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Lemgo Lemgoer Gymnasium integriert Schüler mit Asperger-Syndrom

Umfrage belegt Skepsis

VON BERNHARD HÄNEL
09.04.2013 | Aktualisiert vor 0 Minuten
Die Schülerinnen und Schüler des Sozialwissenschafts-Kurses mit Lehrerin Astrid Libuda-Köster.
Die Schülerinnen und Schüler des Sozialwissenschafts-Kurses mit Lehrerin Astrid Libuda-Köster.
Lemgoer Gymnasium integriert Schüler mit Asperger-Syndrom - © Lemgo
Lemgoer Gymnasium integriert Schüler mit Asperger-Syndrom | © Lemgo

Lemgo. Sie haben Probleme, soziale Kontakte zu knüpfen. Es fällt ihnen schwer, Gesichtsausdrücke zu erkennen. Häufig gelten sie deshalb als sonderbar. Doch eigentlich sind Asperger-Autisten vor allem eines: anders. Und das versteht das Lemgoer Engelbert-Kaempfer-Gymnasium als pädagogische Herausforderung. Drei betroffene Schüler werden hier unterrichtet.

"Verschiedenheit ist normal", sagen die Schüler des sozialwissenschaftlichen Zusatzkurses des Gymnasiums, die nach den Osterferien Abitur machen. Im Unterricht haben sie sich mit Verschiedenheit an ihrer Schule beschäftigt – einem Gymnasium, das in seinem Schulprogramm ausdrücklich festlegt, "Raum, Zeit und Anreize für soziales Engagement und soziales Verhalten" zu geben. Untersuchungsgegenstand war das Bemühen der Schule um Integration von drei Schülern mit dem Asperger-Syndrom.

Information

Asperger-Syndrom

  • Das Asperger-Syndrom ist eine Kontakt- und Kommunikationsstörung, die als abgeschwächte Form des Autismus angesehen wird.
  •  Asperger ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Betroffene sehen normal aus, zeigen jedoch sonderbare Verhaltensweisen.
  •  Typisch sind Beeinträchtigungen des Interaktionsverhaltens, mangelndes Einfühlungsvermögen, starres Festhalten an Gewohnheiten, motorische Auffälligkeiten sowie ausgeprägte Spezialinteressen.
  •  In der Schule fällt es Kindern mit Asperger-Syndrom häufig schwer, sich an Regeln zu halten. In Teilbereichen (z. B. in der Mathematik) beeindrucken sie mit Detailwissen.
  •  Sie haben wenige oder keine Kontakte zu Gleichaltrigen. Freundschaften entstehen meist nicht, weil das Kind sehr ichbezogen handelt.
  •  Häufig äußert das Kind verletzende Bemerkungen, ohne Böses zu wollen.
  •  Zu den Stärken der Kinder zählen Aufrichtigkeit, Loyalität, Zuverlässigkeit, ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, gutes Gedächtnis, was das Spezialinteresse betrifft, und große Leistungsbereitschaft.

Ihr Ergebnis ist zwiespältig. Fast 90 Prozent der Mitschüler äußerten in einer Umfrage, dass Inklusion "sehr wichtig" oder "wichtig" sei. Dass sie im Alltag mehr umgesetzt werden müsse, meinen noch 68,3 Prozent. Doch wenn Inklusion konkret wird, äußern sich die befragten Schüler deutlich skeptischer.

Die Frage, ob sie "gerne in eine inklusive Klasse gehen" würden, bejahten lediglich 25 Prozent der Schüler, drei Viertel lehnten das ab. Grund ist die Befürchtung, in einer inklusiven Klasse weniger zu lernen. Diese Meinung vertreten fast 60 Prozent. Dagegen glauben 35,6 Prozent, "mehr", und 7,45 Prozent "deutlich mehr" in einer inklusiven Klasse lernen zu können.

Die Skepsis überwiegt also, obwohl fast 60 Prozent angaben, "Erfahrung mit Inklusion" zu haben. Nur ein Drittel nannte dabei "schlechte Erfahrungen".

Sehr nachdenklich äußern sich die Schüler zu den Ergebnissen ihrer Umfrage. "Wir stehen ja mit der Inklusion erst am Anfang", sagt Fabienne Freitag. Kai-Samson Köster sieht eine Ursache für die ambivalente Haltung der Schüler in der teilweise schlechten Ausstattung der Schule mit Fachpersonal.

Schulleiter Friedrich Bratvogel drückt dies zwar nicht so drastisch aus, doch sein Bericht macht durchaus deutlich, dass Kai-Samson den Nagel auf den Kopf getroffen hat. "Als wir vor Jahren mit der Integration begonnen haben, waren die Hilfssysteme deutlich günstiger", sagt Bratvogel. Es habe Psychologen, Sonderpädagogen und Integrationshelfer gegeben. "Das kostet richtig Geld", sagt er.

Ohne engagierte Kollegen wäre der Einstieg in die Integration am Kaempfer-Gymnasium niemals gelungen. "Es braucht dafür Idealisten", räumt der Oberstudiendirektor ein. Dabei klingt durch, dass im Kollegium Ablehnung überwog. Sie dürfte kaum geringer geworden sein, seit "das Hilfssystem" kleiner statt größer geworden ist. Doch Bratvogel will sich nicht entmutigen lassen. Er setzt auf die nachwachsende Lehrergeneration, "die besser vorbereitet ist auf Differenzierung im Unterricht".

Trotz des Engagement der Kaempfer-Pädagogen ist die Welt am Lemgoer Gymnasium keinesfalls heile. Renate Wittke, Mutter des Siebtklässlers R., ein Kind mit Asperger-Syndrom, räumt unumwunden Schwierigkeiten in der Klasse, vornehmlich aber auf dem Schulhof in den Pausen ein. "Da wird gehänselt und vieles versucht, R. zu reizen", berichtet sie. Aber weitgehend "läuft es", sagt R.s Mutter. Sie ist eine Kämpfernatur, die nichts unversucht lässt, ihrem Sohn einen Weg entsprechend seiner Begabung zu ermöglichen. "Der ist nicht doof", sagt sie und kann dies mit einem Notenschnitt von 2,2 belegen.

Renate Wittke sagt, was Schulleiter Bratvogel allenfalls andeutet: "Inklusion gibt es nicht zum Nulltarif. Es reicht nicht aus, Lehrer durch Nachschulungen für die zusätzlichen Aufgaben zu befähigen, die die UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen mit sich bringt."

Schon heute gebe es viel zu wenig Betreuungsangebote. "Mindestens ein Sonderpädagoge pro Schule ist notwendig, wenn die Inklusion gelingen soll." Unter den sich in NRW abzeichnenden Bedingungen glaubt sie kaum an einen Erfolg der Inklusion. Genau das , sagt Sowi-Kursleiterin Astrid Libuda-Köster, drücke sich in den Ergebnissen der Schülerumfrage aus.