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Eine Polizistin steht im Garten des Mehrfamilienhauses, wo eine 15-Jährige ihren dreijährigen Halbbruder mit einem Messer getötet haben soll. - © dpa
Eine Polizistin steht im Garten des Mehrfamilienhauses, wo eine 15-Jährige ihren dreijährigen Halbbruder mit einem Messer getötet haben soll. | © dpa

Detmold Nach Tötung von Kleinkind: Experten warnen vor voreiligen Schlüssen

Auswirkungen der Wut sind eine Frage der Impulskontrolle

09.11.2019 | Stand 09.11.2019, 21:13 Uhr

Detmold (dpa). Im Fall einer 15-Jährigen, die ihren schlafenden Halbbruder mit 28 Messerstichen ermordet haben soll, warnen Experten vor vorschnellen Schlüssen. Dass jemand seine Wut nicht unter Kontrolle habe, liege immer in einen Mix an Gründen, sagt etwa Mareike Schüler-Springorum, Ärztliche Direktorin des LWL-Therapiezentrums für Forensische Psychiatrie Marsberg in Nordrhein-Westfalen. „Das ist ein komplexes Zusammenspiel." Die Psychologische Psychotherapeutin Gisela Dreyer aus Bonn sagt: „Wut ist das intensivste und am schwierigsten zu kontrollierende Gefühl." Selbst Erwachsenen falle die Kontrolle darüber schwer. „Kontrolle der Wut gelingt allein über Selbstreflexion und über Sprache", meint Dreyer. Defizite bei diesen Punkten würden zum Problem. Nach der Tötung eines dreijährigen Jungen in Detmold (Nordrhein-Westfalen) am Mittwoch sitzt eine 15-Jährige wegen Mordes in Untersuchungshaft. Nach Angaben der Ermittler hält sie sich selbst für die Täterin, beruft sich aber zugleich auf Erinnerungslücken. Nach ersten Erkenntnissen hatte das Mädchen eine tiefe Abneigung gegen den Halbbruder entwickelt. Wutgefühl aus Experten-Sicht Die beiden Expertinnen Schüler-Springorum und Dreyer betonen übereinstimmend, dass zu dem Detmolder Fall bislang zu wenig bekannt sei, um sich konkret zu äußern. Ihre Einschätzungen beziehen sich daher allgemein auf das Wutgefühl aus Experten-Sicht. Schüler-Springorum, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, sagt: „Jeder von uns geht damit anders um. Bei dem einen muss schon viel passieren, bevor er wütend wird. Der andere geht wie das berühmte HB-Männchen sofort in die Luft. Das ist eine Frage der Impulskontrolle." Die Impulskontrolle müsse sich erst langsam entwickeln. „Bei einem Baby ist sie nicht vorhanden. Und auch Kleinkinder können im Supermarkt noch den berühmten Wutausbruch bekommen und sich auf den Boden werfen", sagt Schüler-Springorum. Die Wissenschaft wisse, dass sich Hirnareale bei Jugendlichen zu unterschiedlichen Zeiten entwickeln. Areale für die Verhaltens- und somit Impulskontrolle reiften relativ spät, Areale wie das Belohnungszentrum relativ früh. „Das führt bei Jugendlichen zu Disharmonien in der Entwicklung. Eltern von Pubertierenden können das bestätigen", erklärt Schüler-Springorum. "War niemand da für den Betroffenen?" „Bei Wut als Auslöser für Gewalt ist die Frage, warum sie sich so massiv entwickelt? War niemand da für den Betroffenen? Wie schaut das Familiensystem aus? Kann der Jugendliche Lösungsstrategien für sich entwickeln? Wie schaut seine soziale Kompetenz aus? Wie geht er mit Kritik um?", zählt die Fachärztin auf. Bei jugendlichen Straftätern müssten Experten verschiedene Punkte klären: „Kann der Täter Unrecht überhaupt verstehen? Kann er sein Handeln steuern? Liegt eine psychische Störung vor?", sagt Schüler-Springorum. Außerdem müsse ein Gutachter prüfen, wie der Jugendliche mit Gefühlen umgeht, wie mit Frust oder Stress mit den Eltern. Das Lernumfeld in der Schule sei ebenfalls zu beleuchten. Zum Fall der 15-Jährigen aus Detmold hieß es bereits von der Staatsanwaltschaft, ein Gutachter müsse nun prüfen, ob das Mädchen schuldfähig und wie die geistige Entwicklung einzuschätzen sei. Mit 15 Jahren ist das Mädchen vom Gesetz her strafmündig.

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