Packt an: Zarif Habibi Torkamani arbeitet seit fast genau einem Jahr in der Großwäscherei CWS Boco am Kuhlemühler Weg. Er hat einen Festvertrag, außerdem eine Wohnung in Warburg. Dort möchte er auch bleiben. - © Katharina Engelhardt
Packt an: Zarif Habibi Torkamani arbeitet seit fast genau einem Jahr in der Großwäscherei CWS Boco am Kuhlemühler Weg. Er hat einen Festvertrag, außerdem eine Wohnung in Warburg. Dort möchte er auch bleiben. | © Katharina Engelhardt

Warburg Wäscherei-Mitarbeitern droht die Abschiebung

Bleiberecht: Firmen investieren viel Zeit und Energie, Flüchtlinge in ihren Betrieb zu integrieren. So haben auch Zarif Habibi Torkamani und Ammar Alajawe in Warburg einen Job gefunden. Jetzt droht die Abschiebung

Katharina Engelhardt

Warburg. Die Tür zur Großwäscherei öffnet sich, dumpf und schwer schlägt einem die Hitze entgegen. 30 Grad heiß ist die Luft in dem Raum. In einer langen Reihe rotieren die Trommeln riesiger Industriewaschmaschinen und -trockner. Dicht an dicht stehen große Behälter, randvoll gefüllt mit Schmutzwäsche. Die muss von Hand sortiert und in die richtigen Maschinen geladen werden. Bis zu 30.000 Bekleidungsteile und 20 Tonnen Flachwäsche, also Hand-, Bett,- oder Tischtücher, werden täglich in den drei Abteilungen des Unternehmens CWS Boco am Kuhlemühler Weg bearbeitet. Für die Angestellten ist das trotz maschineller Unterstützung ein Knochenjob. Maloche, wie manche sagen. In dieser Branche sind die Personalchefs froh über jeden, der dabei bleibt und nicht nach kurzer Zeit wieder hinschmeißt. Zarif Habibi Torkamani hat nicht geschmissen. Er mag seinen Job, steht jeden Tag überpünktlich vor der Tür. Der 29-jährige stammt aus Afghanistan, ist 2014 vor den Taliban nach Deutschland geflohen und damals in Dössel untergebracht worden. Er hatte Glück, denn schnell nahm sich der ehrenamtliche und sehr rührige Helfer Klaus Seewald seiner an. Regelmäßig unternahm Seewald mit Zarif und einigen anderen aus der Unterkunft etwas: Sie spielten gemeinsam Volleyball, übten Deutsch. Klaus Seewald und seine Frau Renate zeigten ihnen Warburg und wie die Dinge hier funktionieren. Ein Jahr später etwa, als die Flüchtlingswelle auch in der Hansestadt ihr Hoch erreicht hatte, landeten auf dem Schreibtisch von Sabine Hesselbein, seit 15 Jahren Betriebsleiterin bei der Großwäscherei CWS Boco, jede Menge Anfragen: Ämter und private Initiativen hatten damals begonnen, nach Praktikumsplätzen für ihre Schützlinge zu suchen. "Anfangs hatte ich tatsächlich gewisse Ängste", sagt Sabine Hesselbein heute. Klappt das mit der Sprache, der Verständigung? 85 Prozent der Angestellten in der Wäscherei sind weiblich - werden sich die jungen Männer in das Team einfügen können? Kann das funktionieren? "Das waren die Bedenken, die ich hatte", erinnert sich die Betriebsleiterin und lächelt. Heute weiß sie: Es funktioniert. Anlaufschwierigkeiten gibt es überall, entscheidend sei, so Hesselbein, die weitere Entwicklung. Fünf Flüchtlinge haben mittlerweile bei dem Warburger Unternehmen über Praktika den Weg in eine Festanstellung gefunden. Unter anderem der 29-jährige Afghane Zarif. Nach einem sechswöchigen Praktikum nahm ihn Boco im Juli 2017 unter Vertrag. "Für uns ist das ein Glücksfall," sagt Sabine Hesselbein. "Die Arbeit in der Wäscherei ist hart. Es ist einfach schwer, Personal zu finden und zu halten." »Weshalb muss man jemanden, der sich integriert und fleißig ist, abschieben?« 7,5 Stunden arbeitet Zarif täglich in der Wäscherei. Er habe sich vorbildlich eingefügt, so Hesselbein, Kollegen unterstützen ihn bei Amtsgängen, packten auch bei seinem Umzug mit an: Kurze Zeit nach der Festanstellung fand er eine Wohnung direkt in Warburg. Dort würde er gerne bleiben. Eine kurze E-Mail der Kreisbehörde Höxter machte jetzt die Perspektive mit einem Schlag zunichte: Darin erklärte man Zarif, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge negativ über sein Asylgesuch entschieden habe. Er habe Deutschland binnen vier Wochen zu verlassen. Das Bamf äußert sich zu Einzelfällen nicht, eine generelle NW-Anfrage zur aktuellen Abschiebepraxis für Flüchtlinge in Länder wie Irak oder Afghanistan beantwortet das Bundesamt mit dem Hinweis, sich an die zuständigen Stellen des jeweiligen Bundeslands zu wenden. "Wir verstehen das nicht", sagt Betriebsleiterin Sabine Hesselbein. Man sei immer davon ausgegangen, dass für die Bleibeperspektive eines Flüchtlings ein fester Arbeitsvertrag ein wichtiges Puzzleteil teil. Und nun Abschiebung - trotz Festvertrag, trotz Wohnung, trotz bester Integrationsaussichten? "Weshalb muss man jemanden, der sich integriert und fleißig ist, abschieben?", fragt Sabine Hesselbein enttäuscht. Mit Bedauern und Verständnis kommentiert Rüdiger Matisz, Leiter der Agentur für Arbeit in Paderborn, diesen Fall. Hin und wieder erfahre man bei der Agentur von ähnlichen Fällen. "Das ist in den Unternehmen durchaus ein Thema zurzeit. Und es ist sehr frustrierend für alle Seiten", sagt er. Die Betriebe hätten Zeit und Energie investiert, die Flüchtlinge in den Firmen zu integrieren, sie anzulernen. "Wir bräuchten dringend ein einfaches Gesetz, das die Zuwanderung systematisch regelt", sieht er den Gesetzgeber in der Pflicht. Hilfesuchenden Arbeitgebern bietet er an, sich an die Integrationpoints der Agentur zu wenden. "Da sitzen Fachleute, die mit Erlaubnis der Betroffenen das Bamf ansprechen und den Fall erörtern können", sagt Matisz. Auch wenn die Thematik an sich nicht in die Kompetenz der Agentur falle, wolle man wenigstens helfen, Brücken zu bauen. Im schlimmsten Fall droht Boco innerhalb der nächsten Wochen noch einen weiteren Mitarbeiter zu verlieren: Ammar Alajawe stammt aus Irak, Bagdad. Der 39-Jährige war dort Schauspieler, für Serien, für Filme. Gut verdient habe er. Zurück will er nicht. Auch wenn es im Vergleich zu seinem Verdienst als TV-Mime ein Hungerlohn ist, für den er in der Wäscherei arbeitet. "Hier habe ich einen mühsamen Neuanfang gewagt und jetzt läuft alles in guten Bahnen", sagt er. Dass er nun wieder alles hinter sich lassen solle, mache ihn krank. Beide Männer haben eine vorläufige Duldung erwirken können. Bis zum September. Was dann kommt? "Wir wissen es nicht", sagt Sabine Hesselbein, die für ihre Mitarbeiter gerne mehr tun würde. Aber ihr sind die Hände gebunden.

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