Wer an Zöliakie leidet, darf keine Lebensmittel mit Gluten essen. - © picture alliance / dpa Themendienst
Wer an Zöliakie leidet, darf keine Lebensmittel mit Gluten essen. | © picture alliance / dpa Themendienst

Lemgo Zöliakie: So lebt es sich mit der Lebensmittelkrankheit

Schmerzhaft: Annette Sendler leidet an Zöliakie. Die Lebensmittelunverträglichkeit bestimmt ihr Leben, doch von vielen wird sie nicht ernst genommen.

Tessa Rinkes

Lemgo. „Ich würde gerne mal wieder eine Pizza Calzone essen", sagt Annette Sendler. Doch das ist nicht möglich. Die Lemgoerin muss penibel darauf achten, was sie isst. Sie ist laut der deutschen Zöliakie-Gesellschaft eine von 80.000 Menschen, die unter Zöliakie leiden. Seit dem ihr Arzt die Glutenunverträglichkeit diagnostiziert hat, bestimmt sie ihr Leben – Zuhause, im Supermarkt und beim Ausgehen mit Freunden. Getreideprodukte sind für die Mutter von zwei Kindern tabu. Bereits die kleinsten Sporen lösen Bauchkrämpfe aus. „Ein Schnitzel darf beispielsweise nicht in derselben Pfanne wie ein paniertes Schnitzel gebraten werden", erklärt Sendler. Daher geht sie mit Freundinnen nur in Restaurant, wenn dort glutenfrei gekocht wird. „In vielen Restaurants wissen Köche und Kellner nichts von Lebensmittelunverträglichkeiten. Wenn ich Nachfrage, fühlen sich viele sogar persönlich angegriffen." Häufig werde getuschelt, weil ihnen die Tragweite der Erkrankung nicht bewusst sei, sagt Sendler. Bei ihr und anderen Betroffenen reichen bereits ein Milligramm des Klebereiweiß aus, um heftige Krämpfe und Durchfall auszulösen. »Die Unverträglichkeit kann Diabetes oder Darmkrebs auslösen« Den Hype um glutenfreies Essen versteht sie trotzdem nicht. „Nicht nur, weil viele Produkte fad und pappig schmecken, sondern auch, weil ich die Blicke im Supermarkt spüre, wenn ich die Produkte kaufe", sagt Sendler. Der Hype sorge auch dafür, dass die Betroffenen nicht ernst genommen werden, ergänzt Bianca Maurer von der deutschen Zöliakie-Gesellschaft (DZG). Sendler hat sich an die Ernährungsumstellung gewöhnt, ebenso wie ihre Tochter Marlene, die ebenfalls an Zöliakie leidet. Ein sorgenfreies Leben sei allerdings nicht möglich. Sendler sorgt sich vor allem um ihre Tochter, weil die Erkrankung auch Diabetes oder Darmkrebs auslösen kann. „Studien belegen, dass die Einnahme von Gluten trotz einer Intoleranz schwere Krankheiten auslösen kann, deshalb passt meine Tochter genau auf, welche Lebensmittel sie isst und welche sie meidet", erklärt Sendler. Da die Schulcafeteria ihrer Tochter kein glutenfreies Essen anbietet, kocht Sendler das Essen für ihre Tochter täglich selbst. Um zu vermeiden, dass sie und ihre Tochter aus Versehen Glutensporen zu sich nehmen, hat die Familie zum Beispiel zwei Toaster im Einsatz. „Wir haben eine imaginäre glutenfreie Zone in der Küche", erklärt Sendler. Ihr Mann und ihr Sohn verzichten hingegen nicht auf Getreide. „Denn wer freiwillig auf Gluten verzichtet, obwohl keine Glutenunverträglichkeit vorliegt, schadet seinem Darm und damit der Gesundheit." Vor fünf Jahren diagnostizieren Ärzte bei Sendlers Tochter Marlene Zöliakie. Sendler erinnert sich noch genau an das Leid ihrer damals drei Jahre alten Tochter. „Ihr Bauch war aufgebläht und im Kindergarten lag sie häufig in der Puppenecke, anstatt mit den anderen Kindern zu spielen." Sendler wusste genau, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmte, der Kinderarzt allerdings nicht. Nach einem Jahr diagnostizierte ein zweiter Arzt die seltene Krankheit. „Vielen Ärzten ist die Unverträglichkeit leider noch unbekannt", moniert Sendler.

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