Marienmünster Berauschende Worte und Klänge

"Wege durch das Land": Begegnung mit einem großen Filmemacher und einem brillanten jungen Geiger

Von Christine Longère
Martina Gedeck führte "durch alte Wörtergärten". - © FOTO: CHRISTINE LONGÈRE
Martina Gedeck führte "durch alte Wörtergärten". | © FOTO: CHRISTINE LONGÈRE

Marienmünster. Der Beifall, mit dem die Veranstaltungsbesucher in der restlos vollen Scheune auf dem ehemaligen Wirtschaftshof der Abtei Marienmünster den Gast aus New York begrüßten, hatte das Ausmaß von Ovationen. Gerührt bedankte sich der 91-jährige Jonas Mekas: "I’m very happy to see you, thank you for coming" (Ich bin sehr glücklich, Sie zu sehen. Danke für Ihr Kommen). Als junger Mann hat der aus Litauen stammende Filmregisseur und Schriftsteller in Deutschland Schlimmes erlebt, bevor er in die Vereinigten Staaten emigrierte und zum "Paten des amerikanischen Avantgardekinos" wurde.

Er war 22 Jahre alt, als die Nazis ihn inhaftierten. In Elmshorn musste er Zwangsarbeit leisten. Weil er nicht in sein Geburtsland zurückkehren konnte, fand er nach dem Krieg als "displaced Person" Unterkunft in Lagern in Kassel und Wiesbaden. In dieser Zeit entstanden Gedichte, aus denen die Sehnsucht nach der Heimat spricht. Nach dem Leben auf dem Lande, wo er den Bauern und Schäfern bei der Arbeit half, nach den Nachbarn und Freunden von einst, nach den Feldern und Weiden, dem hohen Sommerhimmel.

"Dokumente meiner Kindheit" nennt Mekas diese Gedichte, deren deutsche Übersetzung Simon Roden las. Einfacher sei es, etwas mit der Kamera aufzunehmen. Das sei dann "real, nicht poetisch", sagte der Autor im Gespräch mit Brigitte Labs-Ehlert, der künstlerischen Leiterin des Literatur- und Musikfestes "Wege durch das Land". Der Unterschied zwischen Schreiben und Filmen liege in dem Material, mit dem man arbeite. Diese Arbeit werde beeinflusst von zwei Musen, "und diese beiden sprechen nicht miteinander". Gefragt nach der Rolle, die die Erinnerung dabei spiele, antwortete Mekas: "Wir denken nicht viel über Erinnerung nach. Sie ist wie das Wasser für den Fisch. Wir leben darin."

"Was ist vergänglich, wenn das Gewesene bleibt?", fragt Botho Strauß in seinem 1985 geschriebenen, 75 Seiten langen Gedicht "Diese Erinnerung an einen, der nur einen Tag zu Gast war". Hochkonzentriert lotete die Schauspielerin Martina Gedeck die Abgründe der opulenten, berauschenden Sprache aus. Sie gab dem Text eine Ausdrücklichkeit, die es leicht machte, ihr auf verschlungenen Pfaden "durch die alten Wörtergärten" zu folgen.

Von der "wunderbaren Musik der Erde", dem "Geflecht aus Tönen" ist bei Mekas die Rede, und auch Strauß preist die Welt der Klänge: "Zwischen der Stille des Seins und der Stille des Himmels bist du, Musik, ohne Vergleich." Den roten Faden, der sich durch die Lesungen zog, griff das Konzert der Sinfonietta Riga auf. Als ein Geiger, der das Zeug zum Star hat, stellte sich der 23-jährige, in Montpellier geborene Marc Bouchkov vor. Mit dem betörend schönen Gesang zum Ruhm der Liebe, den der litauische Komponist Peteris Vasks in seiner Fantasie für Violine und Orchester "Vox amoris" dem Soloinstrument zuschreibt, spielte er sich in die Herzen der Zuhörer.

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