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Im Foyer des Hüffertgymnasiums: Pia Winkler (l.) und Lehrerin Ruth Kröger-Bierhoff. - © Dieter Scholz
Im Foyer des Hüffertgymnasiums: Pia Winkler (l.) und Lehrerin Ruth Kröger-Bierhoff. | © Dieter Scholz

Warburg Austauschschülerin Pia aus Amerika ist begeistert von Warburg

Pia Winkler aus Tennessee fühlt sich in Warburg wohl

Dieter Scholz
15.05.2019 | Stand 14.05.2019, 19:42 Uhr

Warburg. Am Anfang sei sie ein wenig schüchtern gewesen, sagt Pia Winkler. Im August vergangenen Jahres hatte die junge Amerikanerin aus Kingsport, Tennessee, ihren ganzen Mut zusammengenommen und war als Gastschülerin nach Deutschland gekommen. Zunächst für vier Wochen ins Sprachcamp nach Bad Laasphe, anschließend in Familien im niedersächsischen Peine und im Harz und schließlich in Ossendorf. Bei Familie Jacobs feierte sie vor gut zwei Wochen Geburtstag. Zehn Monate in Deutschland, an denen sie gewachsen sei, sagt die 17-Jährige. Pias Vater hat den deutschen Pass. Nach Studium und einem Praktikum in den USA hatte er als Chemiker in dem Land einen Job gefunden und eine Familie gegründet. Pias Großeltern leben in der Nähe von Heilbronn. „Oma und Opa sprechen kein Englisch", sagt Pia. Eine Unterhaltung über den großen Teich am Telefon sei für sie und ihre drei Geschwister Jessica (18), Tobias (15) und Oliver (13) kaum möglich gewesen. Das habe sie traurig gemacht und sei für sie einer der Gründe gewesen, Deutsch zu lernen. Im Alltagsleben wird ganz anders gesprochen Ein Jahr Unterricht in der sechsten Klasse an der heimischen Middle School war Pia zu wenig. Außerdem werde im Klassenzimmer ganz anders als gesprochen als im Alltagsleben, bemerkt sie. Mittlerweile hat sie zwei Mal die Großeltern besucht und dabei auch entferntere Verwandte kennengelernt. „In Warburg habe ich eine Menge über mich gelernt", betont Pia. Neben dem Interesse an den eigenen Wurzeln und der Sprache habe sie auch die Chance gesehen, unabhängiger zu werden. In den ersten Monaten in Deutschland habe sie sich oft sehr alleine gefühlt. Mit dem Wechsel in die Hansestadt habe sich alles verändert. Sie sei selbstbewusster geworden, sagt Pia. In ihren Worten schwingt ein wenig Stolz mit. Am Hüffertgymnasium besucht die junge Amerikanerin die Einführungsstufe der Oberstufe, trifft sich in den Pausen und der Freizeit mit neu gewonnen Freunden. Die kurzen Wege findet sie klasse Die kurzen Wege in der Region findet sie klasse. Ebenso wie die Fahrten mit dem Zug. Mit dem Bus zur Schule zu fahren sei in Amerika „uncool", hält sie fest. Die Eltern bringen ihre Kinder im eigenen Auto bis vor die Schulpforte. In Deutschland herrsche ein anderes Umweltbewusstsein, bilanziert Pia. Auch die Gelegenheit, in wenigen Minuten an einem Bahnhof zu sein und dann weiter mit dem Zug fahren, gefalle ihr. „In Amerika sind die Wege weiter", sagt Pia. Besonders habe ihr auf ihren Städtetouren in Deutschland Dresden gefallen. In Kassel nahm sie an einer „Fridays for Future"-Demo teil. Pia wollte schauen, wie die Schüler ihre Meinung präsentieren. Der Klimaschutzgedanke, für den Jugendliche in Europa auf die Straße gehen, sei unter den jungen Amerikanern kein Thema, sagt sie. „Eine wichtige Sache", über die in Deutschland im Fernsehen, im Radio und den Zeitungen heftig diskutiert werde, schildert Pia ihre Eindrücke. Daheim hätten „nur ein paar Jugendliche Bock, eine Demo zu organisieren", übt sie Kritik. Mathestunden sind einfacher Im Hüffertgymnasium brachte sie am Montag den Sechstklässlern ihren rund 50.000 Einwohner zählenden Geburtsort Kingsport näher und informierte über das Gastschüler-Programm des Bonner Vereins Experiment. Nach dem Gespräch mit der NW ging es dann wieder in den Unterricht. Die vielen deutschen Fachbegriffe machten einzelne Fächer schwer, sagt die Schülerin. Da sei es in den Mathestunden schon einfacher. Und Pädagogik gehöre zu ihren Lieblingsfächern. Eine Bereicherung fürs Schulorchester: In der Orchester AG spielt Pia die Bratsche. „Eine Geige mit den dickeren Bratschen-Seiten", verbessert sie. Denn eine Bratsche hatte sich in den Musikräumen des Hüffert nicht finden lassen. Gute Freunde in den Klassenräumen dagegen schon. „Ich unterhalte mich mit vielen", sagt Pia. Dabei lerne sie die Sprache am besten. Kleine Wörter wie „doch, mal, auch oder ne", die vieles ausdrücken könnten, gehörten zur Umgangssprache. Die könne der Deutschunterricht nicht vermittelt. "Gute Freunde findet man überall" Ein freundliches „Na, Pia?" als Willkommensgruß des Gastvaters nicht als Frage zu aufzugreifen, habe etwas gedauert, nennt Pia ein Beispiel. Eine Sprache diene der Kommunikation zwischen Menschen, hält sie allgemeingültig fest. Im Winter hatte sie sich einen Roman in deutscher Sprache gekauft, etwas darin gelesen, dann ins Regal gestellt. Dass sie jetzt 100 Seiten in einem Zug und zu Ende gelesen habe, wertet sie als sichtbaren Erfolg. Am Mittwoch wird Pia für einige Tage nach Berlin fahren. Mit anderen Gastschülern wird sie in der Bundeshauptstadt den amerikanischen Botschafter treffen. Mitte Juni wird die 17-Jährige zurück nach Tennessee fliegen. Auf dem Fußballplatz ihres Women-Soccer-Teams, den „Lady Indians", wird sie einiges von den „tollen Freunden, die ich in Warburg gefunden habe", zu erzählen wissen. „Gute Freunde finden sich trotz kultureller Unterschiede überall", sagt Pia.

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