Schmuckstück. Eine bemerkenswerte, filigrane Architektur besaß die Weber-Villa nach ihrem Umbau im Jahre 1897. Auch die Parkanlagen ringsum spiegelten den Zeitgeschmack von Carlo und Emilie Weber wider. - © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv: Ceweco
Schmuckstück. Eine bemerkenswerte, filigrane Architektur besaß die Weber-Villa nach ihrem Umbau im Jahre 1897. Auch die Parkanlagen ringsum spiegelten den Zeitgeschmack von Carlo und Emilie Weber wider. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv: Ceweco

Oerlinghausen Die Villa des Kommerzienrats

Stadtgeschichte: Schöner Wohnen anno 1900. Fabrikbesitzer Carlo Weber besaß das repräsentativste und modernste Haus seiner Zeit in Oerlinghausen

Horst Biere

Oerlinghausen. Kommerzienrat Carl Weber stand auf seiner Visitenkarte. Carl Weber, den alle nur Carlo nannten, war wohl der wohlhabendste Oerlinghauser Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihm gehörte damals mehrheitlich eines der größten Unternehmen der Region, die Weberei in Oerlinghausens Norden. Carlo Weber wurde 1858 geboren und war neben vier Töchtern der einzige Sohn des Firmengründers Carl David Weber, der sich 1849 mit einem Leinenhandelsunternehmen in Oerlinghausen niedergelassen hatte. Gemeinsam mit seinem Schwager und Mitinhaber Bruno Müller sorgte Carlo für den größten Entwicklungssprung der kleinen Gemeinde Oerlinghausen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Er überzeugte seinen Vater Carl David Weber davon, nach dem Leinenhandel auch in die Leinenproduktion einzusteigen. 1903 startete das Bauprojekt „Weberei“ auf einem riesigen Grundstück an der Bielefelder Straße, das das Unternehmen vom Gut Menkhausen erworben hatte. Nur ein Jahr später lief die mechanische Weberei – ein Industriebetrieb, der immer mehr Oerlinghausern einen sicheren, wenn auch nicht allzu üppig bezahlten Arbeitsplatz gab. Ein repräsentatives Familien-Bauprojekt hatte Carlo Weber schon 1884 auf den Weg gebracht, er ließ eine große Villa an der Detmolder Chaussee bauen, die noch heute als eines der schönsten Bauwerke Oerlinghausen gilt. Die wechselvolle Geschichte der Weber-Villa beschrieb Ortshistoriker Werner Höltke in seinem neuesten Vortrag im Jägerhaus vor vielen Besuchern. Renovierungen Wie es sich für einen ordentlichen Kaufmanns- und Fabrikantenhaushalt gehörte, setzte man in der Familie Weber auch in der Hausplanung sauber einen Schritt nach dem anderen: Erst nach Carlos Auslandsaufenthalten Anfang der 1880er Jahre und nach seiner Aufnahme als Teilhaber in die Leinenhandelsfirma seines Vaters konnte er sein Haus im Weberpark errichten. Und erst nach seiner Heirat mit Emilie Brassert aus Bochum wurde seine Villa im Jahre 1897 noch einmal gründlich umgebaut. Sie erhielt damals die vielseitige, reich verzierte Form, die sie auch noch heute besitzt. „Die bekannte Oerlinghauser Baufirma Adolph Bobe erhielt den Auftrag zur Modernisierung bereits 1893“, sagte Werner Höltke, der die Entstehung des historischen Gebäudes intensiv erforscht hat, „die Bauarbeiten liefen über vier Jahre.“ Dank der genauen Aufzeichnungen von Bobes Arbeiten, konnte man die luxuriöse Gestaltung des Anwesens von Familie Weber sehr gut erkennen. Jeder Raum soll nach Aussagen von Zeitzeugen Schönheit und Behaglichkeit ausgestrahlt haben. Von ihren Reisen brachte das Ehepaar Weber Ideen und fremde Einrichtungsstile mit, die in diversen Räumen umgesetzt wurden. Am Straßeneingang wurde eine „Ehrenpforte“ angebracht. Auch die Wasserversorgung ließ man durch Firma Bobe total erneuern. Schließlich besaß die Villa Weber eine der ersten Hauswasserleitungen weit und breit. Ein Wasserbassin für Frischwasser lag auf einem angrenzenden Turm und sorgte für einen gleichmäßigen Wasserdruck im ganzen Haus. Die ersten Wassertoiletten der Gemeinde lagen ebenfalls in der Villa. Carlo Weber wollte bei Jugendlichen die Liebe zu Blumen wecken „Erstaunlich sind die Handwerkerpreise dieser Jahre“, sagt Höltke, „eine Dreistundenarbeit eines Gesellen kostete 30 Pfennig, die eines Lehrlings 20 Pfennig“. Vier Stunden brauchte ein Mitarbeiter der Firma Bobe, um die Weihnachtseinrichtung mit Tannenbaum und hübscher Dekoration zu erledigen. Die Kosten: Eine Mark zwanzig. Auch der Park an der Villa bekam ein neues, frisches Aussehen. So entstand ein größerer Wintergarten mit Treibhaus, denn Carlo und Emilie Weber liebten exotische Pflanzen sehr. Hier wurden jedes Jahr Hunderte von Topfblumen gezüchtet, die Carlo Weber an die Oerlinghauser Schüler verteilen ließ. Er wollte so die Liebe zu Blumen in den Jugendlichen wecken. Carlo Weber kümmerte sich auch intensiv um die Entwicklung der Gemeinde Oerlinghausen. Seit 1891 war er Mitglied der Gemeindevertretung. Bereits ein Jahr später kurbelte er den Tourismus in der „Sommerfrische Oerlinghausen“ an, indem er den ersten „Verkehrs- und Verschönerungsverein“ gründete. Er übernahm auch den Vorsitz des Gemeinderates nach dem Ersten Weltkrieg im Jahre 1919 – bis zu seinem frühen Tod im April 1923. Kulturelle und gesellschaftliche Veranstaltungen Seine Witwe Emilie überlebt ihn um 26 Jahre und bewohnte die große Villa bis 1949. Zuletzt waren ihre Möglichkeiten allerdings sehr eingeschränkt. Denn die Weber-Villa blieb zwar bis auf kleine Schäden bei den Weltkriegskämpfen um Oerlinghausen unversehrt, aber nach Krieg beschlagnahmten die Alliierten das Gebäude. Die britische Kommandantur zog ein, und Emilie Weber bekam zwei Räume im Keller zugewiesen. Immerhin betreute eine Haushaltshilfe die alte Dame noch für einige Jahre. Nach dem Abzug der britischen Militärverwaltung war die Weber-Villa in keinem guten Zustand mehr. Man begann das Gebäude zu renovieren und es zum Mehrfamilienhaus umzubauen. Nun bezogen mal die Inhaberfamilien der Firma Ceweco wie Gerd Müller oder Martin Müller-Sonnemann die Villa, mal bewohnten auch leitende Mitarbeiter das Gebäude. Heute ist das Haus im Weberpark, das unter Denkmalschutz steht, wieder hübsch renoviert und zu einem Ort für kulturelle oder gesellschaftliche Veranstaltungen geworden. Hochzeitspaare können sich in den Räumen der Weber-Villa sogar trauen lassen.

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