Abitur-Klausuren bedeuten für den Großteil der Schüler Stress und Anspannung - egal, ob sie vorher zwölf oder 13 Jahre die Schulbank gedrückt haben. - © FOTO: DPA
Abitur-Klausuren bedeuten für den Großteil der Schüler Stress und Anspannung - egal, ob sie vorher zwölf oder 13 Jahre die Schulbank gedrückt haben. | © FOTO: DPA

Kreis Höxter Mehrheit will zurück zu altem Abitur

Schüler und Lehrer im Kreis Höxter sehen noch viele Nachteile im Turboabi nach Klasse 12

Von Simone Flörke, Amina Vieth und Carmen Pförtner

Kreis Höxter. In diesen Tagen brüten Hunderte Schüler im Kreis Höxter über ihren Abiturklausuren. Nach dem Doppelabi-Jahrgang 2013 ist es das zweite Mal, dass die Schüler nach zwölf Jahren ihren Abschluss machen. Gestern setzten sich NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann mit Vertretern aus Schule, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik an einen Tisch, um das Thema Abitur nach zwölf Schuljahren (G8) erneut zu diskutieren. Die NW hat bei Schulen im Kreis Höxter nachgefragt, wie sie die Erfahrungen mit G8 einschätzen.

Abitur nach zwölf oder 13 Jahren? Diese Frage soll am Runden Tisch in Düsseldorf geklärt werden. Niedersachsen hat sich bereits gegen G8 entschieden und führt das Abitur nach 13 Jahren wieder ein. Im Kreis Höxter gehören zwei Gymnasien zu den insgesamt 13 Modellschulen in NRW, die zu G9 zurückkehrten: die Gymnasien in Beverungen und in Brakel.

Frank Scholle, Schulleiter des Warburger Gymnasiums Marianum, habe Erfahrungen gemacht wie von der Landesregierung vorausgesagt: "Bei uns gab es im vergangenen Jahr zumindest keine signifikanten Unterschiede in den Abiturnoten." Nach den Vorschlägen des Ministeriums habe das Gymnasium allerdings sowohl die Lehrpläne überarbeitet, als auch das Hausaufgabenkonzept verändert sowie die Rhythmisierung des Unterricht auf 60 Minuten-Stunden verändert.

"Man merkt allerdings doch an vielen Stellen, dass den Schülerinnen und Schülern ein Jahr in der Entwicklung fehlt", so Scholle – gerade in Sachen Organisation, Eigenverantwortung und Selbstständigkeit.
Gerade 17 Jahre und schon Abiturient – bei der verkürzten Schulzeit keine Seltenheit. Für die Wirtschaft sei es ein Gewinn, die jungen Kräfte schneller am Markt zu haben. Doch für einen Großteil der Schüler sei die Zeit zum Lernen und Reifen zu kurz. "Der Leistungsdruck ist gestiegen und das müssen wir als Schule im Auge behalten", sagt Hans Nicolas, stellvertretender Schulleiter des König-Wilhelm-Gymnasiums Höxter (KWG).

Ob G8 oder G9 besser ist, sei schwer zu beantworten. Besonders die langen Schultage machen den Schülern zu schaffen. Nicolas persönlich erhofft sich, dass die Lehrpläne entschlackt werden. "Die Stundenbelastung muss reduziert werden und man muss sich die Frage stellen, ob man den Schülern wirklich alles abverlangen muss, was gerade verlangt wird."

Eine Anpassung des Umfangs der Hausaufgaben an die langen Schultage, wie es bereits im Warburger Gymnasium Marianum vorgenommen wurde, wünschen sich auch die Schüler des KWG in Höxter. "Wenn man erst um 18 Uhr von der Schule nach Hause kommt, dann noch ein bis zwei Stunden Hausaufgaben machen muss, bleibt keine Zeit für anderes", sagt Schülersprecher des KWG Hendrik Pieres. Insgesamt sei er mit G8 zufrieden. Doch die Meinungen der Schüler seien unterschiedlich. "Einige finden G8 in Ordnung, andere empfinden die Belastung als zu hoch", so der 16-Jährige.

In Niedersachsen ist G8 bald Geschichte – die Gymnasium stellen komplett wieder auf G9 um. "Die Schüler haben von sehr hohem Stress gesprochen, auch die Leistungsstarken haben G8 als negativ empfunden", sagt Dieter Fuhrmann, stellvertretender Schulleiter des Campe- Gymnasiums Holzminden. Für ihn ist die Rückkehr zu G9 der richtige Weg. "Diese Empfehlung kann ich nur weitergeben", so Fuhrmann.

Die gravierenden Unterschiede der beiden Schulsysteme kommen im Petrus-Legge-Gymnasium in Brakel besonders zur Geltung, da es eines von 13 Modellschulen in NRW ist, das zu G9 zurückkehrt. Ab der 8. Klasse haben die G9-Schüler nur einmal statt dreimal pro Woche Nachmittagsunterricht. "Sie haben so mehr Zeit zum Lernen und auch mehr Zeit für sich und Hobbys", sagt Schulleiter Thomas Freye. Für ihn spielt die persönliche Entwicklung der Mädchen und Jungen eine große Rolle. Seiner Meinung nach kommt diese bei G8 zu kurz.

Der Modellversuch wird von der Ruhr-Universität Bochum begleitet. "Wir reichen dort Lehrpläne eine, es werden Interviews geführt und Fragebögen ausgefüllt", sagt Freye. "Ergebnisse gibt es noch keine."

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