Experte für Kalkmagerrasen: Prof. Thomas Fartmann kennt sich auf den Kalkmagerrasen des Diemeltals bestens aus. Am Nest der Gelben Wiesenameise erläutert er ökologische Zusammenhänge. Der Fachmann leitet auch ein Projekt, mit dem der Bestand dieser wertvollen Kalkmagerrasenflächen erweitert werden soll. - © Hermann Ludwig
Experte für Kalkmagerrasen: Prof. Thomas Fartmann kennt sich auf den Kalkmagerrasen des Diemeltals bestens aus. Am Nest der Gelben Wiesenameise erläutert er ökologische Zusammenhänge. Der Fachmann leitet auch ein Projekt, mit dem der Bestand dieser wertvollen Kalkmagerrasenflächen erweitert werden soll. | © Hermann Ludwig

Warburg Wie Kalkmagerrasen den Insektenrückgang aufhalten

Im Diemeltal liegen rund 750 Hektar Halbtrockenrasenflächen. Aktuell werden Konzepte entwickelt, wie weitere Kalkmagerrasenflächen aufgebaut werden können. Artenvielfalt wird gefördert

Hermann Ludwig

Warburg. Landschaftsprägend für das Diemeltal sind die Kalkmagerrasen. Sie bieten Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere. Immer mehr Flächen drohen jedoch zu verbuschen. Ein neues Projekt hat das Ziel, Kalkmagerrasenflächen wiederherzustellen und nachhaltig zu bewirtschaften. "Nachhaltige Renaturierung von Kalkmagerrasen in Zeiten des globalen Wandels: Artenschutz und Ökonomie im Einklang", das ist der Arbeitstitel. Von dem Projekt könnte auch der Tourismus in der Region profitieren. Derzeit wird der Diemeltal-Steig entwickelt, der auf 150 Kilometern als Rundwanderweg diese Naturschönheiten verknüpft. Der Schwerpunkt des Rundwanderweges liegt auf der Präsentation von FFH-Gebieten, das sind Fauna-Flora-Habitate mit europäischem Schutzstatus. Im gesamten Diemeltal liegen rund 750 Hektar Halbtrockenrasenflächen. Dies ist die größte zusammenhängende Fläche dieses Biotoptyps in der nördlichen Hälfte Deutschlands. Wegen seines Artenreichtums gehört das Gebiet "zu den herausragenden Arealen in Europa", sagt Thomas Fartmann von der Abteilung Biodiversität und Landschaftsökologie der Universität Osnabrück, die das Projekt wissenschaftlich betreut. »Das ist die Sixtinische Kapelle der Natur« "Das ist die Sixtinische Kapelle der Natur", sagt er bei einer Besichtigung des Naturschutzgebietes Scheffelberg/Hellberg bei Scherfede. Orchideen und seltene Schmetterlinge haben hier Refugien. Das Diemeltal besitzt aufgrund seiner bemerkenswerten Tagfaltervorkommen den Status einer "Prime Butterfly Area". Es zählt somit zu den wichtigsten Schmetterlingsgebieten in Europa. Nur 19 Gebiete in Deutschland haben diese Auszeichnung. Um dem aktuellen Insektenrückgang entgegenzuwirken, versuchen die Wissenschaftler jetzt, großflächig einen der artenreichsten Lebensraumtypen Mitteleuropas, den Kalkmagerrasen, durch innovative und nachhaltige Renaturierungsmaßnahmen wiederherzustellen. Die in diesem Vorhaben gewonnen Erkenntnisse sollen Modellcharakter für die deutschlandweite Förderung der Arten- und insbesondere Insektenvielfalt haben. Gemeinsam mit den Forstämtern Reinhardshagen und Wolfhagen sollen ab 2019 brachliegende Flächen, auf denen sich bereits Büsche und Nadelgehölze angesiedelt haben, von diesem Bewuchs befreit werden. Danach sollen entbuschte Flächen durch Beweidung kurzgehalten werden. "Die Beweidung durch Schafe, Ziegen und auch Rinder wie das Rote Höhenvieh hat sich bewährt", erklärt Fartmann. Kalkmagerrasen sind meist durch eine jahrhundertelange Nutzung als Viehweiden und ohne Einsatz von Dünger auf kalkreichen Böden entstanden. Sie zeichnen sich vor allem durch eine große Vielfalt an Pflanzen- und Insektenarten aus. "Ein Kalkmagerrasen ist noch artenreicher als ein Urwald", erläutert Fartmann und zeigt im Naturschutzgebiet Scheffelberg auf Besonderheiten wie dem Vorkommen der Gelben Wiesenameise, die mit den Ameisenhaufen neue Lebensräume erschließt. »Bodenstörungen sorgen für Artenvielfalt« "Diese Bodenstörungen sorgen für Artenvielfalt", sagt der Biologe und deutet auf eine grüne Raupe des Thymian-Widderchens, die sich an dem wilden Thymian labt, der auf der südlichen Seite des gewölbten Ameisenhaufens wächst. Auf der nördlichen Seite macht sich Fieder-Zwenke breit. Die unterirdisch lebenden Wiesenameisen nutzen derweil die symbiotische Beziehung zu den diversen Wurzelläusen. Viele Kalkmagerrasen in Deutschland werden nicht mehr bewirtschaftet. Wenige konkurrenzstarke Gräser haben sich oft stark ausgebreitet und vielerorts nehmen Gebüsche die Flächen ein. Diese Entwicklung hat einen massiven Artenrückgang zur Folge. In Zusammenarbeit mit Projektpartnern sollen als Gegenmaßnahme innovative und nachhaltige Verfahren der Kalkmagerrasenrenaturierung wissenschaftlich erprobt und entwickelt werden. Ein besonderes Augenmerk liegt erstens auf der Nutzung des Biomasseaufwuchses verbuschter Magerrasen als regenerativem Energieträger und zweitens auf der Übertragung von Mahdgut und Insekten auf die renaturierten Flächen. Letzteres soll eine erfolgreiche Wiederbesiedlung durch die typischen Lebensgemeinschaften sicherstellen. Diese Übertragung soll auch mit einem umgebauten Laubsauger erfolgen. Damit die Auswirkungen der Maßnahmen bewertet werden können, ist es für die Wissenschaftler wichtig, den Zustand der Flora und Fauna vor Durchführung der Maßnahmen zu kennen. Deshalb wird in der Vorstudie der Ist-Zustand der zu renaturierenden Probeflächen erfasst. Untersuchungsobjekte sind Pflanzen, Tagfalter, Heuschrecken und Zikaden. Bis September 2023 werden sich die Wissenschaftler der Universität Osnabrück unter Leitung von Thomas Fartmann der Frage stellen, ob es gelingt, Kalkmagerrasen wiederherzustellen. Nach Ansicht Fartmanns ist ein Biotopverbund unerlässlich, um dem Artenschwund zu begegnen. Mit der Entwicklung weiterer Trittsteine im Warmetal soll der Habitatverbund zwischen dem Diemeltal und dem Dörnberg, den beiden größten Kalkmagerrasengebieten der Region, gestärkt werden.

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