Auf dem Podium: Jutta Paulus zeigt auf, warum die Klima-Uhr schneller tickt als gedacht. Foto: alina hetland - © alina hetland
Auf dem Podium: Jutta Paulus zeigt auf, warum die Klima-Uhr schneller tickt als gedacht. Foto: alina hetland | © alina hetland

Leopoldshöhe Grüne für Investitionen in die Industrie

Europawahl: Die Kandidatin Jutta Paulus, Ex-NRW-Umweltminister Johannes Remmel und Sprecherin Inga Kretzschmar diskutieren über Lösungsansätze auch vor Ort. Strukturelle Veränderungen seien aber in ganz NRW erforderlich

Alina Hetland
06.05.2019 | Stand 05.05.2019, 19:39 Uhr

Leopoldshöhe (ah). Die Ressourcen der Erde sind endlich. „Das ist keine Schwarzmalerei“, betont Jutta Paulus von der Grünen Union. Zusammen mit Ex-NRW-Umweltminister Johannes Remmel und Grünensprecherin Inga Kretzschmar war die Politikerin im Vorfeld der Europawahlen Gast in Leopoldshöhe. Hier verwies sie auf die Werte des Institut für Biodiversitätsinformation und das Stockholm Resilience Instutute. Als Pharmazeutin und Ökotoxologin schaue sie mit größter Sorge auf die wortwörtliche „Großwetterlage“ unserer Erde. Und doch wirken die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur klimatischen Entwicklungen irgendwie weit weg in Lippe, oder? „Wer aus Richtung Barntrup angereist ist, der hat bereits ein Beispiel der essenziellen Problematik begutachten können“, kritisiert Inga Kretschmar und meint damit den Umgang mit Flächen und deren Nutzung. Ein Thema, das in besonderer Weise im Raum Lippe zum Tragen komme, da sind sich die veranstaltenden Grünen aus Oerlinghausen und Leopoldshöhe einig. Durch fortschreitende Oberflächenversiegelung (e-ben durch Maßnahmen wie dem Ausbau der B66 oder der geplanten B239n) werde Tieren und Pflanzen der Lebensraum genommen – immerhin lebten die allermeisten Tiere in der Erde – und die ohnehin durch die exzessive Landwirtschaft zu stickstoffreichen Böden würden nicht nur den Tieren als Habitate entzogen, sondern auch in ihrer Qualität unbewohnbar gemacht. Der Artenschutz sei hier aber weniger im Wortsinn zu verstehen, so der ehemalige NRW-Umweltminister Minister Johannes Remmel, denn „die Rettung von Storch und Rotbauchunke sind zwar hübsch symbolträchtige Bilder“, das entscheidende aber sei der Lebensraum als Ganzes, den wir uns mit Pflanzen und Tieren teilen. Vielmehr müsse man auf die Neuschaffung von Habitaten und Vielfalt der Lebensräume als Ganzes setzen, statt einzelne Arten ins Auge zu fassen, so Remmel. Nun könnte man fast meinen, Lippe stehe doch recht gut dar? Immerhin sind rund 44 Prozent der Flächen landwirtschaftlich genutzt und damit vermeintlich „Natur“. Ja schon, „aber dieser Bereich wandelt sich“, erläutert Inga Kretzschmar, Sprecherin vom Kreisverband Lippe. Wo früher kleine Parzellen vielfältige Lebensräume boten, indem sie aufgrund der unterschiedlichen Bewirtschaftungsformen einen bunten Teppich bildeten, sei das Bild heute ein anderes: „Große Betriebe mit riesigen Flächen sorgen für Strukturverarmung“, so die Grünenpolitikerin. Ohnehin ist NRW für Naturschutzambitionierte wie die Grünen kein Ponyhof: Ein Land mit Industrie als Kerngeschäft und satten 30 Prozent Anteil am nationalen CO2-Ausstoß sei nicht gerade eine Öko-Utopie. Doch auf der anderen Seite könne gerade diese Herausforderung auch eine Chance sein, findet Johannes Remmel. Denn „was hier funktioniert, das kann als Modell fungieren“ für Standorte, an denen der Einfluss auf das Klima unweit größer ist: „Am Ende müssen solche Konzepte in Mega Cities wie Dubai oder Sao Paulo funktionieren“ so der Ex-Minister. Um eine Zukunftsperspektive speziell für NRW zu schaffen, seien aber zuerst einmal intensive Investitionen in die Struktur der Industrie unabdingbar. Wenn sich im Wohnungsbau weiter der Zement aus China mit horrendem CO2-Ausstoß finanziell lohne, dann nütze auch der Kohleausstieg nicht viel. Auf der Ebene der Bürger werde das System häufig als Konstrukt aus zwei Seiten verstanden, kritisiert Remmel: Die Verbraucher auf der einen, die Landwirte oder Produzenten auf der anderen Seite. Sträflich vernachlässigt bleibe dabei der Zwischenschritt: Der Werbeflyer, der das Fleisch für 67 Cents pro Kilo anpreist und dabei womöglich noch von Qualität irgendeiner Art schreibt. „Als Verbraucher müssen wir die Option bekommen, uns bewusst für oder gegen Produktionsbedingungen zu entscheiden“, ist Kretzschmar überzeugt.

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