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Sie zeigt an drei Seiten des Kirchturms Stunden und Minuten an: Lorenz Grautstück, Küster in der Warburger Neustadt-Gemeinde, schaut im Turminneren nach der Zeit. - © Dieter Scholz
Sie zeigt an drei Seiten des Kirchturms Stunden und Minuten an: Lorenz Grautstück, Küster in der Warburger Neustadt-Gemeinde, schaut im Turminneren nach der Zeit. | © Dieter Scholz

Warburg In der Warburger Neustadt-Kirche ist die Zeitumstellung noch Handarbeit

Hoch oben im Turm von St. Johannes in der Warburger Neustadt schlägt ein heute rar gewordenes Uhrwerk

Dieter Scholz
30.03.2019 | Stand 30.03.2019, 12:22 Uhr

Warburg. Wer hat an der Uhr gedreht? In der Nacht zu Sonntag beginnt die Sommerzeit. Die Uhren werden um zwei Uhr um eine Stunde auf drei Uhr vorgestellt. Bei Armband-, Tisch- und Taschenuhren kein Problem. Da drehen Daumen und Zeigefinger an herausgezogenen Kronen. Bei der Kirchturmuhr hoch oben im Turm der Neustadt-Kirche werden für die Zeitumstellung dagegen beide Hände gebraucht. „Es ist aber keine große Sache", wiegelt Küster Lorenz Grautstück ab. Er müsse nur mit dem Maulschlüssel eine Schraube leicht lösen, dann ließe sich das vordere querliegende Zahnrad drehen. Entsprechend stellten sich die Zeiger auf dem darüber liegenden grauen Zifferblatt. Bereits nach der Abendmesse am Samstag wird Grautstück die Uhrzeit auf Sommerzeit umstellen. Zur Einstellung der Winterzeit werde das Pendel eine Stunde lang angehalten, um es dann mit einem Schubs wieder in Bewegung zu setzen. 77 steile Stufen führen zum Uhrwerk Im Funkuhr-Zeitalter ist die mechanische Turmuhr der Firma Korfhage aus Melle aus den 1960er Jahren eine Rarität. 77 steile Stufen sind es, die zum Uhrwerk im Turm von St. Johannes Baptist führen. „Am Ende muss der Kopf wegen eines Querbalkens eingezogen werden", warnt Grautstück beim Gang hinauf. Damit sie den Warburgern stets die richtige Stunde schlage, müsse das mechanische Werk aber nicht von Hand aufgezogen werden, sagt Grautstück. Das Pendelgewicht werde anstatt manuell über einen Elektromotor aufgezogen. „Eine teilelektrische Uhr", bemerkt Grautstück. Das gusseiserne Gestell des Uhrwerks thront hinter Glas auf einem konisch zulaufenden Blechschrank, der inmitten des Mauergevierts Pendel und Elektromotor beherbergt. Die Besonderheit ist, dass nur eine lange Stange vom Uhrwerk aus die mehrere Etagen höher liegenden Zifferblätter an der Süd-, West- und Nordseite des Turms antreibt. Mittels eines einfachen Zahnradgetriebes, das durch eine Holzkiste geschützt ist. Fünfstelliger Betrag für Reperatur des Uhrwerks Wartungsarm: „Die letzte Ölung hat sie noch nicht gehabt", scherzt Grautstück. Doch erinnert er sich auch daran, als im Herbst 2007 die langen Zeiger an der Turmuhr der Neustadt-Kirche stehen geblieben waren. Ein Sturm hatte mächtig an ihnen gezerrt und sie verbogen. Im Zuge der Sanierung des Gotteshauses war 2009 dann auch die Zeit für die Erneuerung der Uhr gekommen. Komplett ausgetauscht wurden die drei schmucken Ziffernblätter sowie deren Zeiger und das Getriebe, das im Turminneren direkt hinter den Blättern saß und nur schlecht gegen Dreck, Staub und Wetter geschützt war. Das verharzte tieferliegende Uhrwerk in Höhe des Gewölbedaches über dem Kirchenschiff wurde generalüberholt. 12.000 Euro an Instandsetzungskosten waren dem Erzbistum und der Gemeinde die Reparaturen wert. Waren die im Durchmesser 2,40 Meter großen Ziffernblätter in gut 30 Meter Höhe bis dahin aus Eisen, so sind die neuen nun aus Kupfer. Ein haltbareres Material. Von unten wirken die 45 Zentimeter hohen römischen Ziffern eher winzig. Doch der Minutenzeiger misst stattliche 1,30 Meter. Er zeigt den rund 10.000 Bürgern in der Hansestadt, darunter rund 4.630 Katholiken, die Zeit an und kümmert sich nicht darum, was die Zeit geschlagen hat. Geweckt und durch den Tag begleitet werden die Warburger durch den Glockenschlag. Und dieser Mechanismus wird von der Sakristei aus elektronisch gesteuert und programmiert.

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