Neue Sichtweisen: Von der Nieheimer Marktstraße aus ist jetzt das markante Richterhaus und der Richterplatz zu sehen. - © David Schellenberg
Neue Sichtweisen: Von der Nieheimer Marktstraße aus ist jetzt das markante Richterhaus und der Richterplatz zu sehen. | © David Schellenberg

Nieheim Nach Brand im Westfälischen Hof: Areal frei gestalten oder bebauen?

Gestaltung: Das leergeräumte Areal des abgebrannten Westfälischen Hofes liegt brach. SPD-Ratsherr 
Ulrich Kros und NW-Redakteur David Schellenberg argumentieren für und gegen eine neue Bebauung

Nieheim. Wie umgehen mit der Freifläche des abgebrannten Westfälischen Hofes? Die Nieheimer SPD hat dazu eine Diskussion angestoßen. Denn es geht um die Zukunft eines zentralen Areals an der Marktstraße. Die wichtigste Frage: Soll das Gelände wieder bebaut oder frei gestaltet werden? Das diskutieren der SPD-Ratsherr und stellvertretende Nieheimer Bürgermeister Uli Kros und der Nieheimer NW-Redakteur David Schellenberg. Der Westfälische Hof war im Februar 2017 abgebrannt. Familie Johanngieseker, Immobilienmakler aus Verl, hatten das Gebäude kurz zuvor im Jahr 2015 gekauft und für rund 150.000 Euro teilsaniert. Es sollte genutzt werden, um dort ausländische Arbeitnehmer unterzubringen, die für deutsche Unternehmen tätig sind. Ursprünglich hatten die Besitzer geplant, es nach dem Brand zu sanieren oder nach einem Abriss ein neues Hotel aufzubauen. Dies war jedoch unwirtschaftlich, weshalb nach über einem Jahr Leerstand in diesem Herbst der Abriss folgte. Das abgeräumte Grundstück hat die Stadt gekauft. „Nur wenn die Stadt auch Besitzer eines Grundstücks ist, kann sie tatsächlich entscheiden, wie es entwickelt wird. Sie ist dann nicht auf die Mitwirkung eines Investors angewiesen", erklärte Nieheims Bürgermeister Rainer Vidal bereits im vergangenen Sommer seine Strategie. Auf den kommenden beiden Seiten lesen Sie  unterschiedliche Argumente, die für und gegen eine Bebauung sprechen.  Hier argumentiert SPD-Ratsherr Uli Kros für eine Bebauung Altstadt lebt von engerer Bebauung Vorab: Ich bin natürlich nicht für eine Wiederbebauung um jeden Preis! Wir haben in Nieheims Kernstadt genug schmucklose Funktionsbauten – und einen weiteren an dieser Stelle könnte die historische Altstadt nicht ertragen! Aber für eine Wiederbebauung spricht schon mal die Beschlussfassung, mit der der Abriss überhaupt erst möglich gemacht wurde. Dazu wurde eine Stellungnahme der Denkmalexperten des LWL (Landschaftsverband Westfalen-Lippe) eingeholt. Darin wird ausgeführt, dass zwar gegen den Abriss des zerstörten Gebäudes keine Bedenken bestehen, wohl aber „. . . gegen die entstehende Baulücke im historischen Stadtgrundriss". Daraus folgt für den LWL, dass „die Baulücke mit einem Neubau wieder geschlossen werden" sollte. Und weiter heißt es in dieser Stellungnahme noch: „Ein Neubau im Zusammenspiel mit einer Neugestaltung des Richterplatzes würde den gesamten Bereich städtebaulich aufwerten und damit den historischen Stadtgrundriss erhalten". Natürlich ist die freie Sichtachse zwischen katholischer Kirche und Richterhaus nun etwas Besonderes. Und sicher kann man diese Sicht auch noch eine ganze Zeit lang genießen. Aber eine vom Grundriss her mittelalterliche Altstadt lebt doch eher von engerer Bebauung, verwinkelten Gassen, Ansichten und Blicken, die sich erst auftun, wenn man „um die Ecke geht". Gestaltung des Richterplatzes „Freigeräumte" Flächen sind etwas für sterbende Ortskerne. Wenn die Kernstadtentwicklung in Nieheim nach Renovierung und Belebung des Richterhauses und nach der Gestaltung des Richterplatzes mit Abriss des „Toilettenhauses" so gut läuft wie wir uns das alle wünschen, dann wird Nieheims Ortskern aufleben. Dann wird die Tagespflege im Richterhaus eventuell Anziehungspunkt sein und Gewerbe anziehen, das in Nieheim noch nicht so präsent ist – oder es wird Bedarf nach altengerechtem zentrumsnahen Wohnraum schaffen, den es in Nieheim nicht gibt. Und dann würden wir einer Investorin oder einem Investor mit einem guten Nutzungskonzept und architektonisch innovativen Ideen sagen wollen, dass wir ihr oder ihm dieses innerstädtische „Filetstück" nicht geben, weil wir eine Grünfläche schaffen und eine nie da gewesene Sichtachse behalten wollen? Alle politischen Kräfte haben sich in der Vergangenheit dafür eingesetzt, dass die Marktstraße in Nieheim „Einkaufsmeile" in bestem Sinne bleiben sollte, dass Einzelhandelsgeschäfte in kurzer Distanz auch mit dem Auto erreichbar bleiben. Eine gut konzeptionierte Wiederbebauung könnte dabei helfen, die Marktstraße als wirtschaftliche Ader und als städtebaulichen Anker attraktiv zu erhalten. Und wenn die Fläche des ehemaligen Westfälischen Hofes dann doch Grünfläche wird oder werden muss? Wer pflegt sie dann? Ist das selbstverständlich eine städtische Aufgabe, die vom knapp besetzten Bauhof zu erledigen ist? Oder finden sich die Ehrenamtler, die Rasen mähen, Büsche schneiden und Müll sammeln?! Und die das so häufig tun, wie das auf der zentralen Fläche in Nieheim eben notwendig wäre!? Ja, ich fürchte, dass diese Fläche unbebaut bleibt und ansprechend grün gestaltet werden muss, denn ein grauer Parkplatz ist keine Alternative. Ich hoffe aber, dass sich doch eine oder einer findet und dem Quartier ein architektonisch ansprechendes, nützliches Objekt hinzufügt! Hier argumentiert NW-Redakteur David Schellenberg gegen die Wiederbebauung Mut zur Lücke Auch wenn der Großbrand des Westfälischen Hofes ein dramatisches Ereignis war, mit dem erlösenden Abriss eröffnet sich für Nieheim eine große Chance. Die sollte sich die Stadt nicht verbauen.Ein völlig neuer Blick bietet sich dem Besucher von der Marktstraße aus. Das Richterhaus, das zu einem Mehrgenerationenhaus weiterentwickelt wird, und der Richterplatz kommen ganz neu zur Geltung. Die Öffnung schafft eine Verbindung zur Marktstraße und zur Kirche, bricht die eng bebaute Durchgangsstraße etwas auf und kann die Geschäftsmeile quasi sogar noch erweitern. Der Freiraum bietet nicht nur eine neue Sichtachse, sondern lässt die Stadt ein bisschen „atmen". Die Menschen fliehen aus der Stadt in die Wälder und Felder, um den eigenen Mauern zu entkommen und die Freiheit zu genießen. Nun verschwindet eine dieser engen „Mauern". Diese ohne Not wieder zu errichten, nur weil die Menschen im Mittelalter (übrigens aus praktischen Gründen) so gebaut haben, wäre widersinnig. Lange hat der Westfälische Hof leer gestanden – und niemand hat etwas vermisst. Im Gegenteil. Die ganze Stadt hat den Abriss herbeigesehnt. Es gibt leerstehende Einzelhandelsflächen in der Kernstadt, die zunächst vermarktet werden sollten. Einen weiteren Komplex, der notwendigerweise schon aus energetischen Grünen eine moderne Gestalt haben und den aktuellen Bauvorschriften angepasst sein müsste, braucht die schrumpfende Kleinstadt nicht. Ein Schandfleck beseitigen Und wenn doch, bietet sich zuerst das völlig unansehnliche Ratskrug-Gelände schräg gegenüber an. Hier wäre eine Bebauung dringend geboten, um einen Schandfleck zu beseitigen. Problem: Das Grundstück gehört nicht der Stadt, und die Kommune kann nicht auf ein Einzelhändler mit großer Anziehungskraft hoffen.Natürlich müsste die Westfälischer-Hof-Freifläche entsprechend langfristig entwickelt werden. Einfach nur weitere Parkplätze oder eine grüne Rasenfläche werden dem Filetstück sicherlich nicht gerecht. Hier gilt es, sich kreative Gedanken zu machen. Ein Prozess, in den sich alle Bürger der Kernstadt und interessierte Ortschaftsbewohner einbringen könnten, möglicherweise begleitet von Studenten der Landschaftsarchitektur der Hochschule Höxter. Von ihnen wären noch mal ganz andere schöpferische und originelle Ideen zu erwarten.Warum nicht beispielsweise eine kleine parkähnliche Anlage mit einigen Sitzmöglichkeiten und Kunstwerken entwickeln? Dabei wäre natürlich darauf zu achten, dass dieser pflegeleicht und praktikabel gestaltet wird. In diese Entwicklung ließe sich der Richterplatz einbeziehen, der mehr verdient hat, als nur Parkplatz zu sein. Vielleicht ließe sich das Areal auch für einen kleinen Wochenmarkt nutzen. Ein Anziehungspunkt, den Nieheim verdient hätte und der die Attraktivität der Stadt durchaus steigern würde. Einen solchen Treffpunkt in der Innenstadt hat nicht jede Kommune. Für Käse- und Holzmarkt böte die Fläche ebenfalls zusätzliches Entwicklungspotenzial.Eines darf allerdings nicht passieren: Nichts tun. Das Areal sollte keine Fläche werden, die in den kommenden Jahren abgesperrt bleibt, brach liegt und allenfalls mal gemäht wird, wenn Gras und Unkraut es überwuchern. Wie wenig einladend das wirkt, lässt sich am Ratskrug-Grundstück beobachten. Deshalb ist es richtig, dass sich die Nieheimer Gedanken machen und um die beste Lösung ringen.

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