Tonnenschwer ist die Fügeler-Kanone, die normalerweise auf dem Burg-Rondell in Stellung gebracht ist. Am Freitagmorgen Schlag elf wurde der Kaventsmann hochgehoben. Am Haken des Krans verdeckt sie die Spitze des Altstadt-Kirchturms samt Fahnenmasten. Nur einer duckte sich nicht: Der mutige Zimmermann Gerd Winnig behielt die Fügeler fest im Blick. - © FOTOS: SANDRA WAMERS
Tonnenschwer ist die Fügeler-Kanone, die normalerweise auf dem Burg-Rondell in Stellung gebracht ist. Am Freitagmorgen Schlag elf wurde der Kaventsmann hochgehoben. Am Haken des Krans verdeckt sie die Spitze des Altstadt-Kirchturms samt Fahnenmasten. Nur einer duckte sich nicht: Der mutige Zimmermann Gerd Winnig behielt die Fügeler fest im Blick. | © FOTOS: SANDRA WAMERS

WARBURG Ein Schreckgespenst hängt am Haken

Warburger Heimat - und Verkehrsverein lässt die dicke Fügeler-Kanone restaurieren

VON SANDRA WAMERS

Warburg. Touristen lockt sie gleichermaßen wie die Einheimischen: Die Fügeler-Kanone auf dem Burgrondell mit Blick über die Altstadt und auf die Schokoladenseite der Stadt. Dort lässt man sich gerne mit dem Geschütz fotografieren. Tausende Schnappschüsse wurden von dem mächtigen Ballermann gemacht. Abgefeuert hingegen wurde diese Kanone niemals. Am Freitagmorgen schwebte die berühmte Wuchtbrumme kurz über der Stadt.

Keine Frage: Die Fügeler ist ein Hingucker. 1525 wurde sie von dem Warburger Geschützmeister Manegold gegossen. "Sie war eine der größtenWaffen ihrer Zeit", weiß Peter Kohlschein, Vorsitzender vom Heimat- und Verkehrsverein Warburg. Ein exorbitantes Kaliber, das hatte sich ratzfatz im Land herumgesprochen. Auch der streitlustige Fürstbischof Franz von Waldeck hatte von der Fügeler gehört.

Danach wollte – besser gesagt – musste der Kriegsherr sie unbedingt haben. Franz von Waldeck brauchte sie zum Herzeigen. Er wollte sie publikumswirksam in Stellung bringen. Und tat es auch.
Der Fürstbischof von Waldeck beschlagnahmte die Warburger Kanone und schleppte sie durchs Land bis ins ferne Münster. Dort hatten sich die renitenten Wiedertäufer verschanzt. Die sollten durch den imposanten Anblick der Fügeler ordentlich eingeschüchtert werden, um sozusagen im Angesicht der Kanone zu kapitulieren.

Psychologische Kriegsführung nennt man das heute. Und tatsächlich, es wirkt: Bei eingehender Betrachtung des Stahlrohrs, des robusten Eichenholzgestells und der mit Eisen beschlagenen Räder kommt Ehrfurcht auf. "Sie war das Schreckgespenst", sagt Kohlschein fast andächtig. Wenn auch ein überaus schweigsames. Ordentlich gewummst und Kanonenkugeln gespien hat die Fügeler nie. "Abgefeuert?", ruft der Vorsitzende irritiert, "Nein, das wurde sie nie. Ein Schuss wäre viel, viel zu teuer gewesen."

Die Fügeler war also friedlich geblieben und hatte geschwiegen. Trotzdem wurde sie durch das Schrecken erregende Schaulaufen mit den fürstbischöflichen Truppen vollkommen ruiniert. "Die aus Münster wollten sie natürlich behalten. Das Material der Kanone war ja sehr viel wert", erzählt Peter Kohlschein. Völlig unbrauchbar wurde sie dennoch nach dollem Zeter und Mordio zurückgebracht. Die Warburger hatten sich durchgesetzt. 1540 kehrte ihre Kanone heim und wurde sofort eingeschmolzen. Um genau 440 Jahre später neu gegossen zu werden.

Fügeler, die Zweite: Zum Kälkenfest 1979/80 hatten Dr. Albert Kröger, der Stellmacher Anton Kröger, Christoph Dölle, Eckhard Kröger sowie die Lehrlinge der Firma Stelzer die Fügeler nachgebaut. Das mächtige Stahlrohr hatten sie mit Beton ummantelt, dann auf eine Holzlafette mit Rädern dran gepackt und schlussendlich auf dem Burgrondell vor dem Stadtpanorama in schmucke Stellung gebracht. Dort oben stand die Fügeler Jahrzehnte lang. Bis am Freitagmorgen Schlag elf. Für diese Uhrzeit hatte der Warburger Heimat- und Verkehrsverein den Abtransport der Fügeler bestellt. Die Zimmerleute rückten pünktlich an. In einer fachmännischen Hauruck-Aktion wurde die Kanone komplett abtransportiert.

Bei Holzbau Schmidt in Rimbeck wird jetzt die Lafette restauriert. Der Eichenholzträger ist porös. Gewicht – geschätzte zwei Tonnen bringt das Prunkstück auf die Waage – samt Witterung und der Zahn der Jahrzehnte haben dem Geschützhalter schwer zugesetzt. Die maroden Stellen sollen jetzt ersetzt werden. "Wir haben Eichenbalken aus alten Häuser extra dafür aufbewahrt", sagt der 30-jährige Zimmermann Alexander Rempel. Er wird das Schaustück restaurieren. "Meine erste Kanone", gibt der Zimmermann schmunzelnd zu.

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