Promovierter Pädagoge: Volkshochschulleiter Andreas Knoblauch-Flach. - © Dieter Scholz
Promovierter Pädagoge: Volkshochschulleiter Andreas Knoblauch-Flach. | © Dieter Scholz

Warburg Deutsch-Kurse für Zuwanderer: VHS-Leiter macht Ärger über Zeitungsbericht Luft

Schritt für Schritt zur deutschen Sprache

Warburg. Andreas Knoblauch-Flach macht seinem Ärger Luft. Die Berichterstattung in der NW hat ihn aufgebracht. Da stand am Montag im Nachrichtenteil zu lesen: "Zuwanderer straucheln oft beim Deutschtest". Das möchte der Leiter der Warburger Volkshochschule so nicht stehenlassen. In den Deutschkursen der VHS hat er andere, positive Erfahrungen gemacht. Darüber möchte er sprechen. Fast die Hälfte aller Zuwanderer bestehe dem Artikel zufolge den Deutschtest am Ende der Integrationskurse nicht. Das hatte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung unter Berufung auf Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) berichtet. Von 289.751 Menschen, die 2017 am Ende eines Integrationskurses beim Sprachtest mitmachten, hätten 48,7 Prozent das angestrebte Kursziel B 1 erreicht, so das BAMF. 40,8 Prozent seien immerhin noch auf das niedrigere Sprachniveau A 2 gekommen. "Viele der Kursteilnehmer kommen aus anderen Sprachfamilien und sind zudem im Erwachsenenalter, wenn das Erlernen einer Sprache schwerer als in jüngeren Jahren fällt", sagt Andreas Knoblauch-Flach. Man müsse differenzieren. Bei den Teilnehmern des B 1-Tests liege unter 25 Jahren die Bestehensquote bei 57 Prozent, bei den über 60-Jährigen dagegen bei 25,7 Prozent. In den Warburger VHS-Kursen hätten 2017 mehr als 60 Prozent den Test erfolgreich abgeschlossen. Das liege auch daran, dass es Vorkurse gebe, sagt der VHS-Leiter. "Nach einem Eingangstest wird entschieden, wer in welchem Kurs wie lange lernen muss." »Die Herkunftsländer ergeben auch große Unterschiede« Wer ein wenig Englisch spricht und daher die lateinischen Buchstaben kennt, sitzt bis zum Abschluss 600 Stunden in den Unterrichtsräumen. Im Amtsdeutsch sogenannte "Zweitschriftlerner", die in ihrer Muttersprache lesen und schreiben können, bekommen 300 Stunden mehr, Analphabeten zusätzliche 600 Stunden. "Manche können wie ein Erstklässler den Stift nicht richtig halten", sagt Knoblauch-Flach. Bis zur Mitte vergangenen Jahres habe bei den Einstufungstests die Quote der Zweitschriftlerner bei 20 Prozent gelegen, seitdem sei sie auf 60 Prozent gestiegen, nennt er aktuelle Zahlen. Zwischen 10 und 15 Prozent betrage die Quote der Analphabeten. "Schauen wir auf das Herkunftsland, so ergeben sich auch große Unterschiede", sagt Knoblauch-Flach. In Syrien liege die Einschulungsquote zwar bei 97 Prozent, doch rund 30 Prozent besuchten nur die sechs Jahre der Grundschulstufe. In Afghanistan sei es im Durchschnitt die Hälfte eines Jahrgangs, der sich nach sechs Grundschuljahren aus den Klassenbänken verabschiede, im Irak seien dies gar 55 Prozent. Das beste durchlaufende Schulsystem kenne er aus dem Iran. Dort liege der Quote der Sekundarschüler eines Jahrgangs bei 80 Prozent. "Je dörflicher die Herkunft, desto weniger Schulbesuch, je älter, desto lernungewohnter sind die Geflüchteten geworden", bringt es Knoblauch-Flach griffig auf den Punkt. Wer die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten möchte, muss an einem Integrationskursus teilnehmen. Sonata Schmermund aus Litauen und Maia Bolte aus Georgien leiten an der VHS in Warburger die Kurse. Seit 2007 arbeiten sie als Dozentinnen für Deutsch als Fremdsprache. Und leiten die Integrationskurse: Aktuell 23 Teilnehmer aus zehn Ländern in den VHS-Räumen im historischen Rathaus, 25 Teilnehmer aus elf Ländern lernen im Zweitschriftlerner-Integrationskurs in den Klassenzimmern des Johann-Conrad-Schlaun-Berufkollegs am Stiepenweg die deutsche Sprache und die Kultur kennen. In beiden Kursen sollen die Teilnehmer so viel Deutsch lernen, dass sie das Niveau B 1 erreichen. Das genügt, um im Alltag in Deutschland schriftlich und mündlich klarzukommen. Ob das Sprachlevel auch für einen qualifizierten Beruf reicht, bleibt offen. Die Zusammenarbeit zwischen Jobcenter, Sozialämtern und Ausländeramt sei hervorragend, lobt Knoblauch-Flach. Die neuen Integrationskurse begannen Anfang Januar und Anfang April, Ende des Jahres stehen die Sprachtests an. Bis auf die Sommerpause wird an fünf Vormittagen der Woche pünktlich ab 8 Uhr bis mittags gebüffelt. Das größte Problem sei der Gebrauch des Artikels, sagt Sonata Schmermund. Und die Zahlen. "Für mich kein Problem", sagt Elaha Pirzad. Er kam aus Afghanistan in die Hansestadt. Deutsche Ziffern und Zählweise stammen ursprünglich aus dem arabischen Raum. Er lerne, "Tag für Tag besser Deutsch zu sprechen", sagt Pirzad. "Schritt für Schritt", ergänzt Yogesh Patel aus der indischen Stadt Ahmedabad. Er sei sehr gern im Kursus. "Wir alle sind zu 100 Prozent im Kurs dabei", betont er dann bestimmt. »Wenn ich besser Deutsch spreche, kann ich mich mitteilen« Gomaa Alkhalaf ist 26. Seit gut zwei Jahren lebt der Syrer aus Aleppo in Warburg. Eine schöne Stadt, sagt er. Doch fehle ihm der Kontakt. Jetzt lerne er, sich besser auszudrücken. "Wenn ich besser Deutsch spreche, kann ich mich mitteilen", sagt er. Alkhalaf sieht die fünf Stunden des Unterrichts am Vormittag als Investition in die die eigene Zukunft. Natürlich gebe es auch Integrationsverweigerer, sagt VHS-Leiter Andreas Knoblauch-Flach. Doch sei die Quote keineswegs höher als bei den angebotenen Qualifizierungsmaßnahmen für einheimische Langzeitarbeitslose.

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