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Tanja Busse hat ein Buch über das Artensterben geschrieben. Sie selbst hat für sich ein Zeichen in ihrer Heimat gesetzt, mit einem Apfelbaum. - © Malin Klawitter
Tanja Busse hat ein Buch über das Artensterben geschrieben. Sie selbst hat für sich ein Zeichen in ihrer Heimat gesetzt, mit einem Apfelbaum. | © Malin Klawitter

Nieheim Ökologieexpertin aus Nieheim: "Massenaussterben ist Menschenwerk"

Tanja Busse beschäftigt sich in dem Buch „Das Sterben der anderen – Wie wir die biologische Vielfaltnoch retten können“ mit der Artenvielfalt. Ganzjahresweiden an der Beber und Emmer, gesäumt von Streuobstwiesen sind ihre Vision.

Hermann Ludwig
08.09.2019 | Stand 08.09.2019, 14:47 Uhr

Nieheim-Eversen. Die gefragte Ökologieexpertin Tanja Busse vertritt die These, dass die biologische Vielfalt sehr wohl noch zu retten ist – wenn wir schnell handeln. Das Insektensterben, ist für sie nur die Spitze des Eisbergs. In dem Buch „Das Sterben der anderen" zeigt sie Wege aus der Umweltkrise auf. Im Interview erklärt die Autorin, was Konsumenten und auch Landwirte zur Artenvielfalt beitragen können. Dabei hat die noch eng mit ihrem Heimatort Eversen verbundene Journalistin praktische Hinweise, wie umweltbewusste Verbraucher etwas zur Artenvielfalt beitragen können. „Wenn wir die Artenvielfalt retten wollen, dann müssen wir das nicht nur auf den 50 Prozent landwirtschaftlich genutzter Fläche tun. Sondern auch auf den übrigen 50 Prozent", sagt Busse. Frau Busse, Sie beschäftigen sich schon sehr lange mit Umweltthemen, was hat Sie auf das Thema Artensterben fokussiert? Tanja Busse: Vor zwei Jahren, bei einer Radtour am Bodensee, stoppte mein kleiner Sohn plötzlich ganz aufgeregt und rief: Mama, was ist das für ein Geräusch? Es war eine zirpende Grille, und es hat mich umgehauen, dass ein fast Fünfjähriger, der ganz viel draußen ist, noch nie eine Grille gehört hatte. In diesem Moment habe ich verstanden, was Insektensterben bedeutet. Beim Recherchieren wurde mir schnell klar, dass dieses Insektensterben nur die Spitze des Eisbergs ist. Und dass wir zur Zeit ein globales Massenaussterben erleben wie zuletzt am Ende der Dinosaurierzeit. Nur dass es dieses Mal kein Meteorit ist, der das auslöst, sondern Menschenwerk. »Immer mehr Flächen werden versiegelt. Das ist dramatisch« In ihrer Kindheit haben Sie die Steinheimer Börde erlebt, was hat sich verändert? Busse: Viele alte Häuser in den Dörfern stehen leer und die Neubaugebiete und Gewerbeflächen fressen sich in die Felder. Immer mehr Flächen werden versiegelt. Das ist dramatisch! Auch die Landwirtschaft hat sich verändert: Es gibt kaum noch Milchkühe draußen, viele wertvolle Weideflächen sind umgebrochen worden und Hecken wurden abgesägt. Dafür werden immer mehr große Mastställe gebaut mit Tausenden von Schweinen und Zehntausenden von Hühnern. Und sogar riesige Behälter, die die Gülle aus den überfüllten Intensivregionen wie dem Münsterland aufnehmen. Die Erzeugerpreise sind so schlecht, dass viele Landwirte keinen anderen Ausweg sehen, als über Massenproduktion ihr Geld zu verdienen. Aber es ist keine langfristige Lösung, Lebensmittel auf Kosten der Natur zu produzieren! Bei meiner Recherche habe ich gelernt, wie wichtig eine naturnahe Landwirtschaft für die biologische Vielfalt ist. Nicht da, wo wir die Natur in Ruhe lassen und Flächen komplett verbuschen, ist die Artenvielfalt am höchsten, sondern dort, wo Kühe und Schafe und auch Schweine zwischen Hecken und Bäumen weiden. Es gibt im Kreis Höxter viele Landwirte, oft im Nebenerwerb, die helfen, diese Landschaft zu erhalten. Die Familie Parensen in Eversen zum Beispiel oder die Messlers in Sandebeck. Solche Betriebe müssen wir unterstützen! Wie bewerten Sie den Einfluss des Klimawandels auf das Artensterben? Busse: Auf einer naturnahen Weide an der Beber hat mir der Heuschreckenforscher Thomas Fartmann von der Uni Osnabrück neulich eine große Goldschrecke gezeigt, das ist eine Heuschreckenart, die sich mit dem wärmeren Klima ausbreitet. Es gibt einige solcher Profiteure des Klimawandels. Deshalb denken viele: Das wärmere Klima ist gar nicht so schlimm für die Natur. Leider ist das Gegenteil der Fall. Die Forscher vom britischen Tyndall Centre for Climate Change gehen davon aus, dass viele Arten aussterben werden, in manchen Gegenden bis zu fünfzig Prozent, wenn sich die Erde um 4,5 Grad erhitzt. Der Klimawandel verstärkt das Artensterben, die großen Todeszonen in der Ostsee sind ein erster Vorbote, wie schnell ganze Ökosysteme kippen können. Artensterben ist zuvorderst menschengemacht, was lässt Sie hoffen, dass dem Einhalt geboten werden kann? Busse:Viele Naturschützer haben mir gesagt: Es gibt keine Hoffnung, es gibt immer mehr Flugverkehr, mehr Staudämme, mehr Feuer im Regenwald, mehr Flächenversiegelung und mehr Wirtschaftswachstum ... Aber dann arbeiten sie doch mit aller Kraft weiter an ihren Projekten und retten, was sie können. Der Erfolg von Greta Thunberg, die Fridays for Future und die Extinction Rebellion, das sind für mich große Hoffnungsträger. Welche Bedeutung hat das Thema Ernährung beim Artensterben? Hegen Sie Hoffnung, dass Konsumenten Einfluss auf die biologische Vielfalt haben? Busse:Als Konsumentinnen und Konsumenten haben wir großen Einfluss und große Verantwortung. Ökologische Lebensmittel aus der Region, weniger Fleisch und das von Weidetieren, das hilft sehr! Aber die Konsumenten alleine können das nicht stemmen – wir brauchen bessere Gesetze. Dafür müssen wir uns einsetzen. Wir brauchen ein Verbot von gefährlicher Ackerchemie, ein Ende der Importe von Soja und Palmöl aus Regenwaldgebieten und eine ganz andere EU-Agrarpolitik. Landwirte müssen mit naturnaher Landwirtschaft Geld verdienen können, das ist zur Zeit leider nicht der Fall. Die Landwirtschaft wird bei dem Thema Artensterben oft angeklagt, zu Recht? Busse: Es ist ziemlich einfach, „den" Landwirten die Schuld zuzuschieben, die unter schwierigen ökonomischen Bedingungen wirtschaften. Genauso müsste man „die" Konsumenten anklagen und „die" Politiker. Jeder muss für seinen Bereich Verantwortung übernehmen. Aber das Wichtigste ist jetzt, dass wir politische Rahmenbedingungen schaffen, die Naturschutz belohnen und nicht bestrafen. Wir brauchen sehr schnell eine Agrarwende, eine Ernährungswende und eine Verkehrswende, überhaupt eine andere Politik, die den Erhalt der Lebensgrundlagen und das Allgemeinwohl an die erste Stelle setzt. Die neue Stiftung Gemeinwohlökonomie NRW hat sich den Kreis Höxter als Modell für eine Gemeinwohlregion ausgesucht. Das ist eine große Chance für eine Landwirtschaft, die biologische Vielfalt fördert und gleichzeitig regionale Wertschöpfung und auch den Tourismus. Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die EU-Agrarpolitik? Busse: Die ist eine Tragödie. Im EU-Agrarhaushalt stehen viele Milliarden Euro zur Verfügung, die für Tier- und Naturschutz und für gute Arbeitsplätze in der Landwirtschaft genutzt werden könnten. Stattdessen wird das Geld mehr oder weniger mit der Gießkanne über der Fläche ausgegossen: Wer viel Land hat, kriegt viel Geld. Was ist das denn für eine Logik! Die Bauern haben viel bürokratischen Aufwand, und die Verarbeiter wissen natürlich, wie viel Geld die Bauern bekommen und preisen das ein. Das alles macht die Lebensmittel im Supermarkt etwas billiger, aber das ist natürlich keine durchdachte politische Steuerung. Wir verfehlen beinahe alle Umweltziele – vom Gewässerschutz bis zum Erhalt der Biodiversität, die Roten Listen werden immer länger. Viele wissenschaftliche Gutachten kritisieren dieses System scharf. Es ist Zeit, das zu ändern. Sie selbst haben den Wiedereinstieg in die Landwirtschaft gewagt, was machen Sie anders? Busse: Wiedereinstieg in die Landwirtschaft habe ich als Scherz gesagt, als ich meine ersten vier Apfelbäume gepflanzt habe. Inzwischen haben wir noch mehr Bäume und 350 Meter Hecke gepflanzt und einen Acker in extensives Grünland umgewandelt. Aber ich kann natürlich gut reden, denn mein Broterwerb ist der Journalismus und die meiste Arbeit macht unser Pächter Josef Parensen. Aber mit der Stiftung Gemeinwohlökonomie, der Stadt Steinheim und einigen Landwirten entwickeln wir tatsächlich Ideen, wie man regionale Wertschöpfung und Naturschutz verbinden könnte. Meine Vision sind große Ganzjahresweiden an der Beber und Emmer, gesäumt von Streuobstwiesen, und viele Besucher, Radfahrer vor allem, die sich das anschauen, Apfelsaft und Weidefleisch in Hofläden kaufen. »Das Sterben der anderen wird auch unser eigenes sein« Es gibt das Projekt Vielfalt auf Kalk im Kreis Höxter, wie würden Sie ein Projekt Vielfalt in der Börde umsetzen? Busse: Der Biolandwirt Hartmut Böhner aus Lichtenau, der auch in meinem Buch vorkommt, nennt das Field-Sharing: Der Landwirt nutzt seine Flächen gemeinsam mit den Lerchen, den Hasen und den Insekten. Er baut Getreide und Gemüse in Dammkulturen mit Untersaaten an, die Idee ist Vielfalt auf dem Acker statt Agrarchemie. Viele verschiedene Kulturen nebeneinander nützen auch den Insekten. Unter dem Stichwort Agrarökologie wird an solchen Modellen auf der ganzen Welt geforscht, auch die Welternährungsorganisation FAO fördert das seit einigen Jahren sehr stark. Aber Agrarökologie bedeutet einen Paradigmenwechsel: Nicht mehr der maximale Ertrag ist das Ziel, sondern die größte Vielfalt und die größte Resilienz, also Widerstandsfähigkeit. In jedem Fall ist es wichtig, die biologische Vielfalt nicht nur in winzigen Schutzgebieten zu schützen, sondern überall, also auch auf den fruchtbaren Bördeböden. Plakativ gefragt: Wie können wir die biologische Vielfalt noch retten? Busse: Wir müssen uns klar machen, dass biologische Vielfalt und ein stabiles Klima für uns überlebenswichtig sind. Oder anders ausgedrückt: Das Sterben der anderen wird auch unser eigenes sein.

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