Vor der Flüchtlingsunterkunft Oerlinghausen: Staatssekretär Andreas Bothe macht sich mit seiner Sprecherin Wibke Op den Akker auf den Weg zum Gespräch mit Bürgermeister Dirk Becker. - © Sigurd Gringel
Vor der Flüchtlingsunterkunft Oerlinghausen: Staatssekretär Andreas Bothe macht sich mit seiner Sprecherin Wibke Op den Akker auf den Weg zum Gespräch mit Bürgermeister Dirk Becker. | © Sigurd Gringel

Oerlinghausen Staatssekretär sorgt bei Besuch der Flüchtlingsunterkunft Oerlinghausen für Fassungslosigkeit

Die Nachbarn der zentralen Flüchtlingsunterkunft Oerlinghausen leiden seit einem Jahr unter der wachsenden Kriminalität. Sie fordern ein Ende der Unterbringung von Asylsuchenden ohne Bleibeperspektive.


Oerlinghausen. Als Staatssekretär Andreas Bothe vom Landesamt für Flüchtlinge am Freitag dem Hilferuf der Stadt Oerlinghausen folgt, ist die Hoffnung in der verängstigten Nachbarschaft der zentralen Flüchtlingsunterkunft groß. Seit einem Jahr passen die Anwohner dort ihr Leben an die Angst vor Einbrüchen und Diebstählen an. Doch der Besuch hinterlässt verbrannte Erde: Bothe erklärt, dass es für die Menschen in Oerlinghausen keinen Anlass für Angst im Dunkeln gebe. Es gebe zwar Probleme mit mehr Einbrüchen und Diebstählen, aber keinen Anstieg bei Körperverletzungen oder sexueller Gewalt. In der Nachbarschaft herrscht Fassungslosigkeit. „Die Aussage ist eine Frechheit und gleicht einem Schlag ins Gesicht", erklärt Dirk Kramer, der in der Nähe der Unterkunft lebt. Die gesamte Nachbarschaft habe Angst vor Einbrüchen, Diebstählen und Verwüstungen, aber auch vor Übergriffen. „Meine Tochter ist bereits zweimal von Bewohnern der Unterkunft belästigt worden." Die Anwohner kritisieren, dass sie bei dem sechsstündigen Besuch des Staatssekretärs nicht angehört wurden. „Jemand wie Andreas Bothe, der nicht neben der Flüchtlingsunterkunft lebt, kann nicht nachempfinden, wie groß unsere Angst ist", sagt Greta Mitrou. „Unser normales Leben ist eingeschränkt." In der zentralen Unterbringungseinrichtung für Flüchtlinge (ZUE) in Oerlinghausen in der ehemaligen Hellweg-Klinik bringt das Land bereits seit 2013 Flüchtlinge unter. „Probleme mit wachsender Kriminalität gibt es jedoch erst seit einem Jahr, als das Land im Februar 2017 die Belegungsstruktur in der ZUE geändert hat", erklärt der Sprecher der Kreispolizei Lippe, Uwe Bauer. „Probleme machen auch Besucher der Einrichtung." Seit einem Jahr bringt das Land in der ZUE überwiegend solche Asylsuchende unter, die kaum eine Chance auf eine Anerkennung als Asylberechtigte haben. Sie stammen aus sicheren Herkunftsländern, ihre Asylanträge werden im beschleunigten Verfahren bearbeitet. „Die Zahl der Einbrüche und Diebstähle ist seitdem stark gestiegen." Die Bewohner der ZUE sind laut Bauer längst nicht für alle Delikte verantwortlich, aber es gibt viele Verbindungen in die Unterkunft. „Probleme machen auch Besucher der Einrichtung, die dort gar nicht offiziell untergebracht sind." Aktuell sind laut Bezirksregierung Detmold von 600 Plätzen 451 belegt. 298 Bewohner stammen aus sicheren Herkunftsländern wie Albanien, Georgien oder dem Kosovo. „Die Asylsuchenden sollen in beschleunigten Verfahren spätestens nach sechs Monaten in ihre Heimatländer zurückgeführt werden", erklärt die Sprecherin des Flüchtlingsministeriums, Wibke Op den Akker. Als Reaktion auf die wachsende Kriminalität hat der Stadtrat in Oerlinghausen Ende 2017 eine Resolution verabschiedet, in der die Landesregierung zum Handeln aufgefordert wird. „Wir fordern, dass Asylsuchende mit geringer Bleibeperspektive auf alle Einrichtungen im Land verteilt werden und nicht nur in einigen wenigen wie der ZUE Oerlinghausen", sagt Bürgermeister Dirk Becker. Staatssekretär will Bürgermeister erneut treffen Das fordern auch die Nachbarn. Rita Pollatz erholt sich von einem Einbruchsversuch. „Wir hätten Staatssekretär Bothe gerne an unseren Gefühlen teilhaben lassen, als Samstagnacht bei voller Beleuchtung jemand unser Küchenfenster aufgehebelt hat. Hätten wir schon geschlafen, wären wir im Schlaf von dem Einbrecher überrascht worden." Die Angst begleitet Pollatz und ihre Familie Tag und Nacht. „Wir können nicht mehr schlafen, weil wir uns in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher fühlen." So empfindet auch Nachbarin Heike Merettig: „Wir stehen ständig unter Strom, haben Angst um unsere Angehörigen, wenn sie alleine zuhause sind, und wenn wir nach Einbruch der Dunkelheit nach draußen müssen." Nachbarn der ZUE verzichten auf Spaziergänge mit Hunden, lassen ihre Häuser nicht mehr unbeaufsichtigt, informieren sich in WhatsApp-Gruppen über Auffälligkeiten in der Nachbarschaft, bilden Fahrgemeinschaften, damit Kinder nicht allein von den Bushaltestellen nach Hause gehen müssen, und lassen Fitnesskurse nach Feierabend ausfallen. „Wir verbarrikadieren uns in unseren Häusern und investieren in Sicherheitstechnik, aber das alles hilft nur wenig gegen Einbrüche, Diebstähle und Verwüstungen", ergänzt Hans-Dieter Dreger. Staatssekretär Bothe und Bürgermeister Becker treffen sich in Kürze erneut. „Wir werden weitere Maßnahmen ergreifen, um die Situation zu verbessern und dem Sicherheitsbedürfnis der Bürger Rechnung zu tragen", sagt Bothe. Man prüfe, „welche Schritte erforderlich sind, um die Situation weiter zu entspannen". Man denke an ein anderes Unterbringungskonzept in den Einrichtungen im beschleunigten Verfahren. 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