0
Ermittler durchsuchen im März die Parzelle von Andreas V. Inzwischen ist die Baracke komplett abgerisssen worden. - © picture alliance
Ermittler durchsuchen im März die Parzelle von Andreas V. Inzwischen ist die Baracke komplett abgerisssen worden. | © picture alliance

Reaktionen Stimmen zum Missbrauchsfall: Was uns Lügde lehrt

Erol Kamisli
07.09.2019 | Stand 08.09.2019, 11:45 Uhr
Janet König

Lügde. Nach den Urteilen gegen Andreas V. und Mario S. – 13 und 12 Jahre Haft wegen hundertfachem sexuellen Kindesmissbrauchs – beschäftigt der „Fall Lügde" weiter Politik und zahlreiche Behörden. Der Fall hat aus vielen Gründen bundesweit für Entsetzen gesorgt: Die hohe Zahl der Fälle, der lange Tatzeitraum, die Brutalität, mit der die Täter Kinder missbrauchten – und das alles in einer vermeintlichen Campingplatz-Idylle. Dem Prozess war zudem ein beispielloses Behördenversagen vorausgegangen. Der Leiter des Jugendamts Hameln-Pyrmont und eine Mitarbeiterin manipulierten die Akte der Pflegetochter des Hauptangeklagten Andreas V., aus den Räumen der Polizei Lippe verschwand ein Aktenkoffer mit Beweismaterial und Kinder wurden mehrfach unter unzulässigen Bedingungen von ungeschulten Polizisten befragt. Außerdem durchsuchten die Ermittler Andreas V.s Parzelle auf dem Campingplatz in Lügde mindestens sechs Mal – doch jedes Mal wurde Beweismaterial übersehen. Hinweise gegen den Hauptangeklagten lagen den Behörden lange vor Später stellte sich heraus: Zu dem Zeitpunkt, als Andreas V. eine Pflegetochter zugesprochen wurde, lagen bereits mehrere Hinweise gegen ihn vor. Gegen Mittäter Mario S. gab es 2004 und 2013 sogar Strafverfahren wegen Missbrauchsvorwürfen, die eingestellt wurden. Die Aufarbeitung des Falls Lügde hat gerade erst begonnen. Wir haben bei Polizei, Jugendämtern sowie in der Politik und bei Opferverbänden nachgefragt, welche Lehren aus dem Missbrauchsfall gezogen wurden und noch zu ziehen sind, um ein zweites „Lügde" zu verhindern. Herbert Reul - NRW-Innenminister:"Der „Fall Lügde" war für die gesamte NRW-Polizei und auch für mich persönlich wie ein Weckruf. Das Thema Kindesmissbrauch hat bei uns inzwischen einen ganz anderen Stellenwert. Das drückt sich zum Beispiel in mehr Personal und besserer Technik für diesen Bereich aus." Hermann Wenneker - Ortsbürgermeister in Lügde-Elbrinxen:"Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass das Problem nicht einzig und allein in Lügde liegt. Man darf nicht nur das Dorf Elbrinxen verteufeln, so wie es das letzte halbe Jahr geschehen ist. Kindesmissbrauch findet überall statt – in allen Institutionen. Wir müssen unseren Kindern so ein Selbstbewusstsein anerziehen, damit sie den Mund aufmachen. Diese Lehre sollten wir aus Lügde ziehen. Das Problem muss kompakt angefasst werden, unsere Kinder sind das Wichtigste." Axel Lehmann - Landrat Kreis Lippe:„Wir müssen die Arbeit für Kinderschutz und Prävention in der Fläche stärken. Der Kreis Lippe hat deshalb die Fachstelle Kinderschutz sowie den Präventionsfonds für Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt eingerichtet. In der Kreispolizeibehörde haben wir auf Grundlage eines 8-Punkte-Plans und der Organisationsuntersuchung des Landesamtes für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD) bereits diverse Maßnahmen ergriffen und zum Beispiel die Vernetzung mit anderen Behörden wie dem Jugendamt gestärkt. Es gibt weitere gute Ansätze für die strukturelle Weiterentwicklung, die wir zum Teil schon auf den Weg gebracht haben. Insbesondere bei der Polizei benötigen wir aber auch mehr Personal: Durch den massiven Stellenabbau der vergangenen Jahre haben wir eine Polizeidichte von nur noch 1,1 pro 1.000 Einwohner. Seit meinem Amtsantritt fordere ich deshalb vom Land, dass die Personaldecke hier in Lippe gestärkt wird, damit wir nicht mehr der Kreis mit der niedrigsten Polizeidichte in ganz NRW sind!" Dagmar Bothe, Vorsitzende des Opferschutzvereins "Weißer Ring" im Kreis Lippe:"Wir haben 14 Opfer betreut und stehen den Familien auch weiterhin unterstützend bei. Der Fall hat ein wahres Moloch aufgetan. Ich glaube, viele sind jetzt hellwach geworden. Die Frage ist, wie lange das anhält. Unsere Gesellschaft muss aufmerksamer werden, nur so können solch unfassbare Taten wie in Lügde verhindert werden. Wichtig ist, dass jede Privatperson etwas gegen Kindesmissbrauch tun kann. Man darf nicht wegschauen, wenn Kinder plötzlich ihr Verhalten ändern – zum Beispiel stiller oder gar aggressiv werden. Es ist enorm wichtig, lieber einmal zu viel als zu wenig hinzuschauen. Wenn ein Kind offenkundig angeschrien oder gar geschlagen wird, muss jeder den Mut haben, zu reagieren – und darf nicht einfach die Augen schließen." Heinz Reker, Bürgermeister in Lügde:"Ich bin erleichtert über das Urteil - so wie ganz Lügde. Wir hoffen, nun gemeinsam nach vorne blicken zu können, ohne dass die grausamen Taten in Vergessenheit geraten. Der Fall wird wohl für immer ein Teil der Stadt bleiben. Wichtig ist, dass die Aufarbeitung im Untersuchungsausschuss weitergeht und keine Partei daraus Kapital schlägt. Das, was bei uns passiert ist, darf nie wieder passieren. Auch wenn Kindesmissbrauch leider in der Gesellschaft viel präsenter ist, als ich es zuvor angenommen hätte." Ralf Vetter, Oberstaatsanwalt am Landgericht Detmold:„Als Staatsanwaltschaft sind wir im Moment außer Stande, ein vorzeitiges Resümee oder vorübergehendes Fazit zum Fall Lügde zu ziehen. Das hat den einfachen Grund, dass der Fall für uns noch gar nicht abgeschlossen ist und wir immer noch tief in der Ermittlungsarbeit stecken. Momentan geben wir auch keine Auskünfte über den aktuellen Ermittlungsstand, der ganze Fall Lügde ist dafür zu dynamisch." Margit Picker, Polizeidirektorin im Kreis Lippe:„Um Kinder vor Gewalt zu schützen, muss die gesamte Gesellschaft Verantwortung übernehmen und wachsam sein. Wir alle müssen hinschauen und Auffälligkeiten melden. Gleichzeitig müssen sich die Behörden besser vernetzen, ihre jeweiligen Sachstände austauschen und konzertiert vorgehen. Die Kreispolizeibehörde Lippe hat sich in den vergangenen Monaten selbstkritisch mit ihren eigenen Strukturen sowie der Zusammenarbeit und Vernetzung mit Ordnungspartnern auseinandergesetzt. Es war wichtig, Schwachstellen zu identifizieren, Fehler klar zu benennen und zu handeln. Als Sofortmaßnahme haben wir die Sachrate Sexualstraftaten in der Direktion Kriminalität personell verändert und gestärkt. Wir haben unsere internen und externen Kommunikationswege optimiert; zum Beispiel haben wir den Austausch mit den Jugendämtern intensiviert. Als längerfristige Maßnahmen überarbeiten wir die Asservatenhaltung ganzheitlich und werden Ende des Monats eine Software einführen, mit der sich der Kontext und die Zeitleiste zu jedem Verwahrstück tagesaktuell abrufen lässt. Darüber hinaus warten wir auf den Startschuss aus dem IM NRW, um die Kriminalpolizei neu zu strukturieren und mehr Fachexpertise zu bündeln. Dies sind nur einige von zahlreichen Neuerungen, die wir derzeit anstreben, um die Polizei Lippe moderner und professioneller zu gestalten. Bei allen anstehenden, notwendigen Veränderungen steht die Sicherheit der lippischen Bürgerinnen und Bürger für die Polizei Lippe auch zukünftig an erster Stelle." Karl-Eitel John, Sozialdezernent im Kreis Lippe:„Wir haben den Missbrauchsfall Lügde zum Anlass genommen, unsere Prozess zu prüfen und mit Hilfe des Landesjugendamtes weiterzuentwickeln. So haben wir beispielweise unsere Qualitätsstandards und Abläufe bei Meldungen von Kindeswohlgefährdungen überarbeitet und die Steuerungsgruppe „Kinderschutz" eingerichtet. Wir sondieren Handlungsfelder für passgenaue Angebote, wir qualifizieren unsere Mitarbeiter weiter und binden die Träger in Fachveranstaltungen zum Thema Kinderschutz ein. Prävention ist unser Ansatz: Diesen Weg werden wir konsequent weitergehen." Joachim Stamp, NRW-Familienminister:"Ich bin sehr froh, über die jetzt verhängten hohen Haftstrafen . Man darf aber auch nicht die im Juli gefallene Bewährungsstrafe gegen einen der Mittäter vergessen. Aus meiner Sicht dürfte es für die Mitwirkung an sexuellem Missbrauch keine Bewährungsstrafe geben. Das soll keine Gerichtsschelte sein. Im Gegenteil: Hier ist die Politik gefordert, über das Strafrecht nachzudenken. Wenn Menschenleben zerstört werden, muss sich das im Strafrecht niederschlagen." Sabine Meißner, Kreisrätin in Hamlen-Pyrmont:"Im Landkreis Hameln-Pyrmont ist einiges passiert und konkret geplant. Es gibt zum Beispiel eine neue Projektgruppe, die Konzepte für die Prävention von sexualisierter Gewalt gegen Kinder erarbeitet. Ziel ist die Verbesserung der Kompetenz von Fachkräften in der Einschätzung sexualisierter Gewalt sowie in der Kenntnis über Strukturen und Verfahren im Helfersystem. Mit dem Kreis Lippe hat es ein Treffen gegeben. Dabei wurde verabredet, dass Fallübergaben zwischen beiden Kreisen persönlich erfolgen, um einen großen Informationstransfer zu gewährleisten. Es ist wichtig, eine Aufarbeitung der Missbrauchsfälle von Lügde vorzunehmen und daraus nachhaltige Präventionsmaßnahmen zu entwickeln, um den Kinderschutz zu verbessern."

realisiert durch evolver group