigt, aber nach zwei Tagen in der Werkstatt konnte unser Baby wieder fliegen“, sagt Risse über die „Außenlandung“. Alle weiteren Prüfungsflüge wurden vorerst gestrichen. In den nächsten Tagen startete Fluglehrer Kardinal noch einmal im Doppelsitzer-Flugzeug mit den Flugschülern, und alle haben später ihren Flugschein erhalten. „STURMVOGEL“ VERBOTEN Das Segelfliegen galt unter Oerlinghauser Jugendlichen bereits in der Vorkriegszeit als äußerst beliebte Sportart. Und Heinz Risse, der später eine verantwortliche Position in der Stadtverwaltung einnahm, wurde die Flugleidenschaft sozusagen in die Wiege gelegt, als er im Dezember 1926 im Mariannenstift das Licht der Welt erblickte. Sein Vater Jakob Risse war ein begabter Karosserie- und Flugzeugbauer, der mit einer Gruppe jugendlicher Flugbegeisterter bereits in den 30er Jahren die ersten Segelflugzeuge im Verein „Sturmvogel“ in Handarbeit herstellte. „Sonntags bin ich sehr gern mit meinem Vater zum Flugplatz gewandert“, so erinnert sich Risse an seine früheste Jugend, „auch weil dort am Flugplatz Ruth Böger einen Eiswagen betrieb. Da bekam ich immer ein leckeres Eis“. Aber der Segelflugverein „Sturmvogel“, den sein Vater mit aus der Taufe gehoben hatte, war politisch eher links orientiert und wurde 1933 mit der Machtergreifung der Nazis sofort verboten. „Wer als Jugendlicher also fliegen wollten, der musste in die Flieger-HJ (Hitlerjugend) eintreten“, erzählt Heinz Risse. ERSTE LUFTSPRÜNGE Zu dieser Zeit fanden die ersten kleinen „Luftsprünge“ der Oerlinghauser Flieger noch an den Fliegerkuppen am Barkhauser Berg statt. „Mit dem Schulgleiter SG 38 sind wir dort für einige Sekunden geflogen – von einem Gummiseil in die Luft katapultiert“, sagt er. Auf die Kommandos „Ausziehen“ und „Laufen“ rannte das Laufteam mit dem Seil den Berg hinunter. Auf das Kommando „Los“ ließ das Halteteam los, und das Flugzeug schoss wie mit der Zwille abgefeuert in die Luft. Meist endete der Flug nach einigen hundert Metern in der Heide unterhalt der Kuppen. Ein Start mit der Winde oder der von einem Motorflugzeug gezogene Start begann 1936 auf einem neuen Platz, dem heutigen Segelflugplatz. „Anfangs lag dort ein Kaninchenloch neben dem anderen“, sagt Heinz Risse. Doch einige Jahre später lief der ganze Flugbetrieb ausschließlich auf dem eingeebneten „Windenplatz“. KRIEGSEINSATZ Für Heinz Risse endete das sportliche Segelfliegerleben recht bald. Im Kriegsjahr 1944 erhielt der 17-Jährige den Einberufungsbescheid. Doch da er eine hohe Neigung zur Fliegerei hatte, meldete er sich freiwillig zur Luftwaffe. Er wurde im Frühsommer 1944 tatsächlich zu den Fliegern eingezogen, aber zu diesem Zeitpunkt war die Kriegslage schon so desolat, dass fast keine Flugzeuge und auch kein Treibstoff mehr zur Verfügung standen. Die Luftwaffe verlegte Heinz Risse mit anderen jungen Soldaten zum Bodeneinsatz an die Westfront, wo gerade die Alliierten in Belgien und den Niederlanden vorrückten. „Ich kam nach Gehl in Belgien, aber da an der Front war die Hölle los.“ Er erlitt eine schwere Kopfverwundung durch einen Scharfschützen, durchlebte Tieffliegerangriffe als hilfloser Verwundeter und kam schließlich nach Lazarettaufenthalt und kurzer Gefangenschaft nach Kriegsende wieder zu seinen Eltern nach Oerlinghausen zurück. „Wir konnten endlich ein normales Leben führen und bald auch sonntags wieder zum Segelflugplatz wandern“, daran erinnert sich Heinz Risse, „Wir haben viel Glück gehabt.“

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