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Viele Kinder können nur schwer das Smartphone zur Seite legen. - © Pixabay (Themenbild)
Viele Kinder können nur schwer das Smartphone zur Seite legen. | © Pixabay (Themenbild)

Warburg Wenn das Smartphone zum Problem wird: Experte gibt Eltern Tipps

Themen-Schwerpunkt: Smartphones sind nützliche Alltagshelfer. In den Händen von Kindern können sie aber auch zu schwerwiegenden Problemen führen

Kristina Grube
19.05.2019 | Stand 18.05.2019, 14:50 Uhr

Warburg. Mohammad Mehranfar ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Zu ihm kommen Eltern mit ihren Kindern, wenn sie sich selbst nicht mehr zu helfen wissen. Immer wieder ist dann auch das Smartphone ein Thema, das in der Familie und der Schule zu großen Problemen und Konflikten führt. Er erklärt, wie es dazu kommen kann und wie Eltern eine Eskalation verhindern können. Herr Mehranfar, welche Rolle sollten Geräte wie das Smartphone im Alltag von Kindern spielen? Mehranfar: Elektronische Mittel sind heute nicht mehr wegzudenken. Schulen werden mit Laptops und Tablets geschlossen elektronisch versorgt. Das bringt Herausforderungen mit sich, die auf unsere Kinder zukommen werden. Deswegen müssen Kinder an die Nutzung der Medien und das Arbeiten mit ihnen herangeführt werden. Wie gut oder gefährlich sind Smartphones für Kinder? Mehranfar: Das hängt davon ab, für welche Zwecke das Gerät genutzt wird. Als Kontaktaufnahme zu Eltern und Freunden und für schulische Aufgaben kann ein Smartphone sehr nützlich sein. Wenn Kinder das Smartphone aber dafür nutzen, fehlende soziale Kontakte zu kompensieren und sich nur noch auf diese Medien beschränken, kann das gesundheitliche Folgen haben: sie bleiben abends lange wach, leiden nachts unter Schlafstörungen und tagsüber unter Konzentrationsproblemen. Darunter können die schulischen Leistungen leiden und es kann zu Konflikten in der Familie führen. Was können Eltern dagegen tun? Mehranfar: Eltern sind gut beraten, wenn sie bei den heruntergeladenen Apps einen Blick auf die Altersfreigabe werfen. Manche Apps sind nicht für Kinder geeignet, werden aber trotzdem von ihnen genutzt. Grundsätzlich ist es wichtig, dass Eltern ein Auge darauf haben, was das Kind online macht. Wenn Eltern hier nicht von Anfang an versuchen, Grenzen zu setzen, ist es sehr schwer, dann plötzlich Regeln einzuführen. Welche Regeln sind sinnvoll? Mehranfar: Schulische Aufgaben stehen an erster Stelle. Dann sollen sich Kinder mit ihren Freunden verabreden und erst danach sollten sie sich dem Smartphone widmen. Und das auch nur für eine bestimmte Zeit. Experten empfehlen bei Kindern im Grundschulalter maximal eine halbe Stunde und ab der weiterführenden Schule nicht länger als eine Stunde. Das strikt umzusetzen dürfte bei quängelnden Kindern oft aber gar nicht so leicht sein. Mehranfar: Das stimmt. Wenn die Freunde des Kindes dort sehr aktiv sind, will es das natürlich auch. Sonst gehört es womöglich nicht mehr dazu und in dem Alter ist Kindern die Gruppenzugehörigkeit ganz wichtig. Aber es gibt auch noch andere Dinge, die Kinder stärken können. Wenn ein Kind etwas gerne macht oder gut kann, sollten Eltern es bestärken, dort seine Fähigkeiten auszubauen. Das motiviert, macht stolz und schafft Zufriedenheit. Doch darin liegt oft auch schon das Problem: Bei Eltern, die keine enge Beziehung zu ihren Kindern aufgebaut haben. Diese Kinder besitzen oft viele Freiheiten und bewegen sich viel in den Medien. Denn dort bekommen sie Zuwendung, dort haben sie Zuhörer und können ihre Anliegen loswerden. Dann ist es höchste Zeit, dass Eltern anfangen, sich für ihre Kinder zu interessieren. Aber es gibt natürlich auch viele Eltern, die sich einfach nicht durchsetzen können. Und konfrontiert man Kinder erst spät mit neuen, strengen Regeln, dann kommt es vor, dass Kinder ausrasten, ihre Eltern beleidigen und sehr hartnäckig bleiben. Manche verweigern sogar die Schule. Sind diese Konflikte auf das Smartphone zurückzuführen? Mehranfar: Ich bin 19 Jahre in dem Beruf tätig. Und damals, als diese Medien noch nicht so verbreitet waren, haben wir nicht so viele Probleme gehabt. Das zeigt sich auch an der Zahl der Familien, die mit ihren Kindern nachts in die Klinik kommen. Früher hatten wir da eine bis zwei Vorstellungen, heute sind es bis zu fünf Vorstellungen. Das liegt daran, weil die Situation meist des Nachts eskaliert. Wenn die Eltern versuchen, die Kinder ins Bett zu schicken, diese aber nicht wollen. Und da spielen Medien und Smartphones heute eine deutliche Rolle. Was reizt Kinder so an Smartphones? Mehranfar: Der Einfluss von Gleichaltrigen ist sehr groß. Es ist cool, am Smartphone zu sein. Und wenn sie auf dem Smartphone etwas spielen, versuchen sie sich gegenseitig zu toppen, wollen immer höhere Level erreichen und können nicht aufhören. Wenn sie eine Anforderung im Spiel geschafft haben, ist das wie eine kurzzeitige Belohnung. Selbst kleine Kinder können sich stundenlang mit Spielen auf dem Smartphone beschäftigen. Das klingt nicht gesund. Ab wann liegt aber eine Sucht vor? Mehranfar: man spricht von einem Suchtverhalten, wenn Kinder ihren alltäglichen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Wenn ihre sozialen Kontakte darunter leiden - und Instagram und Whatsapp zählen nicht dazu! Der persönliche Kontakt ist damit gemeint. Beim Verschicken von Kurznachrichten lernen die Kinder nicht Konflikte auszutragen. Im Gegenteil: Es führt zu einer Zunahme von Konflikten, wenn Nachricht zum Beispiel falsch interpretiert werden. Kinder verspüren also auch schon diesen Druck, ständig reagieren zu müssen. Viele betreiben eine permanente Kommunikation: Ist das Stress für Kinder oder gehen sie anders damit um? Mehranfar: Was Erwachsene als Belastung erleben, empfinden Kinder selbst noch nicht als Stress. Doch sowohl Erwachsene als auch Kinder merken meist gar nicht, wie lange sie sich mit den Medien beschäftigen. Und danach fehlt die Konzentration, um sich für andere Anforderungen zu interessieren. Das ist eine Dauerbelastung, ein Dauerstress. Kinder können deshalb Ängste und Depressionen entwickeln. Wir haben auch immer wieder Situationen, in denen Kinder durch Cyber-Mobbing überfordert sind. Das kann so weit gehen, dass sie den Wunsch entwickeln, nicht mehr leben zu wollen oder sich selbst verletzen. Was kann das Umfeld dann machen? Mehranfar: Kinder wenden sich in dieser Situation meist nicht an ihre Eltern oder Lehrer. Diese müssen meist selbst darauf aufmerksam werden. Und dann Vertrauen zu dem Kind aufbauen, mit dem Kind im Gespräch bleiben und ihm vermitteln: So, wie du bist, bist du gut. Dem Kind das Gefühl geben, dass es akzeptiert wird. Auch in der Schule sollte das Thema aufgegriffen werden - was es bedeutet, gemobbt zu werden. Mobbende wollen Aufmerksamkeit und sich selbst aufwerten. Ein Mediator kann dann zum Beispiel helfen, dass all diese Gefühle zur Sprache kommen.

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