Leitender Archäologe: Seit 2015 leitet Kim Wegener die Ausgrabungen an der Ruine der Holsterburg. Für ihn ist die Holsterburg etwas ganz Besonderes: „Hier kann man zeigen, ob man handwerklich etwas drauf hat." - © Katharina Engelhardt
Leitender Archäologe: Seit 2015 leitet Kim Wegener die Ausgrabungen an der Ruine der Holsterburg. Für ihn ist die Holsterburg etwas ganz Besonderes: „Hier kann man zeigen, ob man handwerklich etwas drauf hat." | © Katharina Engelhardt

Warburg Grabungen an der Holsterburg gehen in die letzte Saison

Katharina Engelhardt

Warburg. Ausgrabungsleiter Kim Wegener hat sein Herz an die Holsterburg verloren – rein wissenschaftlich betrachtet, versteht sich. „Allererste Sahne" sei die Bauqualität der achteckigen Festung, und obwohl sogenannte „Highlightfunde" wie Silberschmuck oder Goldtaler an diesem Grabungsort eher spärlich seien, berge die mittelalterliche Ruine weitaus wertvollere Erkenntnisse als den bloßen Fund von Gold oder Glitzerperlen. „Die Holsterburg ist speziell, sie gibt ihre Geheimnisse nicht sofort preis", sagt Wegener, der seit 2015 die Leitung innehat, und schmunzelt. „An dieser Grabungsstelle merkt man, ob man es als Archäologe handwerklich draufhat, oder nicht." Die Holsterburg zwischen Warburg und Calenberg ist eine der wenigen oktogonalen Burgen Europas, sie zählt als die nördlichste Vertreterin dieses Burgentyps. Kim Wegener und sein wissenschaftliches Team haben noch einen Sommer lang Zeit, die letzten Geheimnisse der Ruine zu erforschen. Im Oktober wird das im Jahr 2010 begonnene Projekt abgeschlossen. Seit Ende April sind die Wissenschaftler rund um Ausgrabungsleiter Kim Wegener wieder vor Ort, haben nach und nach die Burg „entblättert" und sie von den schützenden Abdeckplanen freigelegt. Der Schwerpunkt der letzten Grabungskampagne soll auf der Erforschung des westlichen und südwestlichen Teils der Ruine liegen – hier vermutet Kim Wegener die Überreste einer Feuerung für die Warmluftheizung, dessen Heizungskanal innerhalb des Mauerwerks sich über vier Oktogone erstreckt. Diese Art der Heizung war relativ aufwendig, „und sicher etwas, das sich nicht jeder damals hätte leisten können", sagt Wegener. In anderen Bereichen der Burg wurde eine andere Heiztechnik genutzt: „Darauf deuten die Überreste eines Kachelofens hin, die wir freigelegt haben", so der Archäologe. Bei ersten Grabungen haben die Wissenschaftler außerdem mehrere Brandstellen entdeckt, sogenannte Brandhorizonte: Schwarze, feine Linien heben sich deutlich von den anderen im Erdreich ab: „Das zeigt uns, dass es bereits vor der Zerstörung der Burg im Jahr 1294 an einigen Stellen gebrannt haben muss. Dort wurden anschließend wieder neue Gebäude errichtet." In den nächsten Monaten gehe es darum, die einzelnen Schichten des Mauerwerks freizulegen, Bauphasen zu erkennen und diese zeitlich einzuordnen. Schichtarbeit, im wahrsten Sinne des Wortes. „Übrigens verwenden wir bei unserer Arbeit nur selten filigranes ’Zahnarztbesteck’, wie man es aus Filmen kennt", klärt Wegener auf. Generell müsse man mit einem Spaten gut umgehen können. Erst wenn man näher an ein Fundgut heranrücke, kämen Pinsel zum Einsatz. In einer dieser Brandstellen entdeckten die Wissenschaftler Überbleibsel von Getreide und andere feine Überreste, die zur Analyse in ein Kölner Labor verschickt werden. Dadurch können die Wissenschaftler wichtige Erkenntnisse gewinnen, welches Getreide damals angebaut und verwendet wurde. „In dem Lehm-Wasser-Gemisch des Mauerwerks verrottet so gut wie nichts. Das Fundgut wird luftdicht abgeschlossen, Bakterien haben keine Chance", erklärt Wegener. Schicht für Schicht arbeiten sich die Wissenschaftler durch das Mauerwerk vor und gewinnen so weitere Rückschlüsse über die Burg. Eine „Sisyphusarbeit" sei das. Aber eine, die sich lohnt. So versprechen sich die Archäologen wichtige Erkenntnisse von einem Holzbalken, den sie aus einem schon vor längerer Zeit entdeckten Brunnen bergen konnten. Auch dieses Fundstück wird zurzeit von den Spezialisten des Kölner Labors untersucht: „Bislang sind wir davon ausgegangen, dass die Burg um etwa 1170 errichtet worden ist", erklärt Wegener. „Sollte das Holzstück älter sein, könnte das bedeuten, dass wir den Baubeginn deutlich vordatieren müssten." Was mit der Burgruine nach Abschluss des Projekts im Oktober geschehen wird, ist noch unklar. Mehrere Möglichkeiten werden derzeit von LWL und der Stadt geprüft. Für Kim Wegener ist schon jetzt eines sicher: „Die Holsterburg ist der Traum eines jeden Mittelalterarchäologen", schwärmt der Wissenschaftler.

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