Warburg Organspende: Warburger diskutieren über Widerspruchslösung

"Hohe Angst vor möglichem Missbrauch"

Lieselotte Hasselhoff

Warburg. Alle Menschen zu Organspendern machen - das schlägt Gesundheitsminister Jens Spahn vor, um dem Trend rückläufiger Spenderzahlen in Deutschland entgegenzuwirken. Der Vorschlag rief Diskussionen hervor - auch in Warburg. Bislang können nur Personen Organe spenden, die zuvor ausdrücklich ihr Einverständnis erteilt haben. In einem Organspendeausweis - erhältlich über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) - kann man ankreuzen, ob man mit der Organ-Entnahme nach dem Tod einverstanden ist und welche Organe verwendet werden dürfen. Weil es in Deutschland weniger Spender als Empfänger gibt (Verhältnis rund 800 zu 10.000), möchte Spahn diese Regelung umdrehen: Wer nicht spenden möchte, solle dies vorab explizit angeben. Wie kontrovers das Thema ist, wird auch in Warburg sichtbar. Geäußert haben sich auf Anfrage von NW Mitglieder der im Warburger Rat vertretenen Partei-Ortsverbände. Für und Wider Befürworter von Spahns Vorstoß ist Hubertus Kuhaupt, CDU-Stadtverbandsvorsitzender in Warburg, - unter einer Voraussetzung: "Es sollte einen breiten Konsens in der Gesellschaft geben." Ebenso überzeugt von der Notwendigkeit einer "Revolution" ist Warburger FDP-Vorstandsvorsitzende Melanie Eichert. Sie vergleicht die Organspende mit der Blutspende: "Blutspenden ist für die meisten ganz einfach", bei der Organspende sei die Hürde höher. Wovon Eichert nichts hält: "Finanzielle Anreize für die Transplantations-Ärzte würden die Korruption ankurbeln." Derzeit erhalten Krankenhäuser von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) für jede Organentnahme eine Aufwandserstattung zwischen rund 4.000 und 5.000 Euro - laut Bernhard Meinke-Höllen, Sozialmediziner und Mitglied der Hospizbewegung in Warburg, ein Verlustgeschäft: "Krankenhäuser sind wirtschaftliche Unternehmen, die Gewinne erwirtschaften oder zumindest kostendeckend arbeiten wollen." Kosten Gedeckt würden mit dem Geld vor allem Personalkosten, vermutet Volker Barth, Transplantationsbeauftragter des Helios-Klinikums Warburg. Allein bei der Operation wirkten bis zu neun Personen mit. Hinzu kämen die Kosten für die Instrumente und der Transport des Organs zum Empfänger-Krankenhaus. Dass die Zahl der Organspender steigen müsse, findet auch die SPD. Über den Lösungsvorschlag von Spahn gebe es aber noch keine einheitliche Meinung unter den Warburger Parteimitgliedern, berichtet Ortsvereinsvorsitzender Eric Volmert; seine persönliche Haltung: "Seit dem Erhalt meines Mofa-Führerscheins trage ich immer einen Organspendeausweis bei mir, da ich es als das moralisch und ethisch einzig Richtige empfinde." Die Warburger Grünen-Fraktion begrüßt die Diskussion. In einer Stellungnahme erinnert sie jedoch an vergangene Skandale, die sie für den Rückgang von Spendern mitverantwortlich macht. In der Bevölkerung bestehe "eine hohe Angstschwelle eines möglichen Missbrauchs". Die Fraktion fordert eine umsetzbare gesetzliche Überwachung in Transplantationsverfahren. Einem Gesetzgebungsverfahren müsse ein gesellschaftlicher Diskurs "unter Beteiligung von Befürwortern und Ablehnern" vorausgehen, "um ethische und juristische Argumente in eine für alle tragbare Regelung münden zu lassen". Misstrauen in das Gesundheitssystem prägt die Haltung des Höxteraner Kreissprechers der Partei Die Linke, Jörg Volacek: "Zur Zeit bin ich komplett dagegen", so Volacek, "solange das Gesundheitssystem profitorientiert ausgerichtet ist." Er nennt "vorschnell verordnete" Hüft- und Knie-Operationen und den Personalabbau in der Krankenhaus-Pflege. Der Verdacht liege nahe, so Volacek, dass auch bei Organtransplantationen nicht zum Vorteil der Patienten gehandelt werde - zum Beispiel durch die Bevorzugung reicher Menschen bei der Organ-Zuweisung. Der Kreissprecher betont jedoch, dass er mit dieser Aussage nicht stellvertretend für seine Partei spreche. Grundkonsens der Partei sei: "Ein solidarisches Gesundheitssystem nach humanitären Prinzipien." Auseinandersetzen Humanitäre Fürsorge und Angst vor Missbrauch - diese Überlegungen prägen die politischen Diskussionen. Laut Meinke-Höllen liegt das eigentliche Problem woanders: "Solange Organspenden gesellschaftlich nicht selbstverständlich sind, wird auch eine Widerspruchslösung nicht helfen." Bereitschaft zur Spende setze die Auseinandersetzung mit dem Tod voraus: "Ein Großteil der Bevölkerung vermeidet aber den Gedanken ans Sterben - die Zustimmung zu einer Organspende nach dem Tod ist für diesen Personenkreis nur ein theoretischer Gedanke." Konfrontation passiere oft erst, wenn man selbst oder nahestehende Personen betroffen seien. Laut einer Studie der Uni Köln akzeptieren zudem 40 Prozent der Bevölkerung den Hirntod nicht als eigentlichen Tod. Entsprechend schwer falle die Zustimmung zur Organentnahme: "Sie bedeutet in der Regel den endgültigen Tod."

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