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Hatune Dogan zeigt ihr 199 Seiten starkes Buch vor dem syrisch-orthodoxen Kloster in Warburg. - © FOTO: ANDREAS BLOCK
Hatune Dogan zeigt ihr 199 Seiten starkes Buch vor dem syrisch-orthodoxen Kloster in Warburg. | © FOTO: ANDREAS BLOCK

WARBURG Kein Weg zu weit

Wegen des Glaubens floh Schwester Hatune bis nach Warburg – jetzt hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben

VON ANDREAS BLOCK
06.04.2010 | Stand 05.04.2010, 19:05 Uhr

Warburg. Es war eine laue türkische Spätsommernacht, in der die 14-jährige Hatune ihren Papa kniend anflehte: "Lass uns gehen, hier sind wir nicht mehr sicher." Knapp war ihr Vater einem Mordkomplott entwischt, immer wieder wurde die Familie wegen ihres christlichen Glaubens angefeindet. Am nächsten Tag verkauften Hatune und ihre Familie ihr Hab und Gut in der Türkei und packten die Koffer. Sie wollten nach Deutschland.

26 Jahre später, Ostermontag in Warburg, Hatune Dogan muss viele Hände schütteln. Vertreter des renommierten Herder-Verlags sind nach Warburg gekommen – und natürlich Freunde und Verwandte. Seit 1997 lebt Schwester Hatune, wie sie sich heute nennt, im syrisch-orthodoxen Kloster in der Warburger Klosterstraße. Sie hat mit ihrer Familie die Flucht geschafft, über Istanbul und Belgien bis nach OWL. Nun hat sie ihre Lebensgeschichte in der Hand, signiert sie für Freunde, 199 Seiten sind es geworden.

Der Schwerpunkt liegt aber nicht auf dem, was ihr als Christin in der Türkei widerfahren ist. Sie beschreibt ausführlicher, was Christen heute im Nahen Osten immer noch passiert: Sie werden verfolgt, können oft ihren Glauben nicht leben. Genau wie Hatune Dogan vor 26 Jahren. Heute hilft sie solchen Menschen, ihr Buch heißt "Es geht ums Überleben. Mein Einsatz für die Christen im Irak."

Denn der Irak, das sagt Hatune Dogan, ist besonders gefährlich für alle, die sich zu einer christlichen Kirche bekennen. In ihrem Buch beschreibt sie, dass die Situation seit dem Sturz Saddam Husseins sogar noch schlimmer geworden ist. Etwa die Hälfte der 650.000 Christen, die 2003 noch im Irak lebten, sei mittlerweile auf der Flucht. "Nach dem Sturz Saddams waren die Christen pauschal in Verdacht geraten, die Amerikaner und Briten zu unterstützen", schreibt Schwester Hatune.

Solche Menschen, die sich von fanatischen Islamisten verfolgt fühlen, besucht Hatune Dogan – zum Beispiel in Jordanien oder in Syrien. Sie verteilt Lebensmittel, hilft bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. Meistens ist sie mit jeder Menge Übergepäck unterwegs, vier Koffer, mindestens. Als Leiter in einer Hilfsorganisation, der "Schwester-Hatune-Stiftung", gelten die üblichen Einschränkungen beim Fliegen für sie nicht. Ein Vorteil für eine, für die kein Weg zu weit ist. Die dort hingeht, wo sie gerade gebraucht wird.

Ihre Stiftung hat als Projekt einer einzigen Frau angefangen. "Mittlerweile haben wir 5.000 ehrenamtliche Helfer in Europa, in Indien und im Nahen Osten", sagt Schwester Hatune, "ich bin darüber sehr glücklich." Wenn sie nicht gerade in Nahost ist, arbeiten sie und die Freiwilligen in Indien. Hunderte Brunnen sind dort entstanden, und, genauso wichtig, 16 Berufsschulen, vor allem für Mädchen, die hier die Arbeit am Computer lernen.

Anderthalb Jahre lang hat Hatune Dogan an ihrem Buch geschrieben. Es enthält bedrückende Szenen, wie die Geschichte der jungen Familie, die eine Morddrohung per SMS nicht ernst nimmt – und am nächsten Tag umgebracht wird. Aber es gibt auch Episoden, die gut ausgehen. So erzählt Hatune von der jungen Hana, die sie 2007 in Jordanien kennen gelernt hat. Damals konnte Hana ihren Kindern von den Spenden der "Schwester-Hatune-Stiftung" endlich saubere Kleidung kaufen. Zwei Jahre später wollte sie von Hatune kein Geld mehr annehmen – sie hatte das Startkapital der Stiftung genutzt und sich eine Existenz aufgebaut, Job im Restaurant inklusive.

Schwester Hatune hat gestern übrigens nicht nur ihre Buchpräsentation gefeiert, sondern auch ihren 40. Geburtstag. "Ruhiger werde ich jetzt aber nicht", sagt sie. Der nächste Flug nach Nahost ist schon gebucht. In einer Woche soll es losgehen.

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