Warburg Von Warburg in die weite Welt

Der Schutzbrief für Simon von Cassel, den Vorfahren der berühmten Bankiersfamilie

VON SANDRA WAMERS
Im Stadtarchiv wird der Schutzbrief für Simon von Cassel und Moses von Calenberg aus dem Jahr 1559 aufbewahrt. Für den Schutzbrief mussten die Familien die für damalige Zeiten beträchtliche Summe von 100 Talergulden bezahlen. - © FOTO: STADTARCHIV
Im Stadtarchiv wird der Schutzbrief für Simon von Cassel und Moses von Calenberg aus dem Jahr 1559 aufbewahrt. Für den Schutzbrief mussten die Familien die für damalige Zeiten beträchtliche Summe von 100 Talergulden bezahlen. | © FOTO: STADTARCHIV

Warburg. Sie hat den Namen der Diemelstadt in der ganzen Welt bekannt gemacht: Die Hamburger Bankiers- und Gelehrtenfamilie Warburg. Die ältesten archivalischen Spuren ihrer Geschichte findet man in Warburg. Es ist ein Schutzbrief. Mit diesem Dokument beginnt zugleich die Geschichte der Juden in Warburg.

Der Schutzbrief ist auf Simon von Cassel ausgestellt. "Unter dem Datum des 3. Januar 1559 stellte der Warburger Rat einen Schutzbrief für eben diesen Simon von Cassel und für Moses von Calenberg und deren Familien aus", erzählt Stadtarchivar Franz-Josef Dubbi. Eine Konzeptausführung des Schutzbriefes befindet sich im Familienarchiv der Warburgs. Mit diesem Dokument beginnt die Geschichte der Juden in Warburg. Auch das Warburger Konzept ist in den Beständen des Stadtarchivs erhalten. Was beinhaltete dieses Konzept? "Bis ins 19. Jahrhundert brauchten Juden eine Genehmigung, um sich niederlassen zu dürfen. Dafür mussten sie Gebühren entrichten, gleichzeitig formulierten diese Schutzbriefe teils rigide Bedingungen für den Aufenthalt", erklärt Stadtarchivar Dubbi. Die Familien von Simon von Cassel und Moses von Calenberg erhielten auf zehn Jahre das Recht, in Warburg zu leben. "Ihre wirtschaftliche Tätigkeit wurde allerdings auf das Geldverleihgeschäft eingegrenzt", so Franz-Josef Dubbi.

Der Rat setzte dabei auch einen Höchstzinssatz fest und erließ Regelungen für die Versteigerung nicht eingelöster Pfänder.

Für die Ausstellung des Schutzbriefes musste einmalig die stattliche Summe von 100 Talergulden entrichtet werden, außerdem war eine jährliche Abgabe festgesetzt. "Die außerordentliche Höhe der Summe spricht für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der beiden Familien", bilanziert der Stadtarchivar. Zudem wurden sie verpflichtet, im Kriegsfall ein Pferd zu stellen und sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten an den landesherrlichen Steuern zu beteiligen. Im Schutzbrief heißt es, er sei "in unserem Nutzen zu Behuf der Stadt" ausgestellt worden. Das heißt: Zum Nutzen Warburgs. Zum einen brauchte man anscheinend vor dem Hintergrund des Zinsverbots für Christen einen Kreditgeber in der Stadt, zum anderen waren die Gebühren eine willkommene Einnahme. "Dass eine Stadt einen solchen Schutzbrief ausstellt, ist - vorsichtig formuliert - ungewöhnlich", betont Dubbi. In der Regel war allein der Landesherr dazu berechtigt.

Der Warburger Schutzbrief sei nur vor dem Hintergrund der außerordentlich schwachen Stellung des damaligen Landesherrn Rembert von Kerssenbroik zu verstehen und möglich gewesen. "Die Nachfahren Simon von Cassels zogen nach dem Dreißigjährigen Krieg nach Altona, wo dann später die Geschichte des Bankhauses Warburg begann", erzählt der Museumsleiter. So war aus dem Herkunftsort Warburg der weltberühmte Familienname geworden - und das durch einen Nachtrag. "Simon von Cassels Name ist in dem Entwurf des Schutzbriefes von 1559 nachträglich eingefügt worden. Simon hatte zunächst in Kassel gelebt, dann in Herford und schließlich in Beckum. Überall war sein Bleiben nicht von Dauer gewesen, weil sich die Lebensbedingungen für Juden immer mehr verschlechterten", so Dubbi.

Copyright © Neue Westfälische 2018
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group