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Andreas V. aus Lügde und Mario S. aus Steinheim sind zu langen Haftstrafen verurteilt worden. - © picture alliance/Bernd Thissen/dpa
Andreas V. aus Lügde und Mario S. aus Steinheim sind zu langen Haftstrafen verurteilt worden. | © picture alliance/Bernd Thissen/dpa

Der Fall Lügde Kommentar: Die ganze Gesellschaft muss aufmerksamer werden

Ein kleines Stückchen Gerechtigkeit ist den Opfern des Missbrauchsfalls Lügde durch das Urteil widerfahren. Doch ein bitterer Beigeschmack bleibt.

Janet König
06.09.2019 | Stand 06.09.2019, 10:59 Uhr

Ein kleines Stückchen Gerechtigkeit ist den Opfern des Missbrauchsfalls Lügde heute widerfahren. Mit dreizehn und zwölf Jahren Haft für Andreas V. und Mario S. plus anschließender Sicherungsverwahrung hat das Detmolder Landgericht ein hohes Strafmaß verhängt, mit dem wohl alle Seiten zufrieden sein dürften. Und trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack. Denn es hätte nie so weit kommen dürfen. Ob zwölf, dreizehn oder vierzehn Jahre Gefängnis – darauf kommt es letztendlich nicht an. Das Allerwichtigste ist, dass beide Täter durch die Sicherungsverwahrung nie wieder die Gelegenheit bekommen, Kinderseelen zu zerstören. Genau das haben Andreas V. und Mario S. über Jahrzehnte ungestört getan, wie es die Vorsitzende Richterin Anke Grudda so treffend beschrieb – und keiner hat den perfiden Missbrauch stoppen können. Wie konnte sich Andreas V. ein Pflegekind als Lockvogel heranziehen? Die Aufarbeitung zum Fall Lügde ist noch lange nicht abgeschlossen – und darum kümmert sich nicht allein der Untersuchungsausschuss in Düsseldorf. Auch die Polizei ermittelt immer noch gegen weitere Beschuldigte, die teils wegen sexuellen Missbrauchs oder Beihilfe unter Verdacht stehen. Bis heute wollen sich die Ermittler zu dem aktuellen Stand nicht äußern. Darüber hinaus stehen die Behörden selbst auf dem Prüfstand. Es geht um die Rolle der Jugendämter, die maßgeblich dazu beigetragen haben, dass sich Andreas V. ein Pflegekind als Lockvogel heranziehen konnte – ein heute achtjähriges Mädchen, das allein 129 Mal von ihm missbraucht wurde. Es geht um die Polizei, die schon vor Jahren konkrete Hinweise auf beide Täter nicht ordnungsgemäß behandelt hat und im Verlauf der aktuellen Ermittlungen sogar Beweismittel verschlampte und unzählige Tatortdurchsuchungen durchführen musste. Zu Recht spielten diese Nebenkriegsschauplätze keine Rolle im Lügde-Prozess. Da sollte es nur um die abscheulichen Taten der Haupttäter gehen, wie es die Vorsitzende Richterin mit aller Deutlichkeit zum Auftakt ankündigte. Dennoch darf das gesamte Ausmaß des Skandals nach dem gesprochenen Urteil nicht in Vergessenheit geraten. Die ganze Gesellschaft muss aufmerksamer werden und bleiben, das sind wir den Kindern schuldig. Für die 32 Opfer, deren Leid immer nur ansatzweise mit einem harten Urteil gesühnt werden kann, muss nun die Traumabewältigung beginnen. Ob sie das Geschehene jemals ganz bewältigen können, bleibt fraglich. Genau das sollten wir uns zu Herzen nehmen.

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