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Großer Andrang: Rund 100 Besucher fanden sich am Samstag zur Eröffnung des „Zweite Heimat"-Vereins an der Hauptstraße 45 ein. - © Dieter Scholz
Großer Andrang: Rund 100 Besucher fanden sich am Samstag zur Eröffnung des „Zweite Heimat"-Vereins an der Hauptstraße 45 ein. | © Dieter Scholz

Warburg Café "Zweite Heimat": Ein neuer Treffpunkt der Kulturen in Warburg

Eröffnung: Der Verein "Zweite Heimat" heißt im neuen interkulturellen Café an der Warburger Hauptraße die Gäste herzlich willkommen

Dieter Scholz
11.02.2019 | Stand 11.02.2019, 08:09 Uhr |

Warburg. Aeham Ahmad ist große Konzertsäle gewohnt. Als „Pianist aus den Trümmern" war der syrische Musiker berühmt geworden. In Warburg war am Samstag das Café des Vereins „Zweite Heimat" seine Bühne. Kein wertvoller Konzertflügel, auf dem E-Piano begleitete er die Eröffnungsstunde der Begegnungsstätte „für Menschen, die in Warburg eine zweite Heimat gefunden haben und für Menschen, die die Stadt ihre erste nennen", sagte Vereinsvorsitzende Katharina Linpinsel zur Begrüßung der rund 100 Gäste in den renovierten Räumen an der Hauptstraße 45. Hinter den großen einladenden Schaufensterscheiben ehemaliger Ladenlokale bieten nun Tische und Stühle Gelegenheit zum Kennenlernen und Plausch bei Kaffee oder Tee. Denn der Ort soll zu einem Ort der Begegnung für geflüchtete Neubürger und alteingesessene Warburger werden. Das Miteinander der Kulturen haben die Vereinsmitglieder im Blick. Neben dem Austausch werden auch Beratungen und Hilfen bei Problemen und Fragen des Alltags angeboten. Da werden keine Sonntagsreden gehalten, da wird angepackt. „Dem Anliegen gelebter Integration standen alle offen gegenüber" Gegründet wurde der Verein im April vergangenen Jahres, im Juni wurde seine Gemeinnützigkeit anerkannt, im August der Eintrag ins Vereinsregister. „Damit war der Weg frei, der Gänge zu Banken, Organisationen, Stiftungen und Sponsoren ermöglichte", hielt Gertrud Flore aus dem Vorstandsteam fest. „An den Türen, an denen wir anklopften, stießen wir auf positive Resonanz", schilderte sie die Erfahrungen auf der Suche nach finanziellen Mitteln. „Dem Anliegen gelebter Integration standen alle offen gegenüber." Den Vertretern in der Warburger Flüchtlingsinitiative sei nach 2015, als Flüchtlinge in ungeahntem Ausmaß nach Europa drängten, sehr schnell klar gewesen, dass Integration nur gelingen könne, wenn sie strukturiert angegangen werden, sagte Vereinsvorstand Hilla Zavelberg-Simon. Dazu gehörten Orte außerhalb der Flüchtlingsheime, die Begegnung ermöglichten. Um solche zu schaffen, „braucht es in Deutschland einen Verein". Man setzte sich zusammen, benannte Ziele und plante. „Da aufgrund der Sprachbarrieren nicht jeder jeden verstand, wurden Ideen auf Piktogrammen festgehalten. Aus Kreativität und Willen sei dann das Café in der Innenstadt entstanden. So könnten Kontakt geknüpft und Freundschaften geschlossen werden, „die jegliche Ausgrenzung in Schranken weisen". „Wir haben noch keine Wohnung, aber jetzt ein Café" Davon berichtete Mehmet Caydar, der vor einem Jahr die türkische Heimat verlassen hatte und vor sechs Monaten in die Hansestadt kam. Er habe sich allein gefühlt, doch den Weg in eine der Sitzung des Vereins gefunden. Er selbst habe kaum etwas verstanden, aber gewusst, dass „ich verstanden werde". Caydar hat deutsche Freunde gefunden. „Wir haben noch keine Wohnung, aber ein Café", schloss er mit Blick auf die Zukunft seine Begrüßungsworte. An fünf Tagen in der Woche hat das „Zweite Heimat"-Café geöffnet, wobei der Dienstag den Frauen vorbehalten bleibt. Mittwoch, Donnerstag und Freitag ist von 16 bis 18.30 Uhr, am Samstag zwischen 11 und 13.30 Uhr geöffnet. „Kommen Sie herein", warb Heidi Marquardt. Ein Gespräch sei für Geflüchtete eine gute Möglichkeit, die deutsche Sprache einzuüben. Die Vereinsmitglieder haben weitere Ideen, wollen Frauenfrühstücke anbieten, gemeinsame Freizeitaktivitäten wie Spielnachmittage für Kinder und Erwachsene organisieren. Auch feste Beratungszeiten werden in den Blick genommen. „Ein vielfältiges Angebot, das Menschen braucht, die Zeit schenken", sagte Marquardt. Aktuell engagieren sich 66 aktive und fördernde Mitglieder für die Belange und Ziele des Vereins. „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde" Stellvertretender Bürgermeister Heinz-Josef Bodemann dankte ihnen im Namen der Verwaltung für das Engagement. Sich ehrenamtlich einzubringen („was viele getan haben, ebenso viele aber auch nicht") sei keine Selbstverständlichkeit. Die Unterstützung seitens des Kommunalen Integrationszentrum des Kreises Höxter sicherte Filiz Elüstü zu. Pfarrer Karl Ludwig Wendorff bemühte in seinem Grußwort den bayerischen Volkskomiker Karl Valentin: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde". Weil jeder Fremde, der sich fremd fühle, ein Fremder sei, „und zwar so lange, bis er sich nicht mehr fremd fühlt – dann ist er kein Fremder mehr." "Der Krieg hat alles zerstört" Als besondere Gäste begleiteten Aeham Ahmad, 1988 in einem Vorort von Damaskus geboren, und sein Vater Ahmad die Feierstunde musikalisch. Gemeinsam mit dem Chor der Nationen aus Borgentreich gaben die beiden in den Mittagsstunden im neuen Café auch ein Konzert. YouTube-Videos von Ahmads Auftritten in den Ruinen des Flüchtlingslagers Jarmouk waren um die Welt gegangen. Sie zeigen den jungen Mann inmitten zerbombter Häuser mitten auf der Straße singend an seinem verstimmten Ukraina-Klavier. Im syrischen Krieg wurde er mehrfach verletzt, die Sehnen zwei seiner Finger waren von Granatsplittern durchtrennt worden. Mit seinem Spiel wollte Ahmad dem Menschen in seinem Viertel Hoffnung geben. Bis es im April 2015 der IS unter seine Kontrolle brachte und Aehams Klavier vor seinen Augen verbrannte. „Der Krieg hat alles zerstört", sagt Ahmad. Ihm blieb nur die Flucht. Schlepper brachten ihn in die Türkei und nach Griechenland. Über die Balkanroute kam er nach München. Ein Jahr später kamen seine Frau und seine beiden kleinen Söhne nach Deutschland nach. Die Familie lebt in Wiesbaden. Seine Geschichte hat er seiner Autobiografie „Und die Vögel werden singen: Ich, der Pianist aus den Trümmern" niedergeschrieben. Veröffentlicht wurde es in sechs Sprachen. In den USA sei das Buch derzeit „Top of the week", sagt er voller Stolz. „Er spricht gut Englisch, versteht Deutsch, spricht es aber ungern", sagt Anke Schekahn von der „Zweiten Heimat". Kennengelernt hatte man sich bei Seminartagen im Bildungswerk auf der Hegge. Aeham Ahmads Familie möchte in der Warburger Region ein Haus erwerben. Auch dabei hilft die „Zweite Heimat".

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