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Detmold/Augustdorf Tor-Unfall: Juraprofessoren halten Detmolder Urteil für zweifelhaft

Schützenhilfe für Jugendobmann vor Berufungsverhandlungl

Jutta Steinmetz
12.09.2015 | Stand 13.09.2015, 14:24 Uhr

Detmold/Augustdorf. Viele Jahre lang war Volker Dierk im FC Augustdorf im besten Sinne Überzeugungstäter, zuletzt als Jugendobmann des Vereins. Vor zweieinhalb Jahren ist er nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Detmold zum Straftäter geworden, als bei einem Fußballturnier ein umstürzendes Tor einen elfjährigen Jungen schwer verletzte. Gegen diese Sichtweise kämpft der 43-Jährige mit aller Kraft - auch am Mittwoch vor dem Detmolder Landgericht. Dort hat er gegen seine Verurteilung wegen fahrlässiger Körperverletzung Berufung eingelegt. Möglicherweise hat er von zwei Wissenschaftlern der Erlanger Friedrich-Alexander-Universität Schützenhilfe erhalten. "Das Ehrenamt unter Verantwortungsdruck" lautet der Titel des Beitrags aus den Federn der Erlanger Professoren Klaus Vieweg und Hans Kudlich. Sie finden klare Worte. Dieser Fall mache "wieder einmal deutlich, dass wir in einer Gesellschaft leben, die verlernt hat, mit Unglücksfällen umzugehen, und daher in jedem Fall eine (vielfach auch straf)rechtliche Verantwortung fordert", schreiben Vieweg und Kudlich in einer Fachzeitschrift. Sie halten es für "zweifelhaft", dass im Fall Volker Dierk "die Voraussetzung einer Strafbarkeit bejaht werden" kann. Aber nur dann sei eine Verurteilung strafrechtlich korrekt. Anscheinend haben die beiden Juraprofessoren in der Beweisaufnahme und ihrer Würdigung durch den Detmolder Amtsrichter einige Defizite ausgemacht. Denn sie formulieren als Muss für die Berufungsinstanz, "die Gesamtsituation zu berücksichtigen". So laute die zentrale Frage, ob Volker Dierk "den Schaden vorhersehen und durch geeignete Maßnahmen verhindern konnte oder musste". Dazu, so Vieweg und Kudlich, müsse der tatsächliche Hergang des Unfalls nochmals gründlich thematisiert und bewertet werden, aber auch geklärt werden, wie es um die Verantwortlichkeit jener Männer und Frauen bestellt war, die am Unfalltag als Betreuer des verletzten Jungen vor Ort waren. Das sei vor dem Amtsgericht unterblieben. Genau in diesem Zusammenhang erteilt das Professorenduo aber einem Gedanken eine klare Absage. Nämlich dem, dass der Trainer und Jugendvorstand die Betreuer der Gastmannschaften auf ihre Aufsichtspflicht hätte hinweisen müssen. "Darin läge eine lebensfremde Überspannung der Verkehrssicherheit", konstatieren die Experten."Keine Heerscharen von Verantwortlichen" Jann Henrik Popkes, Dierks Verteidiger, fühlt sich durch die Wissenschaftler bestärkt. Das erstinstanzliche Urteil aus Detmold zeuge von einem "Ausufern der Strafbarkeit", indem es ehrenamtlich Tätigen mehr aufbürde, als geleistet werden könne, sagt er und führt dafür seinen Mandanten ins Feld. Volker Dierk, Obmann und Trainer mit Erfahrung, "weiß gar nicht, was er besser und anders hätte machen sollen". Dass die Eltern des Jungen, der unter massiven Beeinträchtigungen leidet, "Schmerzensgeld und Schadenersatz geltend machen, ist legitim", sagt Popkes. "Aber dafür brauchte ich keine Heerscharen von Verantwortlichen." Anders sieht Oberstaatsanwalt Ralf Vetter den Fall. Auch er hat gegen das Urteil Berufung eingelegt - auf Grund von Dierks Ablehnung der gerichtlichen Entscheidung. Der Trainer sei "uneinsichtig", findet er. Denn seiner Ansicht nach ist vor vier Jahren in der Augustdorfer Halle viel schiefgelaufen. "Offensichtlich hat sich niemand gekümmert", sagt er. "Absolut sorglos und ohne Problembewusstsein" sei man gewesen. Das habe für den Jungen gravierende Folgen gehabt. "Er wurde schwer verletzt, erlitt bleibende Schäden", sagt Vetter. Und so sei eine Einstellung des Verfahrens ohne jede Auflage nicht möglich gewesen. "Ehrenamtlich tätig zu sein, das bedeutet auch, Verantwortung zu tragen", findet Vetter und will im Fall Dierk dafür ein deutliches Zeichen setzen. Vetter will eine Geldstrafe beantragen, die nicht zur Bewährung ausgesetzt werden soll.

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