Auf der symbolischen Baustelle des Lebens: Die einst als „Blümchen" bekannte Hamburger Schauspielerin Jasmin Wagner spielt die graue Maus „Birgit". - © Burkhard Battran
Auf der symbolischen Baustelle des Lebens: Die einst als „Blümchen" bekannte Hamburger Schauspielerin Jasmin Wagner spielt die graue Maus „Birgit". | © Burkhard Battran

Warburg Ein Mädelsabend auch für Männer

Speilzeiteröffnung: Theaterprogramm der Hansestadt startet im voll besetzten Pädagogischen Zentrum 
mit einer famosen Komödie über das, was Frauen nur untereinander besprechen

Warburg. Was Mann schon immer wissen wollte: Was reden Frauen eigentlich, wenn sie sich zum Mädelsabend treffen. Am Dienstag, zum Auftakt der 38. Theatersaison der Hansestadt Warburg in Kooperation mit dem Volkshochschulzweckverband stand die Komödie „Liebeslügen" der Hamburger Autorin Ildiko von Kürthy (49) auf dem Spielplan. „Viel weibliches Geschnatter um triebgesteuerte und irgendwie unterbelichtete Männer ergibt noch längst keine gute Komödie", hatte das Hamburger Abendblatt nach Premiere das Stück niedergemacht. Es stimmt, dass die drei Akteurinnen zwei Stunden lang viel heiße Luft verbreiteten um etwas, das Mann wohl in der Werbepause zwischen den beiden Sportschauhälften geklärt hätte. Aber was diesen Mädelsabend von Ildiko von Kürthy so spannend machte, war die Tatsache, dass hier quasi in Echtzeit die zentralen Fragen des modernen Lebens in authentischer Weise aufgeworfen wurden. Drei Frauen um Ende Dreißig, wie sie unterschiedlicher nicht seien können, treffen sich zum Mädelsabend. Da ist Julia das Muttertier, Nathalie der Vamp und Birgit die Desillusionierte. Sie trinken Sekt und essen Käsespießchen und fragen sich, was sie eigentlich vom Leben und der Liebe erwarten, welche Opfer sie bringen, damit alles so bleibt, wie es ist, oder welchen Preis sie zu zahlen bereit sind, damit das Leben sich ändert. Sandrine Guiraud (42) verkörperte brillant eine überforderte Mutter, die verzweifelt versucht Kind, Beruf, Ehemann, die demente Schwiegermutter und den inkontinenten Labrador unter einen Hut zu bringen. „Ich habe ja schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich aufs Klo gehe, weil ich denke, ich kann ja kacken, wenn das Kind schläft", lässt von Kürthy ihre Protagonistin sagen. Eine glänzende Figur machte die eher als Sängerin bekannte Anke Fiedler (41) als Single mit Torschlusspanik, die sich gerade einen verheirateten Mann mit Kind geangelt hat – so einen wie den von „Julia", was natürlich Bühnenspannung vorprogrammiert hat. „Ich wünsch mir genau den Alltag, der euch so auf die Nerven geht", teilt sie den verblüfften Freundinnen mit. Ein echter Besetzungsglücksgriff war auch Jasmin „Blümchen" Wagner (37) als die Biedere, die lieber einen Seitensprung toleriert, als ihr ordentlich eingerichtetes Leben über Bord zu werfen. „Einen Mann zu kriegen ist nicht schwer, die Kunst ist, dass er bleibt", lautete ihre Überzeugung. Das Blümchen-Image als flippiger Teenietechnostar wird Jasmin Wagner immer anhängen. Umso interessanter war es aber gerade darum, sie als Schauspielerin in einer ganz anderen Rollenprägung zu erleben. Die Schauspielerinnen agierten in einer luftigen von Bühnenbildner Tom Schenk geschaffenen Kulisse, die von einer riesigen, gefühlt zehn Meter langen Sofalandschaft dominiert wurde. Davor war ein Sandkasten aufgebaut, in den die drei Frauen zwischenzeitlich immer wieder wie in eine Art symbolische Baustelle des Lebens hineinstiegen. Regisseur Andreas Kaufmann setzte in seiner Inszenierung ganz auf den natürlichen Flow der Handelnden. Durch den Verzicht auf durchsichtige Dramatik und Theatralik gelang der Aufführung ein geradezu postnaturalistischer Realismus. Dieser vom Hannoveraner Tourneetheater Thespiskarren eingerichtete Saisonauftakt machte in jedem Fall Lust auf die weitere Spielzeit.

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