Warburg Premiere für vergessenen Komponisten

Benefizkonzert des Rotary Clubs hat seltene Barock-Perlen nach Warburg gebracht

VON BURKHARD BATTRAN
In der Altstadt-Pfarrkirche musizieren (v. l.) Lautenist Ulrich Wedemeier, Sopranistin Ina Siedlaczek, Gambenistin Simone Eckert und Organist Thomas Berning. - © FOTO: BURKHARD BATTRAN
In der Altstadt-Pfarrkirche musizieren (v. l.) Lautenist Ulrich Wedemeier, Sopranistin Ina Siedlaczek, Gambenistin Simone Eckert und Organist Thomas Berning. | © FOTO: BURKHARD BATTRAN

Warburg. Im vergangenen Jahr hatte der 2010 gegründete junge Warburger Rotary-Club erstmals ein anspruchsvolles Benefizkonzert veranstaltet. Den Auftakt machte damals das Quintessence Saxofonquartett mit sehr modernen Interpretationen barocker Musik. In diesem Jahr ging es erneut um Perlen der Barockzeit. Diesmal aber erklang in der Altstadt-Pfarrkirche Mariä Heimsuchung die Alte Musik im originalen Klang der historischen Aufführungspraxis.

Beim Stichwort Alte Musik kommt man in Deutschland kaum an der Hamburger Ratsmusik vorbei und das Stichwort Gambe ist beinah schon ein Synonym für Simone Eckert (47). Auch international hat in den letzten Jahrzehnten kaum eine Musikerin wie die Hamburger Gamben-Virtuosin das Spiel auf diesem frühbarocken Instrument nachhaltiger beeinflusst. Am Sonntag stand die Ausnahmegambistin mit der Hamburger Ratsmusik im Rahmen des 2. Benefizkonzerts des Rotary Clubs vor rund 100 Zuhörern in der Warburger Altstadtkirche auf der Konzertbühne.

Telemann, Bach und Buxtehude laufen einem ja immer mal wieder über den Weg. Ab und zu findet auch mal das eine oder andere Werk von Philipp Heinrich Erlebach oder Johann Philipp Krieger Eingang in ein Konzertprogramm. Ganz anders verhält es sich mit dem barocken Zeitgenossen Johann Ulich (1677 bis 1742). Bisher war noch nie ein Werk des Wittenberger Komponisten in OWL aufgeführt worden.

Nicht einmal das renommierte Paderborner Musica-Sacra-Festival für Alte Musik hat sich bisher diesem Komponisten gewidmet. Es war also gewissermaßen eine OWL-Premiere, denn für das Benefizkonzert hatte die Ratsmusik erstmals die Kantate "Ihr hellen Sterne des Glücks" vorbereitet. Über Ulich selbst ist nicht sonderlich viel bekannt. Nicht mal bei seinen Lebensdaten herrscht Einigkeit. Er soll 1677 als Sohn des gleichnamigen Musikers Johann Ulich geboren worden sein.

Der Vater (1634 bis 1712) war Kantor in Wittenberg, Organist und Director Musices in der Stadtkirche sowie Lehrer an der Stadtschule. Von ihm ist die Kantate "Meinen Jesus lass ich nicht" überliefert. Vom Vater erlernte der kleine Johann die musikalischen Grundlagen. 1695 nahm Ulich junior das Studium an der Universität Wittenberg auf. Seit 1708 lebte und wirkte er in Zerbst, wo er 1742 starb. 2002 waren in der Russischen Staatsbibliothek zufällig sechs Sonaten für Flöte und Cembalo von Ulich wiederentdeckt worden. Das bis dato bekannte Oeuvre umfasst neun Cembalo-Suiten und drei Kantaten. Eine davon ist die Kantate "Ihr hellen Sterne des Glücks", die die Ratsmusik am Sonntag mit nach Warburg gebracht hatte.

Für die Barock-Spezialisten unter den Zuhörern war es schon allein deswegen ein besonders spannendes Konzert, auch wenn man zugeben muss, dass Ulich sich nicht wirklich mit Telemann oder Erlebach messen kann.

Im Mittelpunkt des Konzerts stand die Paderborner Sopranistin Ina Siedlaczek. Sie ist die aktuelle Künstlerin des Jahres der Kulturstiftung Marienmünster. Dort wird sie in den nächsten Wochen eine CD mit barocken Kantaten aufnehmen. Das Warburger Konzert war eine Art Preview dieses Aufnahme-Vorhabens. Sopranistin Siedlaczek ist die Ehefrau des Paderborner Domkapellmeisters Thomas Berning, der auch beim Warburger Konzert die Orgel bediente.

Ina Siedlaczek und Thomas Berning sind keine festen Ensemblemitglieder der Hamburger Ratsmusik. Anders der Lautenist Ulrich Wedemeier, der seit vielen Jahren in der Ratsmusik mitwirkt. 1991 hat Gambistin Simone Eckert die Hamburger Ratsmusik, die ihre Ursprünge im 16. Jahrhundert hat, neu wiederbelebt und seither zu einem der wichtigsten Ensembles für Alte Musik in Deutschland entwickelt.

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