Warburg Eskalierter Polizeieinsatz: Was Warburgs Bürgermeister zu den Vorwürfen sagt

Offener Brief an Intendanten

Katharina Engelhardt
24.03.2016 | Stand 24.03.2016, 21:28 Uhr |

Warburg. In einem offenen Brief an den Intendanten des Westdeutschen Rundfunks macht sich Warburgs Bürgermeister Michael Stickeln gehörig Luft. Anlass ist die Berichterstattung des WDR über den eskalierten Polizeieinsatz in der Warburger Flüchtlingsunterkunft. Eindrücke und Antworten von der Pressekonferenz. „Wer von denen ist eigentlich der Bürgermeister?", raunt der Kollege eines Fernsehteams und hält das Mikrofon in Richtung der drei Herren, die ganz vorn sitzen im Raum 205 des Behördenhauses. Rechts Ordnungsamtsleiter Andreas Scholle, daneben der Erste Beigeordnete Klaus Braun und ganz links, das wissen zumindest die Vertreter der lokalen Zeitungen, das ist der Bürgermeister, Michael Stickeln. Und der hat am Donnerstagmorgen zur Pressekonferenz nach Warburg eingeladen. Drei Kamerateams überregionaler Fernsehsender haben ihr Equipment aufgebaut, mehrere Vertreter von Tageszeitungen und Radiosendern sind auch da. Das Thema, über das die Rathausspitze sprechen möchte an diesem Morgen: keine Frage, natürlich der Vorfall in der Dösseler Unterkunft. Konkreter – die Berichterstattung in den Tagen und Wochen danach. Vor allem die in den überregionalen Medien, den größeren und großen Fernsehsendern und Rundfunkanstalten wie dem Westdeutschen Rundfunk zum Beispiel. Dessen Bericht, der vergangenen Woche in der Sendung Westpol ausgestrahlt wurde, hatte Schnipsel aus Handyvideos von dem Polizeieinsatz in der Dösseler Flüchtlingsunterkunft publik gemacht. Und damit die mediale Lawine richtig ins Rollen gebracht. Michael Stickeln wirft dem WDR jetzt in einem offenen Brief eine einseitige, unvollständige und „Fakten weglassende Berichterstattung" vor. Der Brief ist an den Intendanten des WDR gerichtet, kritisiert wird darin vornehmlich die Arbeit derjenigen Journalistin, der das Handymaterial vonseiten der Flüchtlinge zugespielt worden sein muss und die danach einen ganzen Tag lang im Rathaus Gespräche mit Michael Stickeln und dem Ersten Beigeordneten Klaus Braun geführt hatte. Am Ende dieses Tages stand dann ein Interview. Eine Stunde lang. Ausschnitte vor laufender Kamera Bis die Reporterin vor laufender Kamera Michael Stickeln das Handymaterial vorspielt. „Das habe ich bis dato nicht gekannt und ich stehe auch heute noch zu meiner Aussage, die ich damals gemacht habe: Diese Videoausschnitte wollte und konnte ich zu diesem Zeitpunkt ohne Hintergrundwissen weder kommentieren noch bewerten", sagt Bürgermeister Michael Stickeln. Sein Groll sitzt tief. Oder besser: seine Enttäuschung. Mittlerweile geistern im Internet Hunderte Artikel umher, die sich mit den Geschehnissen in Dössel befassen, die nach Ansicht von Stickeln von Beginn an verfälscht wiedergegeben worden seien. „Mit einem so sensiblen Thema erwarte ich einen objektiven und verantwortungsbewussten Umgang", sagt er. „Ich bin mir sicher, dass es genau diese unvollständige und einseitig die Interessen von Flüchtlingen unterstützende Berichterstattung ist, die zu gesellschaftlichen Spannungen führt", zitiert er aus dem öffentlichen Brief. Diese Art von Journalismus sei in der Lage, öffentliche Meinungen zu manipulieren. Seit zwölf Jahren sitze er als Bürgermeister der Stadt vor und niemals habe er in dieser Zeit Presseberichte kommentiert oder kritisiert. Gleich zu Beginn der Pressekonferenz stellt er klar, dass er nach dem offiziellen Teil für weitere Fragen nicht zur Verfügung stehen wird. „Jetzt können Sie alles fragen." Geduldiges Antworten Wie sich die Syrerin gefühlt haben muss, dass nicht die vermeintlichen Täter, sondern sie die Unterkunft wechseln musste, will die Dame von RTL wissen. Ob ihn das mediale Echo überrascht habe, fragt eine weitere Kollegin. Und ein Reporter will wissen, wie die Stadt der nun entstandenen Unsicherheit unter den Flüchtlingen entgegenwirken will und weshalb die Stadt „so spät auf die Vorwürfe der sexuellen Belästigung reagiert" habe. Bürgermeister Michael Stickeln und sein Erster Beigeordneter beantworten geduldig jede Frage. Nachdem die Frau die Stadt und die Polizei über „verbale sexuelle Belästigungen" von Männern in der Unterkunft gegen sie und ihre Tochter informiert habe, seien beide unverzüglich in einen anderen Trakt gebracht worden. Kurze Zeit später habe die Syrerin sämtliche Anschuldigungen zurückgezogen: Es habe keine sexuelle Belästigung gegeben. Das habe aber die Umzugspläne nicht abwenden können, denn das mittlerweile entstandene Unterbringungskonzept sah eine Verlegung aller Frauen und Familien aus dem betreffenden Trakt vor. Die Entscheidung zur Umverlegung der syrischen Mutter „haben wir zum Schutze der Betroffenen entschieden." Bewusst sei die Wahl auf die kleinere Unterkunft in Ossendorf gefallen, „weil es dort bereits syrische Familien mit Kindern gibt", erklärt Klaus Braun. Insgesamt seien 70 Frauen und Familien in andere Häuser oder Unterkünfte verlegt worden. Den Polizeieinsatz will Michael Stickeln nach wie vor nicht bewerten. „Das steht mir gar nicht zu." Lediglich stellte er die Frage in den Raum, ob sich die von ihm kritisierte WDR-Reporterin im Klaren sei, welche Demotivierung und vorverurteilende Anfeindungen Polizeibeamte aufgrund einer solchen undifferenzierten Berichterstattung erleiden müssen."

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