Kreis Höxter Bürger haben die Zukunft in der Hand

Referenten beim Thementag "Ländlicher Raum" sehen Dorfbewohner in der Pflicht

Von Uwe pollmeier
10.10.2013 | Stand 08.10.2013, 20:17 Uhr
Die Dörfer leiden unter der demografischen Entwicklung, immer mehr Menschen ziehen in die Stadt. Höchste Zeit, über Konzepte zur Dorfrettung nachzudenken, damit das Herzstück ländlicher Regionen wieder im Takt schlägt. - © Karikatur: Schwarze-Blanke
Die Dörfer leiden unter der demografischen Entwicklung, immer mehr Menschen ziehen in die Stadt. Höchste Zeit, über Konzepte zur Dorfrettung nachzudenken, damit das Herzstück ländlicher Regionen wieder im Takt schlägt. | © Karikatur: Schwarze-Blanke

Kreis Höxter. "Bis 2030 wird die Bevölkerungszahl in Höxter um 18 Prozent zurückgehen", sagt Bürgermeister Alexander Fischer. Wer einmal den Ort verlassen habe, käme bestenfalls zum Schützenfest noch einmal zurück. Mögliche Lösungen gegen das Aussterben der Dörfer lieferte die gestrige Veranstaltung "Daseinsvorsorge im Dorf - Lebensqualität im ländlichen Raum sichern" im Historischen Rathaus mit mehreren Vorträgen zum Thema. Schon zu Beginn wurde deutlich, dass vor allem die Bürger ihr Dorf retten sollen.

"Der Abwärtstrend in den Ortschaften ist deutlich spürbar", sagt Fischer. Die Veranstaltung sei ein wichtiger Schritt, dieses Thema voranzutreiben. Und sie könne neue Ideen liefern, die jeder mit nach Hause nehmen sollte. Landrat Friedhelm Spieker ist ebenfalls der Ansicht, dass man nun "große Veränderungen meistern muss". "Wir müssen Dinge umsetzen, auch wenn es manchmal wehtut", sagt er und spielt auf den Straßenrückbau in einigen Dörfern an.

Es sei aber insbesondere die Aufgabe der Dorfgemeinschaft, sich mit der Entwicklung zu beschäftigen. Gedankengut sei wichtiger als Geld. Wer innovative Ideen schnell umsetze, werde seine Chancen nutzen. Viele Einschnitte seien, so gibt Spieker zu bedenken, auch den eigenen Lebensumständen geschuldet. Ein Lebensmittelladen oder eine Bankfiliale, die nur aus unzureichend von den Bürgern genutzt wurden, seien folgerichtig verschwunden.

"Aber wir dürfen nicht wehklagen. Die Situation ist so, wie sie ist", sagt Spieker. "Wir müssen die Vorzüge der ländlichen Region, wie günstige Mieten und traumhafte Natur, einfach stärker in die Waagschale werfen", fordert der Landrat des Kreises Höxter. In der möglichen Ernennung Corveys zum Weltkulturerbe im kommenden Jahr sieht Spieker einen "Riesenschub für den Kreis Höxter".

Dr. Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung stellt den rund 100 Besuchern der vom Düsseldorfer Zentrum für ländliche Entwicklung (Zele) organisierten Veranstaltung die wissenschaftliche Studie "Die Zukunft der Dörfer" vor. Darin wurden exemplarisch zwei Kreise untersucht, der hessische Vogelsbergkreis und der Landkreis Greitz in Thüringen. Kröhnert und sein Team haben herausgefunden, dass fehlende Arbeitsplätze für Studienabgänger ein wichtiger Faktor seien, jedoch das kulturelle Angebot nicht zu unterschätzen sei. "Mit dem Bildungsstand steigt auch das Bedürfnis an kulturellen Angeboten", sagt Kröhnert. Und bleibe dieses gering, steige auch die Anzahl der Wegzüge aus der Region.

"Das Reden über den demografischen Wandel und das Handeln sind oft zwei Paar Schuhe", fordert Heiko Wiebusch von der Stadt Hessisch Oldendorf Taten. Nur aktive Dörfer seien Dörfer mit Zukunft. Man müsse jedoch stets die konkrete Situation vor Ort betrachten, denn jedes Dorf sei anders, und es gebe keine Patentrezepte. Generell sei es jedoch wichtig Mut zu haben, neue Lösungen zu finden und auch mal ungeliebte Dinge zu tun, wie etwa das Abreißen denkmalgeschützter Gebäude oder Schrottimmobilien. "Dass jedoch alles ehrenamtlich und ohne Geld geht, ist ein Etikettenschwindel", sagt Wiebusch.

In Höxter zeigt sich in den Dörfern bereits eine recht große Aktivität, wie die Demografiebeauftragte Sinja Mund den Veranstaltungsteilnehmern erklärt. "Wir haben bereits 2006 ein Demografiekonzept erarbeitet und überall unsere Dorfwerkstätten gestartet", sagt Mund. In Ottbergen, Stahle und Lütmarsen haben sich bereits Arbeitsgruppen gebildet, in Godelheim wurde sogar schon ein Konzept erarbeitet.

"In Höxter gibt es zwölf Ortschaften, überall gehen die Einwohnerzahlen zurück", sagt Mund. Am geringsten sei der Rückgang mit 1,8 Prozent zwischen 2002 und 2012 in Stahle, am größten mit gut 13 Prozent in Bosseborn. "Wer in den Dörfern lebt, sollte mitgestalten", fordert Mund. Allerdings werde die Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt, da die Zahl der Ehrenamtlichen stagniere.

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