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Auf dem Kupferstich aus dem Jahr 1699 steht Liborius Wichard im Zentrum des Geschehens. Wütend will er als Paderborns Bürgermeister dem bischöflichen Gesandten die Kapitulationsurkunde entreißen. Vorwurfsvoll deutet Wichard mit einem Fingerzeig auf die Kriegsgräuel in der Stadt. "Genau so wird sich die Geschichte sicherlich nicht abgespielt haben", sagt Franz-Josef Dubbi. Der Kupferstich ist knapp hundert Jahre nach dem Kampf um Paderborn entstanden. Bürgermeister Wichard verlor den Machtkampf und wurde am Westerntor durch Vierteilung hingerichtet. - © QUELLE: DECKER/ DER KAMP UM PADERBORN
Auf dem Kupferstich aus dem Jahr 1699 steht Liborius Wichard im Zentrum des Geschehens. Wütend will er als Paderborns Bürgermeister dem bischöflichen Gesandten die Kapitulationsurkunde entreißen. Vorwurfsvoll deutet Wichard mit einem Fingerzeig auf die Kriegsgräuel in der Stadt. "Genau so wird sich die Geschichte sicherlich nicht abgespielt haben", sagt Franz-Josef Dubbi. Der Kupferstich ist knapp hundert Jahre nach dem Kampf um Paderborn entstanden. Bürgermeister Wichard verlor den Machtkampf und wurde am Westerntor durch Vierteilung hingerichtet. | © QUELLE: DECKER/ DER KAMP UM PADERBORN

Warburg Rebellion und Hochverrat

"Tod durch Vierteilung": Das bewegte Leben und Ende des Liborius Wichard

07.05.2011 | Stand 06.05.2011, 18:58 Uhr

Warburg (sw). Er gehört zu den umstrittensten Gestalten der Paderborner Stadtgeschichte: der Bürgermeister Liborius Wichard. Der ehemalige Gastwirt wurde am 30. April 1604 vor dem Westerntor hingerichtet. "Weniger bekannt ist, dass er über längere Zeit in Scherfede und in Warburg ansässig war", weiß Warburgs Stadtarchivar Franz-Josef Dubbi.

Dafür braucht es natürlich Beweise: "Sein Abschied von Warburg ist durch die Kopie eines Verkaufsvertrages bezeugt, der im Stadtarchiv aufbewahrt wird", erklärt der Stadtarchivar. Franz Josef Dubbi blickt zurück in die Geschichte: 1586 hatte Wichard seine Geburtsstadt Paderborn verlassen müssen. Er ließ sich als Gastwirt in Scherfede nieder. Nach dem Tod seiner Frau ging er in Warburg eine zweite Ehe ein. "Er heiratete die Witwe des Verwalters des St. Petrihospitalshofes auf der Hüffert", hat Franz-Josef Dubbi in den alten Akten recherchiert.

Das Hospital, urkundlich 1297 erstmals erwähnt, war mit reichem Grundbesitz, also einem Bauernhof, ausgestattet. "Aus dessen Erträgen die Kranken und Hospitalsinsassen versorgt werden sollten", erklärt der Geschichtsdedektiv. Vermutlich lagen Hof und Spital in der Nähe des heutigen Bittkreuzes. "Die einzige überlieferte Ortsangabe lautet ,Mittlere Hüffert'", sagt Dubbi.

Anscheinend war die Nutzung dieses Hofes im 16. Jahrhundert bereits erblich geworden, so dass Liborius Wichard mit der Eheschließung zu einem beachtlichen Bauernhof kam. Denn dass der St. Petrihospitalshof sehr gut ausgestattet gewesen sein muss, geht aus der Kaufsumme hervor: "Sie betrug stattliche 1.300 Taler", weiß Dubbi aus dem erhaltenen Kaufbrief. Zum Vergleich: Ein gutes Pferd war zu dieser Zeit für 75 Taler zu erhalten.

Die Summe sollten Wichard und seine Frau Catharina in zwei Raten erhalten, die erste in Höhe von 300 Talern eine Woche nach Ostern 1601, die restlichen 1.000 Taler auf Ostern 1602. "Helena von Canstein musste zur Zahlung der Kaufsumme sogar einen Kredit aufnehmen", erzählt Franz-Josef Dubbi.

Die Versorgung der Hospitalsinsassen war nach dem Wechsel von Wichard zur Familie von Canstein auf 18,5 Taler zurückgeschraubt worden, während sie vorher je nach Bedarf und natural erfolgt war. Bleibt die Frage, warum Wichard Warburg wieder verließ?

"Sein Temperament scheint ein wenig ungezügelt gewesen zu sein. Wenn er sich im Recht glaubte, setzte er dies auch mit körperlichen Mitteln durch", sagt der Archivar: "Wichard hatte einem Kontrahenten im Streit eine schwere Kopfverletzung zugefügt". Auch der Kauf des Hospitalshof habe neuen Ärger gebracht. Die Rechtsstellung des Hospitalshof zwischen dem Bischof und der Stadt war nicht eindeutig geklärt war. "Der Warburger Rat wollte den wohlhabenden Meier zum steuer- und abgabenpflichtigen Bürger machen und setzte ihm Schranken, wenn es um die Nutzung der Schafweiden ging", erklärt der Museumsleiter.

Der Konflikt spitzte sich immer mehr zu. Schließlich wurde Wichard in Warburg in Haft genommen. Der Verkauf des Meierrechts bot dann einen Ausweg. Wohl noch 1601 kehrte Wichard mit Frau und Kindern nach Paderborn zurück. Dort schwelte der Konflikt zwischen Fürstbischof Dietrich und der Stadt. "Im sprichwörtlichen ,Kampf um Paderborn' stand Liborius Wichard als Paderborns Bürgermeister dann in der ersten Reihe", erzählt Dubbi. Nach der Einnahme der Stadt durch Dietrich von Fürstenberg wurde Liborius Wichard nach dem damaligen Strafkatalog, der Peinlichen Halsgerichtsordnung, für Rebellion und Hochverrat hingerichtet. Das Urteil lautete: Tod durch Vierteilung. Die Gliedmaßen seines zerstückelten Körpers samt Kopf wurden an den fünf Toren der Stadt zur Schau gestellt. Dort sollen sie 18 Jahre lang gehangen haben.

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