Willkommener Zeitvertreib: In der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge leben auch viele Kinder. Spielgeräte lenken vom Alltag ab. 642 Menschen können maximal in der ehemaligen Hellwegklinik vorübergehend leben. - © Foto: Kristine Gresshöner
Willkommener Zeitvertreib: In der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge leben auch viele Kinder. Spielgeräte lenken vom Alltag ab. 642 Menschen können maximal in der ehemaligen Hellwegklinik vorübergehend leben. | © Foto: Kristine Gresshöner

Oerlinghausen Flüchtlinge suchen in Stukenbrock offene WLAN-Netze

Sigurd Gringel
20.03.2015 | Stand 21.03.2015, 22:19 Uhr

Oerlinghausen. Viele Menschen, die vorübergehend im Flüchtlingsheim in Oerlinghausen leben, sind traumatisiert. Joachim Nadolski-Voigt kennt ihre Schicksale. Seit November leitet er die Einrichtung in der ehemaligen Hellwegklinik. Jetzt gab er den Mitglieder des Sozialausschusses einen Zwischenbericht. Eine sechsköpfige Familie kam nach monatelanger Flucht im Schnee nach Oerlinghausen, sagte Nadolski-Voigt. Den Weg vom Bus zum Heim hat der Vater seine siebenjährige Tochter auf den Armen getragen, weil sie barfuß war. "Wir haben dem Mädchen sofort ein paar Socken aus der Kleiderkammer besorgt", sagt Nadolski-Voigt. "Darüber hat sie sich so gefreut - das war schon ein Erlebnis." Manche Menschen kommen mit einer Plastiktüte voller Sachen in der Hand, manche nur mit dem, was sie gerade am Leib tragen. Und viele haben Ängste. Nadolski-Voigt berichtet von einer Mutter, die zur Geburt ihres zweiten Kindes in die Klinik sollte. Die Tochter sollte derweil in der Einrichtung bleiben. Dagegen sträubte sich die Mutter. "Sie hatte Angst, dass wir ihr das Kind wegnehmen und es verkaufen", sagt Nadolski-Voigt. Eine Traumatherapie können die Johanniter, die das Flüchtlingsheim betreiben, nicht bieten. Dafür sind die Menschen zu kurz in Oerlinghausen. Wenige Tage bis maximal eine Woche. Es werde aber versucht, den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Mit Kinderbetreuung, Spielangeboten, Krankenstation, einem Frauencafé oder Gebetsräumen. Es gibt auch eine interne Jobbörse, bei der Flüchtlinge Jobs für 1,50 Euro pro Stunde annehmen können wie Müllsammeln oder in der Kleiderkammer helfen. "Fast alle wollen Deutsch lernen", sagt Nadolski-Voigt. In den Kursen sitzen dann 50 bis 60 Menschen. 3.500 Menschen sind seit der Umfunktionierung der Klinik in ein Flüchtlingsheim Anfang Oktober an- und abgereist, mehr als 300 leben derzeit dort. Schönreden wollte Nadolski-Voigt die Situation nicht. "Wo so viele Menschen zusammen sind, bleiben Konflikte nicht aus." Er bekommt täglich Berichte des Sicherheitsdienstes und der Polizei und ist anhand dieser Schilderungen der Meinung, dass sich "alles im normalen Rahmen" bewege. Allerdings gebe es immer wieder - wie er es nannte - Anmerkungen der Nachbarn. Zum Beispiel, wenn Flaschen oder anderer Müll am Wegesrand liegt. Das sei insbesondere im Bokelfenn der Fall, weil sich die Flüchtlinge nach Stukenbrock orientieren, um dort einzukaufen oder um offene WLAN-Netze für Smartphones zu suchen. In den vergangenen 2,5 Wochen habe es keine Vorfälle gegeben. Silvia Albrecht (CDU) wollte mehr über den Zaun wissen, der um das Flüchtlingsheim gezogen wurde. Sie glaubt, die Oerlinghauser könnten denken, dass die Flüchtlinge eingesperrt sind. Joachim Nadolski-Voigt erklärte, dass der Zaun zum Schutz der Flüchtlinge errichtet wurde. "Sie können sich jederzeit frei bewegen."

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