0

Marienmünster/Detmold Tödlicher Unfall: Gericht mildert die Strafe

Dauerarrest für jungen Verursacher verkürzt

VON MARIANNE SCHWARZER
27.04.2013 | Stand 25.04.2013, 20:28 Uhr
Am Unfallort auf der Bundesstraße 239 an der Abtei Marienmünster erinnert ein Kreuz an den tödlich verunglückten Joscha Prasse aus Blomberg. - © FOTO: MARAINNE SC HWARZER
Am Unfallort auf der Bundesstraße 239 an der Abtei Marienmünster erinnert ein Kreuz an den tödlich verunglückten Joscha Prasse aus Blomberg. | © FOTO: MARAINNE SC HWARZER

Marienmünster/Detmold. Zwei Wochen Dauerarrest und zwei Monate Führerscheinentzug weniger hat dem Angeklagten gestern seine Berufung vor dem Landgericht Detmold eingebracht. Er hatte einen Unfall mit Todesfolge verursacht.

Wie die NW berichtete, hatte sich der Unfall, bei dem vier Menschen schwer verletzt und der 17-jährige Joscha Prasse aus Blomberg getötet worden war, im April 2011 auf der B 239 bei Marienmünster ereignet.

Ein 18-jähriger Barntruper hatte mit seinem BMW Cabrio im Überholverbot ein Wohnwagengespann und einen mit jungen Leuten besetzten Mazda überholt. Anschließend scherte er so knapp wieder ein, dass sich der junge Mazdafahrer erschrak, mit zwei Rädern auf die Bankette geriet und beim Gegenlenken in den Gegenverkehr geriet.

Der Verursacher war bei der Hauptverhandlung vor dem Jugendschöffengericht zu vier Wochen Dauerarrest und 100 Sozialstunden verurteilt worden. Seine Schuld hatte er damals nicht eingestanden.

Das sah gestern morgen in der Berufungsverhandlung anders aus, darum wurden außer dem Gutachter auch keine Zeugen mehr gehört: "Ziel ist nicht, behaupten zu wollen, dass mein Mandant keine Schuld hat", betonte sein Verteidiger, der Bielefelder Rechtsanwalt Dr. Lutz Klose. "Er hat überholt, in gutem Glauben, dass das noch passt. " Der junge Mann sei gestraft genug: Seine Schulnoten seien abgesackt, er leide unter dem Geschehenen. "Da muss man nicht mehr erzieherisch reagieren." Dr. Klose plädierte dafür, keinen Dauerarrest zu verhängen und es lediglich bei Sozialstunden zu belassen. Die Führerscheinsperre solle aufgehoben werden. Staatsanwältin Eva-Marie Marschall-Höbrink sah das ganz anders: "Wenn man so etwas tut, dann geht man das Risiko ein, dass was Schlimmes passieren kann – das ist das nicht fahrlässig, sondern Vorsatz."

Die Blombergerin Gaby Prasse kam als Nebenklägerin und Mutter des verstorbenen Jungen zu Wort: "Ich kann nicht nachvollziehen, dass ich bis heute kein Wort der Entschuldigung gehört habe", sagte sie.

Das lieferte der Angeklagte gestern nach: "Es ist sehr schwer für alle Beteiligten. Es tut mir leid, dass Sie daran beteiligt waren", sagte er mit Blick auf die Angehörigen und die noch lebenden Unfallopfer. Für das Gericht unter Vorsitz von Richter Karsten Niemeyer ein "ehrliches Schuldeingeständnis". In seinem nun endgültigen Urteil reduzierte das Gericht die Strafe auf zwei Wochen Dauerarrest. Der Führerschein bekommt er in einem Jahr wieder, und er muss die 100 Sozialstunden leisten. Gaby Prasse war nach der Verhandlung einfach nur noch froh, dass es vorbei ist: "Mit diesem Kompromiss können wir leben", sagte sie.¦ Kommentar
   
 

KOMMENTAR
Urteil zum tödlichen Verkehrsunfall
Rücksichtsloses Gefeilsche
MARIANNE SCHWARZER

Zwei statt vier Wochen Dauerarrest, damit ist der Verursacher des tödlichen Unfalls bei Marienmünster gestern davongekommen. Am Rande der Berufungsverhandlung hat die LZ ihn gefragt, ob es das wert ist, allen Beteiligten diese erneute Verhandlung zuzumuten. Er konnte die Frage nicht beantworten.

Aber es gibt eine glasklare Antwort: Zwei Wochen weniger Arrest sind es nicht wert, bei all den anderen Beteiligten die Wunden wieder aufzureißen.

Immerhin hat sein längst fälliges Eingeständnis der Schuld dafür gesorgt, dass nicht jedes Detail des Unfalls erneut aufgedröselt werden musste. Aber mit ein bisschen mehr Anstand im Leib hätte er reuig die Strafe für ein derart riskantes Überholmanöver angenommen und sich längst bei den Opfern und den trauernden Eltern entschuldigt, notfalls auch mit einem Brief. Erst gestern vor Gericht hat er sich eine Entschuldigung abgerungen.

Dass das Gericht das rücksichtslose Feilschen um ein paar Wochen Dauerarrest am Ende sogar honoriert hat, ist schwer verständlich. Er habe fahrlässig gehandelt, nicht vorsätzlich, lautet das Urteil des Schöffengerichts.

Die Staatsanwältin sieht das zu Recht anders: Wer dermaßen riskant trotz des Verbotes überholt, setzt sich vorsätzlich über eine Verkehrsregel hinweg und riskiert Menschenleben. Von solchen Leuten fahren viel zu viele auch auf Lippes Straßen herum. Gott sei dank stirbt nicht jedes Mal jemand.

MSchwarzer@
lz-online.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group