Neu gestaltet: Die Kleiderkammer haben DRK-Mitarbeiterinnen hergerichtet. Sie sind auch bei der Auswahl und Ausgabe behilflich. - © Knut Dinter
Neu gestaltet: Die Kleiderkammer haben DRK-Mitarbeiterinnen hergerichtet. Sie sind auch bei der Auswahl und Ausgabe behilflich. | © Knut Dinter

Oerlinghausen Sommerfest in der Flüchtlingsunterkunft

ZUE Oerlinghausen (letzter Teil): Bezirksregierung und DRK informieren einige Anwohner und weitere Interessenten über die aktuelle Situation

Knut Dinter

Oerlinghausen. Normalerweise bleibt die Zentrale Unterbringungseinrichtung (ZUE) für Geflüchtete in Oerlinghausen für Außenstehende unzugänglich. Am Wochenende öffnete sich die ehemalige Hellwegklinik an der Robert-Kronfeld-Straße ein wenig. Denn die zuständige Bezirksregierung hatte zu einem gemeinsamen Sommerfest für Bewohner und Anlieger eingeladen. Es kamen weit weniger Interessenten als erwartet, sie konnten sich jedoch ein umfassendes Bild machen. Das Gelände ist gut gesichert. Der Zaun wurde inzwischen um einen Y-förmigen Übersteigschutz mit Spanndraht erhöht. Das Tor am Haupteingang öffnet sich erst auf Knopfdruck des Wachpersonals. Die Gäste müssen ihre Namen in eine Liste eingetragen. Auffallend groß ist die Zahl der Security-Mitarbeiter. Odilo Borsch (61), der für die Bezirksregierung tätige Einrichtungsleiter, erklärte, dass die Mannschaft zum Sommerfest vorsichtshalber von elf auf 22 Kräfte verdoppelt wurde. „Wir wussten ja nicht, wie viele Besucher kommen würden. Es hätten ja auch Hunderte sein können", sagt er. Das Nebengebäude ist tabu Im großen Innenhof der Einrichtung erinnerte die Szenerie an Sommerfeste wie an vielen anderen Orten. Kinder scharen sich um das „Friends Mobil", einem Kleintransporter des DRK mit Spielangeboten, es wird Gulaschsuppe und Kuchen ausgegeben, arabische und Reggae-Musik erklingt. Unterdessen führen Einrichtungsleiter Borsch und Derya Arslan (32), Betreuungsleiterin vom DRK, die wenigen Gäste über das Gelände. Zu ihnen gehörten auch Anke Hein, stellvertretende Referatsleiterin im NRW-Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration sowie die Oerlinghauser Ratsmitglieder Peter Meier und Roland Koch (FDP) sowie Maximilian Steffen (CDU). Die beiden Leiter zeigten den Speisesaal, öffneten die Kinderspielstube, die Sporthalle, die Kleiderkammer. Der Weg führte auch an einem kleinen Gebäude vorbei, das für die Mitarbeiter tabu bleibt: Es handelte sich um eine unabhängige Stelle, für Verfahrensberatung und Beschwerdemanagement. Hier sind zwei Vollzeitkräfte tätig, die bei der Arbeiterwohlfahrt und der Stiftung Herberge zur Heimat beschäftigt sind. Die ZUE hat 650 Plätze, gegenwärtig leben hier lediglich 187 Menschen, wie Borsch mitteilte. Es ist nach der Erstaufnahmeeinrichtung in Bielefeld ihre zweite Station. Im Durchschnitt bleiben sie drei Monate in Oerlinghausen, im Einzelfall kann sich das Verfahren laut Borsch bis zu einem Jahr hinziehen. Unter den Bewohnern gebe es je nach Entscheidung des Bundesamtes auch etliche Geflüchtete mit guten Aussichten zu bleiben, die dann von Kommunen aufgenommen werden. "Das Leben hat sich normalisiert" Menschen aus 22 Nationen sind derzeit in der Einrichtung untergebracht. Dies habe sich positiv ausgewirkt, stellte Borsch fest. Albaner würden nicht mehr zugewiesen. „Im Moment ist es absolut entspannt. Wenn die Zusammensetzung bunt gemischt ist, wird es ruhig." Seit zwei Monaten habe die Polizei keinen Einsatz mehr innerhalb der ZUE gehabt. Gegen die Langeweile würden die Bewohner leerstehende Zimmer streichen, Gardinen nähen oder Sitzmöbel aus Holzpaletten bauen. Von einer angenehmen Arbeitssituation für die 68 Beschäftigten des DRK ergänzte Derya Arslan. Zum Beispiel habe es seit Monaten keine Beschwerden mehr über das Essen gegeben. „Auch wir Anwohner sind jetzt entspannter und beruhigter, das Leben hat sich normalisiert", sagte Franziska Teckentrup. Und Corinna Müterthies erinnerte sich an die Zeit, als sich die Wohnungseinbrüche häuften: „Vor einem Jahr waren wir schon sehr angestrengt und ängstlich." Beide haben sich sehr für eine Verbesserung der Situation eingesetzt, wirken beim Runden Tisch mit und haben selbst im zuständigen Ministerium in Düsseldorf „getrommelt", wie sie sagten. Jetzt hoffen beide, „dass die Bewohnerzahl so niedrig bleibt, dann können alle damit umgehen". „Ich denke, dass wir jetzt auf dem richtigen Weg sind", meinte auch der Landtagsabgeordnete Bernhard Hoppe-Biermeyer (CDU), der sich ebenfalls vor Ort informierte. Die meisten Probleme entstünden allein durch mangelnde Kommunikation. „Düsseldorf nimmt die Sache wirklich ernst", erklärte der Abgeordnete, der dem Integrationsausschuss des Landtags angehört. „Ich hoffe, dass wir dort nie wieder etwas Negatives aus Oerlinghausen hören werden." In ähnlicher Weise äußerte sich der stellvertretende Bürgermeister Volker Neuhöfer (SPD) nach seinem Besuch. „Es ist gut, dass die Anzahl der in der ZUE lebenden Menschen deutlich reduziert wurde", sagte er. „Dies und auch die veränderte Struktur der Einwohner hat zu einer Verbesserung der Situation in der Einrichtung geführt und wirkt auch deutlich positiv in die Umgebung. Dieser Weg sollte beibehalten werden." Er sei erfreut, dass auch Bürgerinnen und Bürger aus der Nachbarschaft zum Sommerfest kamen, die „während der schlimmen Zeit von erhöhter Kriminalität betroffen waren. Das zeigt: Für Fremdenfeindlichkeit ist in Oerlinghausen kein Platz." „Jede Form von Zusammenarbeit ist wünschenswert" Kontakte gesucht: Vor drei Wochen hat Fritz-Fabian Soll (30) seine Tätigkeit als Umfeldmanager der ZUE aufgenommen. Seine erste Aufgabe bestand darin, die Nachbarn zum Sommerfest einzuladen. „Es gab zum Teil recht große Bereitschaft, aber auch sehr deutliches Desinteresse", berichtete er. Jetzt möchte Soll den Kontakt zu Anwohnern suchen, eine Bürgersprechstunde einrichten und die örtlichen Vereine ansprechen. Denkbar sei zum Beispiel, ein gemeinsames Sportfest auszurichten. „Darüber würden sich die Bewohner sehr freuen." Kleiner Anfang: Einrichtungsleiter Odilo Borsch und Betreuungsleiterin Derya Arslan würden es begrüßen, wenn sich wieder ehrenamtliche Unterstützer fänden. „Jede Form von Zusammenarbeit ist wünschenswert", sagten sie. Ein kleiner Anfang wurde bereits gemacht. So beteiligten sich drei Anwohnerinnen – Annette Dessecker, Corinna Müterthies und Franziska Teckentrup – zwei Stunden vor dem Sommerfest gemeinsam mit Bewohnern und Mitarbeitern der ZUE an einer Müllsammelaktion rund um das Gelände. Kleiderkammer: DRK-Mitarbeiterinnen haben die Kleiderkammer in der ZUE neu eingerichtet, die Textilien nach Größen und Farben sortiert. Sogar eine Umkleidekabine wurde geschaffen. Entgegen anderslautenden Gerüchten nehme das DRK sehr gern Kleider- und Sachspenden an. Auch Spielzeug werde benötigt. Informationen gibt der Ehrenamtskoordinator Maximilian Nitschmann (E-Mail: oerlinghausen@drk-westfalen.de). Verträge: Die DRK-Betreuungsdienste Westfalen-Lippe haben im Februar 2017 die Betreuung der ZUE übernommen. Der Vertrag ist auf zwei Jahre befristet, dann muss wieder neu ausgeschrieben werden. 2019 endet auch der Mietvertrag mit dem Evangelischen Johanneswerk in Bielefeld, dem Eigentümer der gesamten Liegenschaft.

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