0
Im Gespräch: Stephan Kreye und Bernhard Eder begleiten die Dorfwerkstätten als Experten in Warburg. Derzeit bereiten sie alles für den Start Anfang April vor. - © FOTO: KATHARINA GEORGI
Im Gespräch: Stephan Kreye und Bernhard Eder begleiten die Dorfwerkstätten als Experten in Warburg. Derzeit bereiten sie alles für den Start Anfang April vor. | © FOTO: KATHARINA GEORGI

Warburger Land "Ein dynamischer Motor der Verbesserung"

Interview: Stephan Kreye und Bernhard Eder zum ländlichen Raum und Dorfwerkstätten

25.01.2015 | Stand 23.01.2015, 20:25 Uhr

Warburger Land. Das Land soll attraktiver werden - dafür setzen sich Stephan Kreye und Bernhard Eder von der Landsvolkshochschule Hardehausen ein. Mit ihrem Konzept der Dorfwerkstätten sollen die Kompetenzen in den Ortschaften im ländlichen Raum aktiviert werden. Darüber sprachen sie mit Katharina Georgi.

Der ländliche Raum stirbt. Ist das auch in Warburg so?

Stephan Kreye: Warburg, und übrigens auch der gesamte Landkreis Höxter, hat mit schwierigen Perspektiven zu kämpfen. Im Verhältnis sogar NRW-weit gesehen.

Warum ist das so?

Kreye: Warburg hat viele kleine Dörfer. Die Arbeitsplätze und Städte sind weit weg. In Paderborn sieht die Situation beispielsweise schon ganz anders aus. Da sind die Dörfer sehr nah an der Stadt, es gibt sogar steigende Prognosen. Daran sieht man schon: Jedes Dorf ist anders. Darum muss jedes Dorf auch einzeln betrachtet werden.

BERNHARD EDER: Die Versorgungsdichte im ländlichen Raum nimmt ab. Grundschulen haben Schwierigkeiten Schüler zu finden, Ärzte gehen weg, Tante-Emma-Läden und und Bankfilialen schließen. Wer weg geht, kommt kaum zurück. Wenn weniger Leute da sind, braucht man weniger Versorgung, also geht wieder die Versorgungsdichte zurück. Das ist ein Teufelskreis nach unten. Die Gefahr ist, dass man sich davon geistig anstecken lässt. Nach dem Motto: Es geht eh alles den Bach runter. Wir wollen genau da gegensteuern und sagen: Das Land hat Zukunft, das Land hat Potenziale und Chancen.

KREYE: Der demografische Wandel ist in den Dörfern eine große Herausforderung. Diesen Wandel, die negative Geburtenrate, die gibt es ja schon seit 40 Jahren. Politisch reagiert wird aber erst seit etwa zehn Jahren. Jetzt brennt es in manchen Landkreisen, wie im Warburger Land zum Beispiel. Wenn man da schon vor 25 oder 30 Jahren gegengesteuert hätte, wäre das sicher anders. Zum Beispiel durch eine zielführende Familienpolitik. Kinder und Familien müssen gesellschaftlich besser angenommen werden. Ich spreche da als Familienvater.

Und mit den Dorfwerkstätten wollen und können Sie den ländlichen Raum retten?

Eder: Das ist einer der Bausteine. Dorfwerkstätten können nicht alle Probleme lösen. Eine Dorfwerkstatt schafft für sich genommen zum Beispiel keine Arbeitsplätze. Das wäre auch nicht das Ziel. Sie ist vielmehr ein Motor, ein dynamischer Motor der Verbesserung. Menschen tun sich zusammen, damit ihr Dorf gut da steht, vital ist. Und um gemeinsam zu schauen, was können wir machen? Welche Potenziale gibt es?

Und? Was glauben Sie, welche gibt es?

Eder: Ein Potenzial ist das ehrenamtliche Engagement. In den meisten Dörfern gibt es davon schon viel, zum Beispiel in Vereinen. Sie sind oft ein Teil der Lösung, manchmal aber auch Teil des Problems. Weil einige Vereine überaltern oder händeringend nach Vorstandsmenschen suchen. Andererseits gibt es Menschen, die sagen, ich würde mich gern engagieren, aber ich habe keine Lust, einen Vorstandsposten zu übernehmen.

Und in den Dorfwerkstätten möchten Sie solche Projekte entwickeln?

Eder: Ein zentrales Werkzeug ist eine Zukunftswerkstatt, in denen den Bürgern eine Stärken- und Schwächenanalyse präsentiert wird, also, welche Stärken und Schwächen das Dorf aufweist und in der Ideen zur Verbesserung gesammelt werden.

Wird das auch von den Bürgern erarbeitet oder von Experten? Von Ihnen zum Beispiel?

Eder: Beides, von Experten aber auch mit den Bürgern. Vieles ist schon da, die Datenbasis ist oft gut. Was fehlt, wird mit den Verantwortlichen der Kommune oder auch den Bürgern durch eine Befragung geklärt.

Wie kann ich mir eine Zukunftswerkstatt konkret vorstellen?

Eder: Die Zukunftswerkstatt ist eine Tagesveranstaltung, die sehr teilnehmerorientiert aktivierend gestaltet wird. Wo die Menschen eingeladen sind, ihre Ideen, ihre Visionen für das eigene Dorf zusammenzutragen und zu diskutieren. Es wird keine Dauerreferate von Referenten geben. Im kreativen Prozess sollen die Menschen merken, dass sie ernstgenommen werden mit ihren Ideen und Fragen. Und die Erfahrung zeigt - ich habe das bisher schon 40 Mal gemacht - dass eine Fülle von Ideen entsteht. Es kommen Menschen, die etwas bewegen wollen. Da entsteht sehr Gutes, manchmal auch nur gut Gemeintes.

Welche Aufgabe übernehmen Sie konkret?

EDER: Mir ist es wichtig, bei den Veranstaltungen zu sagen: Ich bin der Moderator, der Begleiter, der Lotse. Aber Sie geben den Weg vor. Natürlich habe ich auch Ideen im Kopf. Aber die sind eher als eine mögliche Orientierung zu sehen. Unsere Kompetenzen sind methodisch und inhaltlich. Wir haben Fachwissen, das wir aber eher als Angebot einspeisen wollen.

KREYE: Am aller wichtigsten sind die Menschen in den Dörfern selbst. Mit ihnen steht und fällt der ganze Prozess. Je mehr Menschen sich einbringen, desto größer ist der Schatz der gehoben werden kann.

Das heißt, das ganz konkrete Projekt entstehen, die Sie auch begleiten?

KREYE: Das war im Stadtrat ein wichtiges Kriterium, als wir unser Konzept vorgestellt haben. Wir begleiten auch die Umsetzung.

Eder: Am Ende einer Zukunftswerkstatt entsteht eine Art Weihnachtswunschzettel. In jedem Dorf soll es eine Projektgruppe geben, von Engagierten und Verantwortlichen, die dann mit uns als Begleiter überlegt, was ist von den vielen Ideen die wichtigste. Das entscheiden die Protagonisten vor Ort: Das eine ist ganz gut, aber das kann man ein bisschen später umsetzen. Das andere ist schwierig und kostet viel Geld und Bürokratie und wird hinten angestellt. Aber das hier, das ist der Trüffel, den wir uns jetzt genau angucken. In einer Kommune war das zum Beispiel die Nachbarschaftshilfe.

Und die läuft bis heute?

Eder: Ja, bis heute. Sie baut sich dort sogar noch aus.

Haben Sie so ein ähnliches Konzept für Warburg im Auge?

Eder: Im Auge schon, aber nur wenn es passt. Wenn jetzt eine Kommune wie Ossendorf sagt, das haben wir schon, dann ist Nachbarschaftshilfe nicht das richtige. Wir wollen nichts überstülpen.

KREYE: Synergien schaffen ist da sicher ein Stichwort. Das ist auch für die Jüngeren wichtig. Man sollte alle Generationen im Blick haben. Die Dorfwerkstatt ist ein gutes Instrument, um ein Stück weit herauszukitzeln, wie sehr liegt den Bürgern ihr eigenes Dorf noch am Herzen.

Und wie soll es dann weiter gehen?

EDER: Wir werden Dorfwerkstätten haben, bei denen zwei oder drei Dörfer gemeinsam arbeiten, weil sie das alleine nicht stemmen können. Um gemeinsam Dinge nach vorne zu bringen. Aber, wenn es keine Leute gibt, die das machen wollen, dann kann man auch gleich aufhören. Wenn sich niemand engagiert, gibt es keine Zukunft. Hier kann eine Dorfwerkstatt wie ein Katalysator wirken. Wichtig ist, das Selbstbewusstsein der Dörfer nicht zu übergehen. Niemand darf abgehängt werden. Das ist wichtig. Die Spezifika der einzelnen Dörfer müssen zur Sprache kommen. Ein Dorf hat zum Beispiel eine stark befahrene Straße, wo eine Querungshilfe wichtig wäre, dann muss das auch zur Sprache kommen. Und darf nicht untergebügelt werden, weil es das kleinste Dorf im Gemeindegebiet ist.

KREYE: Es ist wichtig, dass die Dörfer sich dann unterstützen und zusammenarbeiten.

Wo soll der Prozess beginnen? In allen Dörfern gleichzeitig?

Eder: Wir starten in Warburg direkt und gehen dann peu à peu in die Dörfer. Wie wir das genau machen, das möchten wir mit dem Bürgermeister und den Ortsvorstehern besprechen.

Wer soll und darf sich am Prozess beteiligen?

Eder: Eine Zukunftswerkstatt braucht eine gewisse Anzahl an teilnehmenden Menschen. Alle Altersgruppen sind dort gern sehen, auch Jugendliche.

Kommen auch andere Bürger als diejenigen, die sowieso schon das Dorfleben in Vereinsvorständen begleiten?

Eder: Es kommen zwei Arten von Menschen: Zum einen die Vorstände, das ist wichtig. Zum anderen aber auch, und das sind auch sehr wichtige Menschen, diejenigen, die sonst in der zweiten Reihe stehen. Oft sind das Zugezogene, die schon lange da sind, teilweise schon Jahrzehnte, aber die noch mal merken, dass sie durch ein neues Engagement mehr integriert werden. Sie tun etwas, werden wichtig, und werden stärker von den Einheimischen wahrgenommen.

KREYE: Wir werden als ersten Schritt die Ortsvorsteher ins Boot holen und informieren. Aber das Ganze lebt eben nicht von den klassischen Strukturen. Es ist im Prinzip ein Ideenkatalysator.

Anfangs hatten wir ja gesagt, die Dörfer sollen attraktiver werden. Können denn durch solche Projekte die Orte so weit attraktiver werden, dass sie neue Bewohner locken?

Eder: Um Menschen zurückzuholen, müsste man etwas anderes tun. Wenn man Familien anlocken möchte, braucht man wohnortnahe Arbeitsplätze für die Mütter. Sie möchten auch für die Kinder da sein. Zum Beispiel, wenn die letzten Unterrichtsstunden in der Schule ausfallen und das Kind früher nach Hause kommt. Männer pendeln oft weiter weg. Wir können diese Arbeitsplätze nicht schaffen, aber wir können das anregen und die Idee an die Kommune weitergeben.

KREYE: Ich bin selbst Familienvater und habe Kinder zwischen 7 und 10 Jahren. Mir sind daher die Interessen von Familien ein Anliegen, das ich in diese Prozesse gerne einbringen werde.

Empfohlene Artikel

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken
realisiert durch evolver group