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Eine neue Perspektive bekommen: Arbeitgeber Ansgar Amsel (l.), Vermittlerin Tanja Hartmann (Jobcenter) und Maßnahmenteilnehmer Bernd Menzel. - © Burkhard Battran
Eine neue Perspektive bekommen: Arbeitgeber Ansgar Amsel (l.), Vermittlerin Tanja Hartmann (Jobcenter) und Maßnahmenteilnehmer Bernd Menzel. | © Burkhard Battran

Nieheim/Kreis Höxter 30 Langzeitarbeitslose im Kreis Höxter erfolgreich vermittelt

Das neue Teilhabe-Chancengesetz trägt Früchte

Burkhard Battran
23.05.2019 | Stand 23.05.2019, 17:20 Uhr

Nieheim. Wenn Bernd Melzer (50) um 7.30 Uhr an seiner Arbeitsstelle ankommt, ist er bereits eine Stunde Fahrrad gefahren. Das macht er keinesfalls freiwillig. „Die Busanbindung ist so schlecht, dass ich keine andere Möglichkeit habe, als jeden Tag und bei jedem Wetter mit dem Rad von Steinheim nach Nieheim zu fahren", sagt der ehemalige Langzeitarbeitslose. Bernd Melzer ist froh, endlich wieder einen richtigen Job zu haben. Den hatte er 16 Jahre nicht. „Meine letzte richtige Arbeit war ein Holzbetrieb in Bergheim, den schon lange nicht mehr gibt", sagt Menzel. Mit Gelegenheitsarbeiten und Hartz IV hat sich der Steinheimer über Wasser gehalten. Ohne Berufsausbildung und einschlägige Erfahrung fällt die Vermittlung schwer, zumal Menzel auch nicht mehr der Allerjüngste ist. „Der Betrieb ist toffte, die Kollegen und der Chef sind alle sehr hilfsbereit. Und ich bin glücklich, wieder ein richtiges Arbeitsleben zu haben. Da macht mir auch die Anstrengung mit dem Fahrrad nichts aus", sagt der gebürtige Hagener. Seit März wird der ehemalige Langzeitarbeitslose aus Steinheim im Nieheimer Betrieb Holzbau Amsel zum Facharbeiter ausgebildet. Aktiv nach Mitarbeitern nicht gesucht „Wir fertigen Gebäude in Holzrahmenbauweise, leisten aber auch Stahl- und Maurerarbeiten und wollen Bernd Menzel soweit bringen, dass er einmal eigenverantwortlich Wände erstellen kann", erläutert Betriebsinhaber Ansgar Amsel (39). Vor zehn Jahren hat sich der Zimmerer- und Maurermeister selbstständig gemacht. Inzwischen hat Ansgar Amsel 17 Mitarbeiter. Aktiv nach neuen Mitarbeitern gesucht hat Amsel nicht. Als Anfang des Jahres aber die Anfrage vom Jobcenter kam, ob er nicht einen Mitarbeiter der Maßnahme zum Teilhabe-Chancengesetz bei sich aufnehmen möchte, hat er Ja gesagt. „Der Arbeitsplatz ist zwar subventioniert, aber da Bernd Melzer eine zeitintensive Anleitung und Betreuung benötigt, hält sich der finanzielle Vorteil in Grenzen. Meine Motivation mitzumachen, besteht vor allem darin, dass jeder Mensch, der arbeiten möchte, auch die Chance dazu bekommen sollte", sagt Ansgar Amsel. Ausgesucht aus einem Pool von 500 Menschen Die bekommen Langzeitarbeitslose seit dem vergangenen Jahr über das neue Teilhabe-Chancengesetz. Voraussetzung ist, dass man seit sechs Jahren Hartz IV bezieht. Fünf Jahre lang wird so ein Arbeitsplatz dann vom Jobcenter unterstützt. Die ersten zwei Jahre werden die Lohnkosten komplett vom Jobcenter getragen, im dritten Jahr 90 Prozent, im vierten Jahr 80, und im fünften Jahr 70 Prozent. Danach soll sich der Mitarbeiter so gut in den Betriebsablauf integriert haben, dass sich der Arbeitsplatz auch betriebswirtschaftlich für das Unternehmen rechnet. „Aus einem Pool von etwa 500 Langzeitarbeitslosen haben wir bereits 22 an Betriebe vermittelt, sieben weitere stehen im nächsten Monat an – und das Programm läuft noch weiter", erklärt die stellvertretende Jobcenter-Geschäftsführerin Tanja Hartmann. Mit einem persönlichen Coaching Neben der beruflichen Neuorientierung erhalten die Maßnahmenteilnehmer auch ein persönliches Coaching. Zweimal in der Woche kommt ein Betreuer des Brakeler Bildungsträgers GSM vorbei und führt ein persönliches Gespräch. „Die soziale Begleitung ist wichtig, damit die Teilnehmer sich in der neuen Situation besser festigen", sagt Jobcenter-Chefin Hartmann. „Bernd Menzel ist auf einem sehr guten Weg", bestätigt GSM-Coach Helge Böker. Bernd Menzel hat nicht nur eine gute Arbeit in einem guten Betrieb gefunden, er verdient auch gutes Geld. 12,20 Euro bekommt Menzel in der Stunde. Das ist der baugewerbliche Mindestlohn. Bernd Menzel hat auch schon eine größere Anschaffung im Auge: „Ich kaufe mir ein ordentliches E-Bike, damit ich besser zur Arbeit kommen kann."

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