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Elmar Nolte ist es ein Anliegen, an die jüdischen Vorbesitzer seines Hauses zu erinnern. - © FOTO: ANNEDORE WILMES
Elmar Nolte ist es ein Anliegen, an die jüdischen Vorbesitzer seines Hauses zu erinnern. | © FOTO: ANNEDORE WILMES

Warburg Wissenslücke über Kulturerbe schließen

Hauseigentümer Elmar Nolte erinnert mit Gedenktafel an jüdische Vorbesitzer

26.02.2013 | Stand 25.02.2013, 20:14 Uhr

Warburg (ado). Das dreigeschossige Haus aus schwarz-weißem Fachwerk gehört zu Recht zu den Baudenkmälern Warburgs. 1538 gebaut, beherbergt es seit fast fünf Jahrhunderten Familien- und Kulturgeschichte hinter seiner prächtigen Fassade. Für ihre Erneuerung wurde Elmar Nolte auf dem Kälkenfest ausgezeichnet. Mit dem Preisgeld verwirklichte der Hauseigentümer ein persönliches Anliegen: Er ließ eine Gedenktafel anbringen, die auf das Kulturerbe verweist und an die jüdischen Vorbesitzer erinnert.

Besucher wie Einwohner Warburgs kennen transparente Kunststofftafeln, die Passanten über die Geschichte der städtischen Baudenkmäler Auskunft geben. Außerdem gibt es die sogenannten Stolpersteine; kleine Würfel, die, wie in vielen anderen europäischen Städten, in die Gehwege eingelassen sind. Individuelle Inschriften in ihren Messingoberflächen erinnern daran, dass an jenen Orten Juden lebten, die während der nationalsozialistischen Diktatur diffamiert, deportiert oder ermordet wurden. Auch die Namen von Mitgliedern der Familie Goldschmidt aus der Joseph-Kohlschein-Straße sind in Stolpersteine eingraviert. Susanne und Julie Goldschmidt wohnten im Haus mit der Nummer 28, das Elmar Nolte 1979 kaufte und sanierte. Beide Frauen waren in den 40er Jahren deportiert und in Theresienstadt ermordet worden.

"Bis weit in die Nachkriegszeit war das Haus in Warburg nur als ‚Judenhaus' bekannt. Diese Bezeichnung ist antisemitisch. Das war einer der Gründe, die mich bewogen, eine Gedenktafel an das Haus anzubringen", erklärt Elmar Nolte. Laut Gedenktafel heißt das Fachwerkhaus nun, nach seinen letzten jüdischen Eigentümern, Goldschmidt-Haus. Die Familie Goldschmidt sei weit über Warburg hinaus verzweigt gewesen. Hinweise auf Nachfahren der Warburger Familie habe Nolte nicht finden können. Die Tafel würdigt auch die architektonischen Besonderheiten des Gebäudes, das "als zweischiffiges Deelenhaus mit Speicherstock und seitlichem Saalbau" erbaut wurde. Vor allem aber erinnert die Inschrift daran, dass das Haus von "1722 bis 1942 in Besitz der jüdischen Kaufmannsfamilien Berg und Goldschmidt" war. Damit, und mit dem Bezug auf die Ermordung von Susanne und Julie Goldschmidt, verweist das Schild auf die über Jahrhunderte währende Kultur jüdischen Lebens in Warburg, die die nationalsozialistischen Deutschen ausgelöscht hatten.

Elmar Nolte hat sich intensiv mit der Geschichte seines Hauses auseinandergesetzt. Neben der Lektüre vorhandener Literatur über die Geschichte der Warburger Altstadt sowie der jüdischen Gemeinde in Warburg, hat er mit Hilfe des Stadtarchivs Warburg recherchiert: "Es gibt Katasterunterlagen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Ab 1722 haben nachweislich Juden in diesem Haus gewohnt. Direkt nebenan stand im Übrigen die Altstädter Synagoge." Das wüssten viele Menschen nicht, da auch hier, wie an vielen anderen geschichtlich bedeutsamen Gebäuden in Warburg, ein entsprechendes Schild fehle.

Die Gedenktafel gestaltete der Diplomingenieur nach dem Vorbild der Infoschilder an anderen Baudenkmälern Warburgs. Die Schrifttype sei dieselbe und das Plexiglasschild, ebenso wie die übrigen Tafeln, 25 mal 35 Zentimeter groß. Der Zweck bestehe nicht darin, ein besonderes Schild zu haben, so Elmar Nolte. Vielmehr sei ihm wichtig, eine von mehreren Lücken in der Ausweisung der Warburger Baudenkmäler und der Geschichte ihrer früheren Bewohner zu schließen.

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