Ruhestand ist für ihn ein Fremdwort: Josef Wittkopp steht vor seiner Gaststätte in Hohenwepel. Der Rentner mischt in diversen Vereinen mit, bewirtet selbige in seinem Gasthof und ist seit 36 Jahren als Ortsheimatpfleger für sein Dorf aktiv. - © Katharina Engelhardt
Ruhestand ist für ihn ein Fremdwort: Josef Wittkopp steht vor seiner Gaststätte in Hohenwepel. Der Rentner mischt in diversen Vereinen mit, bewirtet selbige in seinem Gasthof und ist seit 36 Jahren als Ortsheimatpfleger für sein Dorf aktiv. | © Katharina Engelhardt

Hohenwepel Freizeit ist für ihn ein Fremdwort

Themenwoche "Plötzlich Rentner": Josef Wittkopp aus Hohenwepel ist im Ruhestand. Eigentlich. Der Rentner betreibt nebenbei die Familiengaststätte und engagiert sich kräftig im Ehrenamt

Hohenwepel. Josef Wittkopp hat ein Vorbild, den Wirt einer Gaststätte, zwei Ecken weiter im selben Ort. Der sei nur "unwesentlich älter" als er selbst, sagt er, zieht die Augenbrauen hoch und schmunzelt. "91 Jahre alt wird der Kollege und steht immer noch ab und an hinter der Theke, daran möchte ich mir für die Zukunft ein Beispiel nehmen", sagt er. Josef Wittkopp, 76 Jahre alt, lebt in Hohenwepel und ist eigentlich Rentner. Aber auch er steht noch ab und an hinter der Theke seines Gasthofs an der Peckelsheimer Straße. Für ihn ist es Hobby und ein Zubrot zur Rente, für viele ortsansässige Vereine das Stammlokal und er der Lieblingswirt, wenngleich er die Schänke nur noch für Vereinstreffen und zu besonderen Anlässen öffnet. An der Theke mit ihm ein gemütliches Schwätzchen halten, das mögen die Leute. Pünktlich mit 65 Jahren hat sich Josef Wittkopp vom Berufsleben als Vertreter in die Rente verabschiedet. Gemerkt hat er davon nicht viel, wie er augenzwinkernd sagt, denn seitdem ist er fast noch beschäftigter als in seinen vollberufstätigen Jahren. Bloß einen einzigen Unterschied gebe es: "Jetzt kann ich mir die Arbeitszeit einteilen, wie es am besten passt", sagt der Hohenwepeler und dreht dabei einen Stapel Bierdeckel aus Pappe zwischen seinen Fingern hin und her. Gut stillsitzen kann er nicht. Er braucht immer etwas zu tun, zu schaffen, am besten irgendwie nebenbei. Und dabei macht das Betreiben der Wirtschaft nur einen kleinen Teil im Rentnerleben des Hohenwepelers aus. Familie, Freizeit, Arbeit - der Übergang ist im Hause Wittkopp fließend, klare Grenzen zwischen dem einen und dem anderen gibt es bei ihm nicht und der Begriff "Freizeit" ist ihm sowieso ein bisschen fremd. Vier Kinder hat Josef Wittkopp großgezogen, zwei sind erwachsen und aus dem Haus, zwei Jungs im besten Teeniealter, 14 und 16 Jahre, halten den Rentner auf Trab. Erst vor zwei Tagen musste er in die Schule zum Elternsprechtag und auch im alltäglichen Haushalt steht er seiner Frau (48) zur Seite. Die Familie ist ihm heilig. Mehr Zeit für sie als vor der Rente aber habe er nicht, räumt er freimütig ein. Es gebe einfach zu viel zu tun. Normalzustand für die Wittkopps. "Es hat ja auch nie Diskussionen gegeben, ob sich mit der Rente etwas ändern würde", sagt er nachdrücklich und fast klingt es so, als sei er ein wenig entrüstet. Etwas geändert? Kopfschütteln. Hat es nicht. Auf einmal war er eben Rentner. "Tja", sagt er nur und streicht sich über den Bart. Gar einen Einschnitt, wie ihn viele Rentner erfahren, wenn sie vom Arbeitsleben in den Ruhestand wechseln, gab es für Josef Wittkopp nicht, es geschah eher nebenbei, fast unmerklich. "Andere bekommen im Büro oder im Betrieb einen Blumenstrauß und eine Urkunde und werden groß verabschiedet. Da mag man das vielleicht bewusster erleben", sagt er. Für ihn war das nicht vorgesehen, weder Blumen noch eine Urkunde; der Hohenwepeler war immer selbstständig, nie Angestellter und er verdingte sich als Kaufmann im Außendienst und war sehr viel unterwegs. Nebenbei verdiente er sich ein zusätzliches Einkommen mit seinem Getränkeshop und dem Betrieb der Familiengaststätte in Hohenwepel. "Nebenbei" - dieses Wort spielt im Leben des Rentners eine größere Rolle, denn "so nebenbei" betreibt er auch heute noch die Wirtschaft und den Getränkehandel, hat draußen auf dem Land eine Schafherde laufen und befasst sich seit 36 Jahren als Ortsheimatpfleger mit der Geschichte seines Heimatortes. "1.000 Jahre Hohenwepel - ein Dorf blüht auf" - so lautet das Motto zu den Feierlichkeiten, die sich im Rahmen des Ortsjubiläums das ganze Jahr über abspielen werden. Ganz vorn mit dabei: Josef Wittkopp. "Wir pflanzen überall im Ort Blumen. Zurzeit sind das die Frühblüher wie Osterglocken, Schneeglocken oder Tulpen." Alle zwei Wochen etwa treffen sich die Aktiven der Helfer AG und pflegen die neu gepflanzten Beete und planen, auf welchem grünen Fleckchen es weitergeht. In mehreren Vereinen engagiert er sich aktiv und für seinen Einsatz für die Kriegsgräberfürsorge wurde er 2015 mit der Silbernen Nadel "Arbeit für den Frieden" ausgezeichnet. Da ist er stolz drauf. Mit dem Engagement habe er erst nach der Rente begonnen, fällt ihm dazu noch ein. Eins der wenigen Dinge, die sich tatsächlich für ihn mit dem Ruhestand geändert haben. Er schmunzelt. Als gewöhnlichen Rentner sieht sich Josef Wittkopp nicht. "Was heißt das denn überhaupt?", fragt er. Radfahren? Mit dem Hund spazieren gehen und den Rasen mähen? Das reiche ihm nicht, so der 76-Jährige. Ruhestand - für Josef Wittkopp ein schwer zu fassender Zustand. Einmal, so der Hohenwepeler, da habe er es auch so wie alle anderen machen wollen, habe sich sein Fahrrad geschnappt und sei einfach losgefahren. Nach einer mehrstündigen Radtour kehrte er zurück, übelgelaunt und mit der Einsicht: "Das passiert mir kein zweites Mal!" Einfach Freizeit mit Nichtstun genießen? Für Josef Wittkopp ist das keine Option. Nur am Sonntag, da ist Familienzeit. Und ausnahmsweise schwingt er sich dann aufs Rad, gemeinsam mit seiner Frau und den Kindern, und tut das, was gewöhnliche Rentner machen: Seine freie Zeit genießen.

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