Unterstützung: Eine Spende über 1.000 Euro erhielten Siegfried Kaiser (l.) und Hans-Josef Winter (r.) von Oliver Fuchs (Braunschweigische Sparkassenstiftung) und Sonja Rose (Filialleiterin). - © Simone Flörke
Unterstützung: Eine Spende über 1.000 Euro erhielten Siegfried Kaiser (l.) und Hans-Josef Winter (r.) von Oliver Fuchs (Braunschweigische Sparkassenstiftung) und Sonja Rose (Filialleiterin). | © Simone Flörke

Holzminden Sie wecken die Schulschwänzer im Landkreis auf

Neuland: Hans-Josef Winter und Siegfried Kaiser ziehen für das Ehrenamtlichen-Projekt Schulverweigerer-Wecker in Holzminden nach einem Jahr Bilanz

Simone Flörke

Höxter/Holzminden. Blaumachen ist kein Kavaliersdelikt: Und weil das so ist, gibt es seit einem Jahr in Holzminden ein ehrenamtliches Projekt unter dem Dach des Vereins Aktive Hilfe, das sich Schulverweigerer-Wecker nennt. 80 Schulverweigerer im Alter von 14 bis 18 Jahren sind dem Wecker-Team um Leiter Hans-Josef Winter gemeldet worden. 44 von ihnen haben die sechs Ehrenamtlichen (alle Polizei-, Justiz- und Forstbeamte im Ruhestand) mit sofortiger, unbürokratischer Hilfe in den regelmäßigen Schulunterricht zurückgebracht. Für sie ein großer Erfolg, erklären Winter und Siegfried Kaiser. Denn als Ziel hatte man eine 20-Prozent-Quote ausgegeben. „Uns hat diese Bilanz überrascht", sagt Winter, der als Bewährungshelfer schon zuvor Kontakt mit Schulschwänzern während ihrer Ableistung gemeinnütziger Arbeit hatte. Und erschrocken darüber war, dass die Verfahrenswege ein halbes Jahr dauern und die Jugendlichen meist gar nicht mehr den Zusammenhang mit ihrem Schuleschwänzen hatten. Nach seiner Pensionierung entstand unter dem Dach des Paritätischen, dem der Verein angehört, das bislang einmalige Projekt, das auf eine zeitnahe Kontaktaufnahme nach der Meldung des wiederholten unentschuldigten Fehlens eines Schülers setzt. "Sie müssen uns so ätzend empfinden, dass sie lieber zur Schule gehen" Und auf die Freiwilligkeit, sagt Kaiser. Zunächst hole man sich wegen des Datenschutzes die Einverständniserklärung der Sorgeberechtigten. Dann stehen die Schulverweigerer-Wecker täglich, wöchentlich oder auch monatlich bei den Schulschwänzern unangemeldet auf der Matte. Engmaschig und über ein halbes Jahr hinweg. „Sie müssen uns als so ätzend empfinden, dass sie lieber die Schule besuchen", erklärt der ehemalige Polizeibeamte. Gründe fürs unentschuldigte Fehlen: „Sie haben keinen Bock, kommen mit Lehrern oder Mitschülern nicht klar, häusliche Einschränkungen oder gar psychologische Auffälligkeiten", fassen Winter und Kaiser zusammen. Gemeldet werden die 14- bis 18-Jährigen von Stadt, Landkreis oder Schulen – wobei sich die Ehrenamtlichen von dort noch viel mehr schnelle Rückmeldungen erhoffen, wenn sich das Projekt weiter verfestigt hat. Wenn fünf Tage auffälliges weil unentschuldigtes Fehlen in einem bestimmten Zeitraum im Klassenbuch stehen, werden sie aktiv. „Wir hatten mit mehr Gegenwehr gerechnet", sagt Winter rückblickend. Aber sie seien sehr willkommen gewesen. „Endlich kommt mal jemand und sagt meinem Enkel, wo’s langgeht": Auch mit solchen Worten wurden sie an der Haustür begrüßt. Ehrlichkeit, klare Worte und klare Wege Ehrlichkeit, klare Worte und klare Wege – das ist ihre Devise im Gespräch, das immer ganz individuell ist. Aber sie haben auch Fälle gehabt, wo sie allein nicht weiterkamen, als Vermittler an professionelle Hilfeeinrichtungen verweisen mussten: psychologische Auffälligkeiten, Drogen, Gewalt, Missbrauch; durch alle sozialen Schichten. „Das geht an die Nieren", sagt Kaiser. Das Netzwerk der Hilfen ist für sie das A und O. Und er betont: „Es geht um die Kinder, ihre Bildung und damit ihre Zukunft." Und es geht auch im nächsten Schuljahr weiter.

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