Das sind sowohl die Zuckerfabrik, die 1882 ihren Betrieb aufnahm und an der sich derzeit die Rüben stapeln (im Hintergrund), wie auch der Werksleiter Christian Voß. Er kam 1980 als Betriebsleiter nach Warburg und hat dort 26 Rüben-Kampagnen als Werksleiter mitgemacht. - © FOTO: SIMONE FLÖRKE
Das sind sowohl die Zuckerfabrik, die 1882 ihren Betrieb aufnahm und an der sich derzeit die Rüben stapeln (im Hintergrund), wie auch der Werksleiter Christian Voß. Er kam 1980 als Betriebsleiter nach Warburg und hat dort 26 Rüben-Kampagnen als Werksleiter mitgemacht. | © FOTO: SIMONE FLÖRKE

WARBURG Vier Jahrzehnte für eine süße Leidenschaft

Nach 41 Rüben-Kampagnen: Werksleiter Christian Voß hat heute seinen letzten Arbeitstag bei der Zuckerfabrik

VON SIMONE FLÖRKE

Warburg. Er spricht bewusst von einem Übergang - keinesfalls von einem Abschied - und sagt: "Der Staffelstab wird übergeben." Heute hat Christian Voß seinen letzten Arbeitstag als Werksleiter der Warburger Zuckerfabrik im Konzern der Südzucker AG. Nach insgesamt 41 Rüben-Kampagnen, davon 31 in Warburg und davon 26 als Werksleiter in Warburg. Zum 1. April 2013 wird der heute 63-jährige gelernte Landwirt aus dem Hannoverschen Wendland dann mit 65 in die Altersrente gehen.

"Wichtig ist mir, dass es weitergeht. Und es wird weitergehen. Das ist das Schöne", sagt Voß und meint damit Betriebsleiter Peter Tewes (52), seit 2004 für Warburgs süßeste Fabrik verantwortlich, und seinen Nachfolger als Werksleiter, Dr. Stefan Mondel (42). Mit letzterem verbindet ihn nicht nur die Liebe zu dem verfahrenstechnisch komplizierten Vorgang, aus einer Rübe ein süßes Lebensmittel zu machen: "1980 kam ich als Betriebsleiter nach Warburg - wie bei Stefan Mondel heute auch damals meine siebte Station." Seine erste Kampagne war reine Nachtschicht-Arbeit, erinnert er sich und schmunzelt: "Hat mir nicht geschadet." Machte sich aber dank der 50-prozentigen steuerfreien Zulage gut im Portmonee, fügt er hinzu.

Dabei war Voß nur über den Umweg Bier zum Zucker gekommen. Im Studium in Berlin (Lebensmittel-Technologie) wechselte der zunächst als Brauer eingeschriebene Jung-Student ("weil ich gern Bier trinke") die Fachrichtung. "Weil der Professor nebenan im Institut ein Hohelied auf die Zuckerwirtschaft sang und versprach: Meine Absolventen machen alle Karriere." Grundsätzlich, so Voß, habe er das Studium mit seinen landwirtschaftlichen Kenntnissen verbinden wollen. Den Wechsel der Fachrichtung habe er nie bereut, sagt der 63-Jährige überzeugt und spricht von einer "historischen Schicksalsgemeinschaft": "Die Bauern brauchen uns und wir die Bauern. Diese enge Verbindung gibt’s nur in der Zuckerwirtschaft."

Nach Warburg kam er in der Zeit, als die 1,20 Meter langen Lohnstreifen (Lohn gab’s in Tüten) auf Überweisungen umgestellt wurden. Zudem war Warburg gerade von einer Einzel- auf eine Konzernfabrik umgestellt worden. Auch die wirtschaftlichen Umstände seien nicht rosig gewesen. Sogar ein Schließung sei in Warburg im Gespräch gewesen, erinnert sich Voß. Gelungen ist es ihm mit seinem Team, die Produktivität um ein Zehnfaches zu steigern, die Tageskapazität von 2.400 auf 5.000 Tonnen Rüben mehr as zu verdoppeln - den Standort zu retten und fest zu etablieren. Zu den Highlights seiner Karriere zählt Christian Voß, seit 22 Kampagnen Werksleiter für Warburg und Wabern bei Fritzlar, die Wiedervereinigung und die Umstrukturierungen, die Warburg stärkten. Er half im Osten beim Aufbau "mit unserem Wissen und mit wenig Geld", er brachte seine Erfahrung bei Projekten und als Berater ein, unter anderem in Moldawien, Weißrussland oder Russland. Zudem habe Warburg nach der Schließung von Soest die Rübenernte aus der Soester Börde bekommen: Drei Viertel davon landen heute in Warburg, der Rest in Lage. Stolz ist er auch, dass Warburg deutschlandweit die einzige Fabrik sei, die Bio-Rüben zu Bio-Zucker verarbeitet. "Darum haben wir kräftig kämpfen müssen. Ein zusätzlicher Pluspunkt, der für den Standort Warburg gut ist und ihn sichert."

In den Ruhestand geht Voß mit einem guten Gefühl, das Feld bestellt zu übergeben und in der neuen Lebensphase Aufgaben und Pläne zu haben: "Ich werde in bisschen wegfahren mit meiner Frau." Er spielt Tennis, liebt den Garten ("wir sind Selbstversorger") und ist Mitglied im Warburger Lions-Club. Zudem seien da noch seine ehrenamtlichen Tätigkeiten, die weitergehen und ihn weiterhin mit dem Zucker verbinden werden: Als Vorstandsmitglied der Berufsgenossenschaft oder als Mitglied der Technischen Kommission des Verbandes der deutschen Zuckerindustrie. Während der 41 Rüben-Kampagne habe sich so vieles verändert: "Die Rüben sind heute größer und süßer als vor 30 Jahren. Der Zucker ist noch genauso süß, die Kohle sorgt in der Fabrik weiterhin für Dampf. Aber ansonsten ist das heute eine total andere Welt. Zwei bis drei Generationssprünge, die wir erfolgreich gemeistert haben."

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