Lieblingsplatz im heimischen Garten: HVV-Vorsitzender Klaus Stalze bezeichnet sich selbst als heimatverbunden. - © Dieter Scholz
Lieblingsplatz im heimischen Garten: HVV-Vorsitzender Klaus Stalze bezeichnet sich selbst als heimatverbunden. | © Dieter Scholz

Klaus Stalze im NW-Gespräch über Heimat

Interview: Der sehr deutsche Begriff "Heimat" klingt harmlos. Klaus Stalze, Vorsitzender des Warburger Heimat- und Verkehrsvereins, macht sich im NW-Gespräch Gedanken über Heimatverbundenheit und Heimatkultur. Heimat sei ein tiefes Gefühl, sagt er, und keine Mission

Dieter Scholz

Herr Stalze, jeder Mensch braucht Heimat. Vervollständigen Sie den Satz "Heimat ist da, wo . . ." Klaus Stalze: . . . ich nach einem schönen Urlaub gerne wieder hin zurückkehre. Was ist dran am Klischee Heimat? Stalze: Diese klischeehafte Definition aus Lederhosen- und Dirndl-Romantik passt weder in mein Heimatbild, noch in mein Weltbild und ist eher ein Scheinbild. Als Klischee möchte Heimat andere manipulieren, anderen etwas vorgeben, das fremddefiniert ist. Da wird jemandem etwas übergestülpt. Es irritiert mich, wenn ein anderer für mich den Begriff Heimat definiert. Vorgegebene starre Definitionen von Heimat sind oberflächlich und stehen dem entgegen, beispielsweise Geflüchtete aufzunehmen, mit dem türkischen Nachbarn Kaffee zu trinken oder mit Russlanddeutschen zu imkern. Heimat ist ein sehr tiefes menschliches Gefühl, man will sie in die Fremde mitnehmen. Dabei wird vielen Geflüchteten mangelnder Wille zur Integration vorgeworfen. Stalze: Zwei Gedanken: Schaut doch mal auf die deutschen Auswanderer in Amerika. Wo halten die sich zunächst auf? Sie suchen Kontakt zu anderen Deutschen. Sich zunächst zu Menschen zu ziehen, die so sind wie man selbst, ist eine ganz normale menschliche Reaktion. Erst in einem nächsten Schritt werden die Fühler ausgestreckt, um in Kontakt mit der neuen Welt zu treten. Man muss erst einmal ankommen. Das kann für den Einzelnen eine Generation lang dauern. Und der zweite Gedanke? Stalze: Man bringt seine Heimat mit. Bei Stadtführungen berichte ich von Menschen, die im Mittelalter kamen. Sie brachten Impulse in die Stadt. Beispielsweise die Dominikaner. Mit ihrem Kommen bekamen die Altstädter eine neue Pfarrkirche im Ortskern. Die Mönche brachten ihre Mentalität, ihre Kultur und Bildung mit, sie legten die Grundlage für das Gymnasium Marianum. Oder die Menschen jüdischen Glaubens, die einst nach Warburg kamen. Durch die Beschneidung ihrer Arbeit wurden sie Händler. Das hat den in Warburg produzierenden Mitbewohnern geholfen. Auch der Beitritt zum Hansebund war nicht unumstritten. Da gab es sicher welche, die zum Himmel schrien, ,bloß das nicht? und sich sorgenbeladen fragten, was passiert da mit uns und unserer kleinen Welt. Eine Freihandelszone, die weit über den Rand des eigenen Tellerchens hinausragte. Das alles hat der Stadt, meiner Heimat, gut getan. Was bedeute Heimat für Sie persönlich? Stalze: Heimat ist etwas, worüber ich mir eigentlich keine Gedanken mache. Etwas, das ich nicht rational beschreiben kann. Heimat definiert sich für mich über den Bauch. Das Gefühl, an eine bestimmte Stelle zu gehören und dazuzugehören. Können Sie Ihr Gefühl näher beschreiben? Stalze: Heimat gibt mir Sicherheit und Geborgenheit. Sie hat etwas von einer Selbstverständlichkeit, dass ich da lebe, ohne groß darüber nachdenken zu müssen. Ein Gefilde, in dem ich mich wohlfühle. Ein Zustand, in dem man sich emotional fallen lassen kann. Familie, Freunde, Menschen, die meinen Lebensweg begleiten, und eine Art von Gelassenheit gehören dazu. Gefühle sind mitunter schwer in Worte zu fassen. Vielleicht haben Sie ein konkretes Beispiel? Stalze: Wenn im Herbst die Zuckerfabrik mit der Produktion beginnt, geht das mit einem ganz speziellen Geruch einher. Den habe ich seit der Kindheit in der Nase und freue mich, wenn der Wind von Osten über meinem Elternhaus, in dem ich lebe, streicht. Die einen mögen den Melasse-Duft, die anderen nicht. Bei mir hat er sich festgesetzt und ist ein Mosaiksteinchen dessen, was für mich Heimat ist. Heimat, eine Flucht in die eigenen vier Wände? Stalze: Ganz das Gegenteil. Denn wenn ich mich nur in meinen ganz, ganz engen Bereich zurückziehe, ist das ein Zeichen von Angst. Ein Rückzug in ein sehr kleines Refugium, das nur vermeintlich Sicherheit vor der großen, der anderen Welt vermittelt. Hatten Sie nie Lust, die Heimat zu verlassen? Stalze: Nein, Lust eigentlich nicht. Aber ich habe den Ort meiner Kinderzeit verlassen und bin in der Polizeiausbildung durch ganz NRW gereist. Bielefeld, Wuppertal, Bonn, Münster, Gütersloh. Jetzt bin ich wieder hier. Haben Sie unterwegs etwas Neues über Warburg, über sich selbst erfahren? Stalze: Pathetisch ausgedrückt, habe ich immer das Gefühl gehabt, ich hätte alles richtig gemacht. Dazu gehören mit Sicherheit die humanistischen Grundwerte, die ich während meiner Schulzeit in Warburg erfuhr. Bei Stadtführungen sind es die Gäste, die aus ihren Städten über ähnlich gelagerte Stadtthemen sprechen: über den mangelnden Parkraum, die Notwendigkeit von einem Hallen- und einem Freibad, oder ob die Einkaufsmeile für Autos gesperrt werden sollte. Bund und Länder leisten sich Heimatministerien. Freut Sie das als Heimat-Experte? Stalze: Heimatministerien sind für mich etwas Künstliches, sind nach meinem Empfinden aufgesetzt und einem eher schlechten Zeitgeist geschuldet. Ist angesichts der fortschreitenden Globalisierung der Heimatbegriff obsolet geworden? Stalze: Ohne dieses Heimatgefühl der persönlichen Sicherheit, des Wohlfühlens kann ich Globalisierung nicht positiv sehen. Ich müsste sonst immer Sorge haben, Globalisierung macht mich hilflos, frisst mich auf, schüttet mich zu. Heimat und Nationalbewusstsein sind zwei unterschiedliche Dinge. In Deutschland liegt meine Heimat, ich mag aber auch den Nachbarn, der anders denkt. Auch wenn ich seine Gedanken nicht nachvollziehen kann. Den Anderen sein lassen, wie er ist. Denn Heimat ist keine Mission. Ich freue mich, wenn andere sich an einem Ort ähnlich wohlfühlen wie ich. Außerdem kann Heimat im Sinne von Netzwerken Kreise ziehen. Heimat ist eher ein Schlachtfeld für Gefühle? Stalze: Das sehe ich nicht so. Nachts blicke ich vom Hochsitz aus auf den Sternenhimmel. Heimat ist ein grundlegendes Gefühl, ja, aber kein Schlachtfeld. Ein Stück Heimatkultur: Warum sollten wir das Kälkenfest besuchen? Stalze: Das Kälkenfest ist ein fester Bestandteil im Jahreskalender der Stadt, der viele junge Leute, die hier ihre Wurzeln haben, eine Basis gefunden haben, anlockt. Wenn sie kommen und alte und neue Freunde treffen, dann haben die Menschen, die das Fest erfunden haben, alles richtig gemacht. Offenbar eine Redaktion auf ein Bedürfnis? Stalze: Wir haben selbst gerne gefeiert und feiern gerne. Feste und Märkte sind in der Stadt seit Jahrhunderten Orte der Begegnung. Selbst im 14. Jahrhundert, als die Stadt noch aus zwei Städten bestand, feierten Alt- und Neustädter gemeinsam. In dieser Tradition sehen wir uns im Heimat- und Verkehrsverein und den Festgedanken.

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